Zusammenfassung: Temnos (Temnus) liegt am Hang des Dumanlı Dağı (antik Berg Temnus), in der Nähe des heutigen Dorfes Görece im Landkreis Menemen, und überragt das Tal des Hermos (Gediz). Es zählt zu den zwölf aiolischen Städten, die Herodot (I,149) unter den ursprünglichen aiolischen Kolonien aufzählt. Strategisch kontrollierte Temnos als Garnisonsstadt die fruchtbare Hermos-Ebene und die Verbindungswege von der Ägäisküste ins Hinterland. Trotz seiner historischen Bedeutung ist das Gelände weitgehend unausgegraben — eine „schlafende" antike Stadt mit Mauern, Zisternen, einer Theatermulde und Terrassenfundamenten, die auf eine systematische Erforschung warten. Das Temnos Archaeological Survey Project unter Leitung von Giuseppe Ragone (Università Roma Tre) hat seit 2006 mit geophysikalischen Methoden begonnen, das städtische Gefüge zu rekonstruieren.
- Warum Temnos bedeutsam ist
- Geographie und Lage
- Historischer Hintergrund
- Der Aiolische Bund
- Stadtgefüge und Bauwerke
- Münzen und Wirtschaft
- Archäologische Oberflächenforschung in Temnos
- Temnos in antiken Quellen
- Regionaler Kontext
- Besucherinformationen
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen und weiterführende Literatur
Warum Temnos bedeutsam ist
Temnos ist aus mehreren miteinander verschränkten Gründen wichtig:
Aiolisches Erbe: Als eine der zwölf Städte des Aiolischen Bundes — der losen Konföderation griechischer Kolonien an der Nordwestküste Kleinasiens — bewahrt Temnos ein weitgehend unberührtes Beispiel aiolischer Urbanistik. Während viele aiolische Städte (etwa Pergamon oder Smyrna) später im Hellenismus und in der Kaiserzeit überformt wurden, hat Temnos seinen frühen Charakter erhalten.
Strategische Militärlage: Die Hügelposition über dem Hermos-Tal erlaubte die Kontrolle einer der wichtigsten Agrarebenen Westanatoliens und der Handelswege. Diese Garnisonsfunktion spiegelt sich in den starken Stadtmauern wider.
Unausgegrabenes Potenzial: Temnos ist eine der vielversprechendsten unausgegrabenen antiken Stätten im Großraum İzmir. Geophysikalische Untersuchungen haben unter der Oberfläche Stadtmauern, Gebäudefundamente und Terrassensysteme nachgewiesen — eine „archäologische Zeitkapsel", die auf eine systematische Grabung wartet.
Reiche Quellenlage: Von Herodot (5. Jh. v. Chr.) über Strabon (1. Jh. v./n. Chr.) bis zu Plinius dem Älteren (1. Jh. n. Chr.) erwähnen zahlreiche antike Autoren Temnos und bieten einen dichten Textrahmen zum Verständnis der Stätte.
Geographie und Lage
Temnos liegt etwa 8 km nordwestlich des Stadtzentrums von Menemen, nahe dem Dorf Görece, an den Hängen des Dumanlı Dağı.
Das Gelände nimmt einen Bergrücken in 400–500 Metern Höhe ein und beherrscht die fruchtbare Ebene des Hermos (Gediz) — eine der ergiebigsten Agrarlandschaften Westanatoliens. Das Hermos-Tal war ein zentraler Ost-West-Korridor, der die ägäischen Häfen mit dem lydischen Hinterland und letztlich mit dem persischen Königsstraßennetz verband.
Topographische Vorteile
- Verteidigungsfähiges Gelände: Steile Hänge auf mehreren Seiten boten natürlichen Schutz, verstärkt durch Mauern.
- Wasserversorgung: Natürliche Quellen und in den Fels gehauene Zisternen versorgten Garnison und Zivilbevölkerung.
- Landwirtschaftliches Hinterland: Die fruchtbare Schwemmlandebene unterhalb ermöglichte ausgedehnten Getreide-, Oliven- und Weinanbau.
- Sichtbeziehungen: Visuelle Verbindungslinien knüpften Temnos an andere aiolische Städte an der Küste und im Hinterland an.
Die umgebende Landschaft zeigt einen Übergang von mediterraner Macchie an den unteren Hängen zu Kiefernwäldern in höheren Lagen. Bis heute ist die Region überwiegend ländlich geprägt — Olivenhaine und Kleinlandwirtschaft dominieren die lokale Wirtschaft.
Historischer Hintergrund
Gründung und aiolische Zeit (ca. 1000–546 v. Chr.)
Temnos wurde im Rahmen der aiolischen Kolonisation Westanatoliens nach dem Zusammenbruch der mykenischen Welt (ca. 1100–900 v. Chr.) gegründet. Herodot zählt es unter die zwölf ursprünglichen aiolischen Städte (I,149).
Über die frühen Jahrhunderte sind nur spärliche Belege vorhanden; man darf jedoch annehmen, dass die Stadt am breiteren kulturellen und wirtschaftlichen Netzwerk der aiolischen Gemeinschaft teilhatte und mit Schwesterstädten Dialekt, religiöse Praktiken und politische Institutionen teilte.
Lydische Zeit (ca. 680–546 v. Chr.)
Wie die anderen aiolischen Städte geriet Temnos unter den Einfluss und schließlich die Kontrolle des lydischen Königreichs mit Sitz in Sardis. Unter den Königen Gyges, Alyattes und Kroisos behielten die griechischen Küstenstädte unter lydischer Oberherrschaft im Allgemeinen ihre innere Autonomie.
Persische Zeit (546–334 v. Chr.)
Nach der Eroberung Lydiens durch Kyros den Großen 546 v. Chr. fiel Temnos mit allen griechischen Städten Kleinasiens unter persische (achaimenidische) Herrschaft. Die Stadt wurde Teil der lydischen Satrapie.
Hellenistische Zeit (334–133 v. Chr.)
Nach der Befreiung der griechischen Städte durch Alexander den Großen (334 v. Chr.) trat Temnos in die hellenistische Welt ein. Die Stadt durchlief die Herrschaft mehrerer Nachfolgereiche:
- Nach Alexanders Tod zunächst antigonidische Kontrolle
- Nach der Schlacht bei Ipsos (301 v. Chr.) Kontrolle des Lysimachos
- Seleukidischer Einfluss im 3. Jh. v. Chr.
- Anschluss an Pergamon unter den Attaliden, vermutlich Mitte des 3. Jh. v. Chr.
Unter pergamenischer Kontrolle könnte Temnos als Grenzgarnison zum Schutz der westlichen Annäherungen des Königreichs gedient haben.
Römische Zeit (133 v. Chr. – 395 n. Chr.)
Als Attalos III. das Königreich Pergamon 133 v. Chr. den Römern vermachte, wurde Temnos Teil der römischen Provinz Asia. Die Stadt funktionierte weiter als kleines städtisches Zentrum, blieb jedoch im Schatten des rasch wachsenden Smyrna (heute İzmir).
In der Kaiserzeit prägte Temnos eigene Bronzemünzen — ein Hinweis auf fortbestehende städtische Identität und kommunale Autonomie. Die kaiserzeitlichen Münzen zeigen Götter wie Dionysos (im Rückgriff auf die regionale Weinbauwirtschaft) und Tyche (Schutzgöttin der Stadt).
Spätantike und Aufgabe
In der Spätantike (4.–7. Jh. n. Chr.) scheint die Stadt allmählich zurückzugehen. Gründe könnten Bevölkerungskonzentration in den großen Städten, der Zusammenbruch regionaler Handelsnetze sowie mögliche Erdbebenschäden sein.
Der Aiolische Bund
Die zwölf von Herodot (Historien I,149) genannten aiolischen Städte:
- Kyme (Namurt Limanı) — die größte und wichtigste aiolische Stadt
- Larisa (nahe Buruncuk)
- Neonteichos (nahe Yanıkkale)
- Temnos (Görece/Dumanlı Dağı)
- Killa (Lage umstritten)
- Notion (nahe Klaros)
- Aigiroessa (Lage ungewiss)
- Pitane (Çandarlı)
- Aigai (Nemrutkale)
- Myrina (Kalabaksarı)
- Gryneion (nahe Aliağa)
- Smyrna — später von den Ioniern „abgenommen" (Herodot I,150)
Der Aiolische Bund war politisch weniger gefestigt als der südlichere Ionische Bund. Er funktionierte vorrangig als kulturelle und religiöse Föderation um gemeinsame Heiligtümer und Feste. Die Aioler sprachen einen eigenständigen aiolischen Dialekt — auch die Dichter Sappho und Alkaios von Lesbos verwendeten ihn — und teilten gemeinsame Kultpraktiken vor allem um Apollon und Dionysos.
Stadtgefüge und Bauwerke
Auch wenn noch keine systematischen Grabungen stattgefunden haben, konnten Oberflächenuntersuchungen und Geophysik mehrere bedeutsame Elemente identifizieren:
Stadtmauern
Das am deutlichsten erhaltene Element ist die entlang der Dumanlı-Hänge nachvollziehbare Mauerlinie:
- Mit hellenistischer polygonaler und Quadertechnik errichtet
- Die Mauerlinie umschloss einen großen Bereich an den oberen Hängen
- Entlang der Mauer wurden Fundamente von Türmen festgestellt
- Die Qualität deutet auf eine militärische Investition aus pergamenischer Zeit hin
Theatermulde
Während der Untersuchungen wurde eine natürliche theaterförmige Mulde am Hang identifiziert:
- Die Cavea (Zuschauerraum) dürfte die natürliche Hanglage genutzt haben
- An der Oberfläche sind keine Architekturelemente (Sitzblöcke, Bühnenbau) sichtbar
- Eine vollständige Dokumentation erfordert Grabungen
Zisternen und Wassersysteme
Mehrere in den Fels gehauene Zisternen wurden identifiziert:
- Unverzichtbar für eine Hügelgarnison ohne hochgelegene natürliche Wasserquellen
- In den Kalkstein-Felsuntergrund geschlagen
- Einige zeigen wasserdichte Innenputze
Terrassenfundamente
Geophysikalische Untersuchungen (Magnetometrie und Bodenradar) im Rahmen des Temnos-Projekts:
- Belegen rechteckige Gebäudefundamente auf terrassierten Plattformen
- Identifizieren auf der oberen Terrasse eine Struktur, die ein Tempelpodium sein könnte
- Erkennen Wegverläufe, die die verschiedenen Ebenen der Stadt verbinden
Keramische Befunde
Bei den Begehungen gesammelte Oberflächenkeramik deckt mehrere Epochen ab:
- Archaische und klassische Fragmente (7.–4. Jh. v. Chr.)
- Hellenistische Feinkeramik und Transportamphorenfragmente
- Römische Keramik (einschließlich Terra Sigillata)
- Diese Keramiksequenz bestätigt eine ununterbrochene Besiedlung von der archaischen bis zur römischen Zeit.
Münzen und Wirtschaft
Temnos prägte in der hellenistischen und römischen Zeit eigene Münzen, die wichtige Aufschlüsse über die Wirtschaft und das religiöse Leben der Stadt geben:
Hellenistische Münzen
- Kleinere Bronzeneinheiten für den lokalen Verkehr
- Darstellungen des Dionysos (Weingott) — Spiegel der Bedeutung des Weinbaus im Hermos-Tal
- Apollon-Ikonographie im Einklang mit aiolischen Religionstraditionen
Römische Kaisermünzen
- Bronzene Stadtprägungen unter verschiedenen Kaisern
- Reverstypen: Tyche (Glücks- und Stadtgöttin), Asklepios (Heilgott) und Dionysos mit Trauben
- Einige Prägungen zeigen Bündnismünzen (Homonoia) mit Nachbarstädten und belegen diplomatische Beziehungen
- Die Fortsetzung der Prägung bis ins 2.–3. Jh. n. Chr. zeigt, dass die Stadt selbst als kleine römische Provinzstadt ihre städtischen Institutionen bewahrte
Agrarwirtschaft
Die Hermos-Ebene war eine der Kornkammern Westanatoliens:
- Getreidebau in der Schwemmlandebene
- Weinbau an den Hängen — bestätigt durch die Dionysos-Ikonographie der Münzen
- Olivenanbau in der ganzen Region
- Viehwirtschaft in höheren Hanglagen
Archäologische Oberflächenforschung in Temnos
Die wichtigste moderne Untersuchung in Temnos ist das Temnos Archaeological Survey Project, das 2006 von Prof. Giuseppe Ragone von der Università Roma Tre begründet wurde:
Methodik
- Intensive Oberflächenbegehung — Sammlung und Kartierung von Keramik, Architekturfragmenten und weiteren Oberflächenfunden
- Geophysikalische Prospektion — Magnetometrie, Widerstandsmessung und Bodenradar zur Identifizierung von Strukturen ohne Grabung
- Topographische Kartierung — detaillierte digitale Geländemodelle der Stätte
- Architekturdokumentation — Aufnahme sichtbarer Mauerlinien, Zisternen und sonstiger Elemente
Wichtige Befunde
- Bestätigung der Stadtmauerlinie mit Türmen und Toren
- Identifizierung mehrerer Bauplattformen, die auf eine geplante städtische Anlage hinweisen
- Entdeckung eines möglichen Bereichs einer Agora oder öffentlichen Platzes
- Dokumentation des Wassermanagementsystems (Zisternen, Kanäle) der Stadt
Temnos in antiken Quellen
Mehrere antike Autoren erwähnen Temnos:
Herodot (5. Jh. v. Chr.): Zählt Temnos zu den zwölf aiolischen Städten (Historien I,149). Dies ist die älteste erhaltene schriftliche Erwähnung.
Xenophon (4. Jh. v. Chr.): Erwähnt das Gebiet von Temnos in der Anabasis (VII,8,8) im Kontext militärischer Bewegungen in Westanatolien.
Strabon (1. Jh. v./n. Chr.): Verortet Temnos in seiner Geographika (XIII,3,5) im aiolischen Gebiet.
Plinius der Ältere (1. Jh. n. Chr.): Nennt Temnos in der Naturalis Historia (V,30) unter den Städten der aiolischen Region.
Regionaler Kontext
Temnos war Teil des dichten Netzes antiker Städte im Großraum İzmir:
Aiolische Nachbarn:
- Kyme (30 km nordwestlich) — größte aiolische Stadt, bedeutender Hafen
- Pitane (50 km nördlich, heute Çandarlı) — aiolische Küstenstadt
- Myrina (40 km nördlich) — weiteres Bundesmitglied
- Gryneion (35 km nördlich, nahe Aliağa) — berühmt für sein Apollon-Orakel
Ionische Nachbarn:
- Smyrna (25 km südlich, heute İzmir) — eine der größten Städte der Antike
- Phokaia (40 km nordwestlich, heute Foça) — seefahrende ionische Stadt
Diese dichte städtische Landschaft bedeutete, dass Temnos nie eine eigenständige Großmacht war, sondern ein strategischer Knotenpunkt in einem komplexen regionalen Netzwerk.
Besucherinformationen
Lage: In der Nähe des Dorfes Görece, etwa 8 km nordwestlich des Zentrums von Menemen, Provinz İzmir.
Anreise: Mit dem Auto von İzmir aus etwa 40 Minuten (Abfahrt Menemen von der Autobahn İzmir–Çanakkale). Aus Menemen führen Landstraßen Richtung Görece. Es besteht keine regelmäßige öffentliche Verbindung zur Stätte. Aus dem DACH-Raum bestehen ganzjährig Direktflüge nach İzmir, etwa von München und Frankfurt aus.
Aktueller Status: Die Stätte ist nicht für den Tourismus erschlossen — es gibt weder Kasse noch Informationstafeln oder ausgeschilderte Wege. Besucher sollten sie als informelle archäologische Erkundung betrachten.
Gelände: Unebener Hang, unregelmäßiger Boden und stellenweise dichte Vegetation. Festes Schuhwerk ist unverzichtbar.
Aufenthaltsdauer: Für die sichtbaren Reste (Mauern, Zisternen, Theatermulde) 1–2 Stunden.
Beste Zeit: Frühling (April–Mai) und Herbst (Oktober–November). Im Sommer kann es auf dem offenen Hang extrem heiß sein.
Mit folgenden Stätten kombinierbar:
- Menemen — osmanische Moscheen und lebhafter Markt
- Pergamon (Bergama) — 70 km nördlich, eine der größten archäologischen Stätten der Türkei
- Kyme (Namurt) — Hauptstadt der Aioler, 30 km nordwestlich
- İzmir-Agora — römische Agora im Stadtzentrum
Hinweise:
- Dies ist kein klassisches Touristenziel, sondern eine abenteuerliche, unerschlossene Erkundung
- Wasser, Sonnenschutz und detaillierte Karte/GPS mitnehmen
- Einheimische können Hinweise auf die markantesten Überreste geben
- Der Blick auf die Hermos-Ebene — besonders bei Sonnenuntergang — ist der eigentliche Lohn
- Verbinden Sie den Besuch mit der berühmten lokalen Küche Menemens
Häufig gestellte Fragen
Was war Temnos? Eine aiolisch-griechische Stadt auf einem Hügel nahe dem heutigen Menemen, mit Blick über das Tal des Hermos (Gediz). Eine der zwölf Städte des Aiolischen Bundes.
Wurde Temnos ausgegraben? Es haben keine systematischen Grabungen stattgefunden. Das Temnos Archaeological Survey Project (seit 2006) dokumentiert Oberflächenbefunde und kartiert mithilfe geophysikalischer Methoden Untergrundstrukturen.
Was ist heute zu sehen? Stadtmauern, felsgehauene Zisternen, eine Theatermulde und am Hang verstreute Architekturfragmente. Die Stätte ist nicht erschlossen.
Lohnt sich ein Besuch? Für Archäologiebegeisterte und Reisende mit Entdeckergeist ja — aiolische Geschichte, eindrucksvolle Hügellage und das Gefühl einer „unberührten" Stätte sind reizvoll. Wer eine erschlossene Anlage sucht, ist mit dem benachbarten Pergamon besser bedient.
Woher kommt der Name? Der Name leitet sich wahrscheinlich vom griechischen Verb temnein („schneiden") ab — vielleicht mit Bezug auf einen steilen Geländeeinschnitt oder einen Steinbruch. Der Berg selbst war in der Antike als Berg Temnos bekannt.
Temnos in der aiolischen Welt
Temnos ist ein wichtiger Bezugspunkt für das Verständnis der aiolischen Identität. Die aiolische Kolonisation fand etwa zeitgleich mit der ionischen statt, doch erhielten die aiolischen Städte häufig weniger Aufmerksamkeit — die ionischen Städte (Milet, Ephesos, Smyrna) standen durch Philosophie, Wissenschaft und Handel im Vordergrund, während die aiolischen Städte vor allem für ihre Dichtungs- und Musiktradition bekannt blieben. Die Gedichte Sapphos und Alkaios' im aiolischen Dialekt zählen zu den Eckpfeilern der westlichen Literatur.
Im Fall von Temnos macht die strategische Lage die Stadt zu einem Schlüsselakteur bei der Kontrolle des landwirtschaftlichen Reichtums im Hermos-Tal und der Handelsrouten zwischen Küste und Hinterland. Mit dem Aufstieg des Königreichs Pergamon trat die Garnisonsfunktion in den Vordergrund; die Stadt verlor ihre politische Eigenständigkeit, profitierte aber von Investitionen in die militärische Infrastruktur.
Heute bietet Temnos den paradoxen Vorteil, nicht ausgegraben worden zu sein: Die Stätte ist von späteren Eingriffen weitgehend verschont geblieben und ihre originale Stratigraphie dürfte überwiegend intakt sein. Damit ist sie ein vielversprechender Ort, von dem künftige Grabungen einzigartige Daten zur aiolischen Urbanistik liefern könnten.
Architektonische Maße und numerische Daten
Obwohl in Temnos noch keine systematischen Grabungen stattgefunden haben, ergaben Oberflächenuntersuchungen und geophysikalische Prospektion einige grundlegende Maße:
| Element | Maß / Information |
|---|---|
| Höhe der Siedlung | 400–500 m über NN |
| Geschätzte Länge der Mauerlinie | ca. 1,5–2 km (nach geophysikalischen Daten) |
| Mauertechnik | Polygonal- und Quadermauerwerk (hellenistisch) |
| Lage der Theatermulde | Südhang, in natürliches Gelände eingeschmiegte Cavea |
| Identifizierte Zisternen | Mindestens 5 felsgehauene Zisternen |
| Zisternenmaterial | Kalkstein-Anstehgestein; in einigen Fällen wasserdichter Putz |
| Entfernung zu Menemen | ca. 8 km nordwestlich |
| Relative Höhe über der Hermos-Ebene | 350–400 m |
Geophysikalische Scans (Magnetometrie und Bodenradar) wiesen entlang der Mauerlinie mindestens drei Turmfundamente, zwei Tore und auf der oberen Terrasse eine rechteckige Struktur nach, die ein Tempelpodium sein könnte. Die Fundamente auf den unteren Terrassen werden als Wohn- oder Werkstattbereiche gedeutet.
Münzen und numismatische Befunde
Temnos prägte in hellenistischer und römischer Zeit verschiedene Münzserien, die direkte Einblicke in die wirtschaftliche und kulturelle Struktur der Stadt erlauben.
Frühe Bronzemünzen (4. Jh. v. Chr.)
- Kleine Bronzenominale für den lokalen Verkehr
- Avers: Apollon- oder Dionysos-Kopf
- Revers: Kantharos (Weingefäß) und Abkürzung TA
- Die Darstellungen von Dionysos und Kantharos spiegeln die Weinbauwirtschaft der Region
Hellenistische Bronzemünzen (3.–1. Jh. v. Chr.)
| Zeitraum | Avers | Revers | Maße |
|---|---|---|---|
| 300–200 v. Chr. | Jugendlicher Dionysos-Kopf (Efeukranz) | Weintraube, Buchstaben T-A | 13 mm, 1,49 g |
| 200–100 v. Chr. | Athena-Kopf | Athena stehend, hält Nike und Weintraube | 18 mm, 3,83 g |
| 200–100 v. Chr. | Ares-Kopf | Symbole des Kriegsgottes | 15–17 mm |
Silberne Tetradrachmen vom Alexandertyp (188–170 v. Chr.)
Temnos gehörte zu den Städten, die nach Alexanders Tod in seinem Namen und mit seiner Typologie silberne Tetradrachmen prägten:
- Avers: Heraklesbüste mit Löwenfellkappe
- Revers: Zeus Aetophoros (Zeus mit Adler) thronend
- Maße: 33–36 mm Durchmesser, ca. 16,5–17 g Gewicht
- Diese Prägungen werden in die Zeit 188–170 v. Chr. datiert und zirkulierten breit im regionalen Handel.
Römische Kaisermünzen (1.–3. Jh. n. Chr.)
- Bronzene Stadtprägungen unter verschiedenen Kaisern
- Reverstypen: Tyche (Stadtgöttin), Asklepios (Heilgott), Dionysos mit Trauben
- Einige Prägungen enthalten Homonoia-Münzen (Bündnismünzen) mit Nachbarstädten
- Prägetätigkeit bis ins 3. Jh. n. Chr.
Temnos-Forschungsprojekt: Methode und technische Details
Das von Giuseppe Ragone 2006 ins Leben gerufene Temnos Archaeological Survey Project setzt moderne Methoden ein, um das städtische Gefüge ohne Grabung sichtbar zu machen:
Geophysikalische Prospektionstechniken
- Magnetometrie: Erkennt im Untergrund gebrannte Ziegel, verbrannte Schichten und metallische Objekte
- Widerstandsmessung: Unterscheidet Bodenschichten unterschiedlicher Feuchtigkeit und identifiziert Mauerfundamente und Gräben
- Bodenradar (GPR): Kartiert mit elektromagnetischen Wellen Tiefe und Ausdehnung von Untergrundstrukturen
Grundlegende Ergebnisse des Vorberichts von 2007
- Bestätigung der Stadtmauerlinie und Lokalisierung der Türme
- Identifizierung mehrerer Bauplattformen, die auf ein geplantes Stadtbild hindeuten
- Entdeckung eines möglichen Agora- oder öffentlichen Platzbereichs
- Dokumentation des Wassermanagementsystems (Zisternennetz, Entwässerungskanäle)
- Katalogisierung einer Oberflächenkeramiksequenz, die eine ununterbrochene Besiedlung von der archaischen bis in die römische Zeit belegt
Ragones Projekt hat Temnos zu einem wichtigen Referenzpunkt der aiolischen Forschung gemacht und legt die Grundlage für künftige Grabungskampagnen.
Kontrollnetz im Hermos-Tal und strategische Lage
Die Lage von Temnos an den Hängen des Dumanlı Dağı diente nicht nur der Verteidigung, sondern war auch ein strategischer Beobachtungspunkt zur Kontrolle von Handel und landwirtschaftlicher Produktion im Hermos-Tal (Gediz).
Die Hermos-Ebene gehörte zu den fruchtbarsten Agrarräumen Westanatoliens und trug in der Antike folgende Produkte:
- Getreide: Die Schwemmlandböden ermöglichten intensiven Getreideanbau
- Wein und Trauben: Dionysos- und Traubendarstellungen auf den Münzen Temnos' spiegeln die Weinbauwirtschaft unmittelbar wider
- Olivenöl: Olivenanbau an den Hängen bis in römische Zeit
- Viehwirtschaft: Klein- und Großtierhaltung in höheren Lagen
Von Temnos führte eine etwa 30 km lange Route zum Hafen Kyme an der Ägäisküste; sie diente dem Export landwirtschaftlicher Produkte. Nach Osten verband das Hermos-Tal die Stadt mit Sardis (lydischer Hauptstadt) und letztlich mit dem Netz der persischen Königsstraße.
Diese Lage machte Temnos zu einem Handelsknoten; in pergamenischer Zeit verstärkte sich die Garnisonsfunktion: Hier wurden militärische Einheiten zum Schutz der westlichen Grenze des Reichs stationiert.
Quellen und weiterführende Literatur
- Herodot, Historien I,149 — die ursprüngliche Liste der aiolischen Städte
- Strabon, Geographika XIII,3,5 — geographische Beschreibung
- Plinius der Ältere, Naturalis Historia V,30 — kaiserzeitliche Erwähnung
- Giuseppe Ragone, „The Temnos Project: Preliminary Results" (Università Roma Tre, ab 2006)
- BMC Troas, Aeolis and Lesbos — Katalog der antiken Münzen der Region
- George Bean, Aegean Turkey (London, 1966) — regionaler archäologischer Reiseführer
- CoinArchives.com — Datenbank zu Temnos-Münzen
- Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus
- Wikipedia (DE) — Temnos
- Deutsches Archäologisches Institut — dainst.org
- Österreichisches Archäologisches Institut — oeai.at

