Aphrodisias taucht aus den Weizenfeldern und Pappelhainen des inneren Kariens auf wie eine Erscheinung aus weißem Marmor — eine vollständige griechisch-römische Stadt, die nach Jahrhunderten der Stille wieder ans Tageslicht getreten ist. Wenige Orte am östlichen Mittelmeer sprechen so unmittelbar zu der doppelten Genialität der Antike — der religiösen und der künstlerischen — wie dieses kleine Tal am Fuße des Akdağ. Die Stadt verdankte ihren Namen, ihre Identität und ihr Schicksal Aphrodite, deren Kult hier so tief verwurzelt war, dass Julius Caesar, Augustus und ihre Nachfolger der Polis den seltenen Status eines steuerfreien, souveränen Heiligtumsstaates innerhalb der römischen Provinz Asia gewährten. Dieses Privileg finanzierte ein Bauprogramm, das mit den Hauptstädten des Reiches rivalisierte, und machte Aphrodisias zur Marmor-Metropole des östlichen Imperiums. Die Steinbrüche an den unteren Hängen des Akdağ lieferten einen feinkörnigen, kristallinen weißen Stein, der sich vorzüglich für tiefe Bossierungen eignete; und die Bildhauer der Stadt — die selbstbewusst ihre Namen einmeißelten, von Antoninianus und Aristeas bis zu Zenon und Alexandros — exportierten Porträts, Sarkophage, mythologische Gruppen und Bauplastik von Rom bis Antiochia. Nirgendwo wird die Verschmelzung von Kunst und Ideologie sichtbarer als am Sebasteion, dessen dreigeschossige Doppelportikus fast zweihundert Reliefs trug: Götter, Heroen und julisch-claudische Kaiser, die personifizierte Provinzen niederringen — Claudius hebt die zusammenbrechende Britannia, Nero unterwirft Armenia. Quer durch die Stadt birgt das Stadion, das am besten erhaltene antike Stadion der Welt, noch heute den Schatten von dreißigtausend Zuschauern. Ein halbes Jahrhundert geduldiger Forschung — unter Kenan Erim (NYU) und seinem Nachfolger R.R.R. Smith (Oxford) — hat das Tetrapylon wiedererrichtet, das Museum begründet und ein ganzes neuzeitliches Dorf umgesiedelt, um die antiken Schichten freizulegen. Das Ergebnis ist eine UNESCO-Welterbestätte (2017) von einzigartiger Dichte und Schönheit.
- Warum Aphrodisias bedeutsam ist
- Geografie und Landschaft
- Historische Chronologie
- Bedeutende Bauten
- Die aphrodisische Bildhauerschule
- Die Reliefs des Sebasteion
- Das Aphrodisias-Museum
- Archäologische Arbeiten
- Zahlen und Maße
- Besucherinformationen
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen und weiterführende Literatur
Warum Aphrodisias bedeutsam ist
Aphrodisias ist nicht einfach eine weitere Ruinenstadt Kleinasiens. Unter den hunderten antiken Stätten der Türkei nimmt sie einen einzigartigen Platz ein — und das nicht aus einem einzelnen Grund, sondern wegen der seltenen Verbindung von sieben unverwechselbaren Eigenschaften, die kaum eine andere Stätte gleichzeitig beanspruchen kann.
Wer mit der Erfahrung von Ephesos oder Pergamon anreist, bemerkt schnell, dass Aphrodisias eine andere Art von Vergnügen bereitet. Ephesos überwältigt durch Maßstab und Massenbetrieb; Pergamon blendet mit Terrassen, die wie Stufen in den Himmel steigen. Aphrodisias dagegen ist intim und vollständig. Das Tal ist klein, die Monumente dicht beieinander, die Stille beinahe ländlich. Wer am späten Nachmittag inmitten des Tetrapylon steht, sieht in jeder Himmelsrichtung innerhalb weniger hundert Meter den Aphrodite-Tempel, das Bouleuterion, das Stadion, das Sebasteion, das lange Wasserbecken der Süd-Agora und das Theater. Kein anderes großes griechisch-römisches Stadtbild bietet ein so konzentriertes und lesbares Bild antiken urbanen Lebens.
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Eine Göttin im Zentrum. Die Stadt gehört zu den ganz wenigen im Mittelmeerraum, die ihren Namen direkt von der hier verehrten Gottheit übernommen haben. Aphrodite war nicht bloß Schutzherrin von Aphrodisias; ihr Kult formte das politische Selbstverständnis der Stadt, ihren Festkalender, ihre Kunst und ihre diplomatische Stellung gegenüber Rom. Die lokale Aphrodite war eine synkretistische Gestalt — zu gleichen Teilen griechische Aphrodite, anatolische Muttergöttin und vorderorientalische Astarte —, deren Kultbild im gesamten römischen Reich unverwechselbar war.
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Eine privilegierte Freie Stadt unter römischer Herrschaft. Vom 1. Jahrhundert v. Chr. an verliehen die Kaiser Aphrodisias nacheinander den Status einer civitas libera et immunis — einer freien und steuerbefreiten Stadt. Die Erlasse Octavians (des späteren Augustus), die an der Mauer des Theaters in Stein erhalten sind, gehören zu den wichtigsten diplomatischen Dokumenten der frühen Kaiserzeit und erklären, weshalb sich eine kleine Stadt im Hinterland Monumente auf imperialer Skala leisten konnte.
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Die Marmorhauptstadt des östlichen Imperiums. In Reichweite eines kurzen Spaziergangs jenseits der Stadtmauern lag einer der besten weißen Marmorbrüche der antiken Welt. Dieser Stein, gelegentlich als marmor Aphrodisiense bezeichnet, war feinkörnig, weich genug für tiefe Unterhöhlungen und zugleich dicht genug für einen brillanten Schliff — ideal für Porträt- und Figurenplastik.
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Eine Bildhauerschule, die ihre Werke in das gesamte Imperium exportierte. Die aphrodisischen Bildhauer signierten ihre Arbeiten und reisten weit. Ihre Statuen, Sarkophage und Reliefs sind in Rom, Ostia, Karthago, Athen, Alexandria und Konstantinopel identifiziert worden. Der aphrodisische Stil — leuchtende Inkarnatpartien, virtuoser Faltenwurf, intensiv psychologisierte Porträts — ist von London bis Antakya wiedererkennbar.
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Das Sebasteion: ein beispielloses Bildprogramm imperialer Macht. Nirgendwo sonst in der römischen Welt hat sich eine vollständige bildhauerische Erzählung dynastischer und kosmischer Herrschaft in dieser Größenordnung erhalten. Fast zweihundert Reliefplatten, aus dem Schutt zweier Erdbeben geborgen, lassen sich heute wie ein steinernes Bilderbuch der Kaiserideologie lesen.
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Außergewöhnliche Erhaltung. Weil die antike Stadt nie von einer größeren modernen Siedlung überbaut wurde — nur das kleine osmanische Dorf Geyre lag darüber —, sind ihre Bauten ungewöhnlich vollständig auf uns gekommen. Das Stadion ist das am besten erhaltene der gesamten Antike.
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Lebendige Wissenschaft. Aphrodisias steht seit 1961 im Mittelpunkt kontinuierlicher Spitzenforschung — zunächst unter Kenan Erim, jetzt unter R.R.R. Smith. Das Ergebnis ist eine Stätte, die nicht nur schön, sondern auch eine der am besten verstandenen im gesamten Mittelmeerraum ist.
Zu diesen Punkten lassen sich weitere hinzufügen, die einem beim Durchschreiten der Stadt allmählich auffallen:
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Ein Archiv aus Stein. Aphrodisias hat mehr öffentliche Inschriften hervorgebracht als beinahe jede andere Stadt Kleinasiens — weit über zweitausend dokumentierte Texte. Sie reichen von Kaiserbriefen des Augustus bis zu Einkaufslisten, die in die Wände von Läden geritzt sind, und machen das soziale, wirtschaftliche und politische Leben der Stadt ungewöhnlich greifbar.
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Eine philosophische Zuflucht. In der Spätantike, als das Heidentum im östlichen Reich offiziell verboten war, blieb Aphrodisias eine Hochburg neuplatonischer Philosophie. Asklepiodot und andere Denker des 5. Jahrhunderts wirkten hier; die Philosophenporträts aus dem sogenannten "Philosophenhaus" sind die letzte Blüte der griechischen Geistestradition.
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Eine Stadt der Frauen. Aphrodisias war auffallend reich an weiblichen Stiftern. Inschriften nennen zahlreiche Frauen — Aphrodite-Priesterinnen, städtische Wohltäterinnen, Angehörige der Elite —, die Gebäude, Statuen und Spiele unter eigenem Namen finanzierten. Die Sichtbarkeit von Frauen in der öffentlichen Überlieferung gehört zu den prägendsten Zügen der Stadt.
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Eine Brücke zwischen Ost und West. Die Kunst und die Inschriften zeigen einen ungebrochenen Dialog zwischen griechischer Tradition, römischer Macht und indigen-anatolischem Kult. In Aphrodisias flossen diese drei Ströme so sichtbar zusammen wie an kaum einem anderen Ort.
Geografie und Landschaft
Aphrodisias liegt in einem weiten, fruchtbaren Tal im oberen Einzugsgebiet des Dandalas Çayı — des antiken Morsynus —, eines Zuflusses des Büyük Menderes (Mäander). Die Stätte befindet sich auf etwa 600 Metern Meereshöhe, im Norden geschützt durch den langen Rücken des Akdağ ("Weißer Berg" — so genannt teils wegen seines Schnees, teils wegen des Marmors in seinem Inneren) und mit Blick nach Süden über sanfte Agrarflächen zur Bergkette des Babadağ.
Verwaltungsmäßig gehören die Ruinen zum Dorf Geyre im Landkreis Karacasu in der Provinz Aydın im Südwesten der Türkei. Die nächste größere Ortschaft ist Karacasu, etwa 13 Kilometer südwestlich. Denizli liegt rund 80 Kilometer östlich, Aydın etwa 100 Kilometer westlich; die Ägäisküste und Kuşadası sind ungefähr 180 Kilometer westnordwestlich entfernt.
Akdağ und die Marmorbrüche. Die unteren Hänge des Akdağ, zwei bis drei Kilometer nordöstlich der Stadt, bergen die berühmten Bruchstellen — eine bis heute sichtbare Narbe der Antike, die zusammen mit der Stadt selbst auf der UNESCO-Liste verzeichnet ist. Der hier gewonnene Marmor ist ein durchscheinendes, feinkörniges Weiß, mitunter mit grauen oder bläulichen Adern. Vom 2. Jahrhundert v. Chr. an bis weit in die byzantinische Zeit hinein wurde der Stein gebrochen; er versorgte nicht nur die Monumente der Stadt, sondern speiste auch den Exportbetrieb der Bildhauerschule. Halbfertige Sarkophage und Säulentrommeln liegen noch heute in den Stollen — verlassen, als die Industrie in der Spätantike zusammenbrach.
Der Dandalas-Bach (Morsynus). Dieser bescheidene Wasserlauf zieht sich am westlichen Rand der antiken Stadt entlang und bildete die Grundlage ihres landwirtschaftlichen Wohlstands. Sein breites Schwemmland trägt heute wie in römischer Zeit Weizen, Baumwolle, Sesam, Reben, Feigen, Mandeln und Oliven. Quellen innerhalb und unmittelbar außerhalb der Stadtmauern machten den Bau monumentaler Brunnen möglich — das lange Wasserbecken der Süd-Agora und die Hadrian-Thermen verdanken ihnen ihr Wasser.
Der karische Kontext. Karien, die antike Region, deren binnenländisches Juwel Aphrodisias war, umfasste die Südwestecke Anatoliens. Sein Hinterland ist bergig und von tiefen Tälern zerklüftet; seine Küste verfasert sich in Halbinseln und Inseln. Die Lage von Aphrodisias auf einem hochgelegenen Innenbecken, das nur durch das Verlassen des Mäandertals erreichbar war, sicherte der Stadt zugleich politische Stille und kommerzielle Reichweite — nahe genug am Strom, um Marmor nach Milet und Priene zu verschiffen, aber weit genug im Inland, um den Übergriffen der Küste zu entgehen.
Die Umsiedlung von Geyre. Vor den 1950er Jahren lag das osmanisch-türkische Dorf Geyre direkt auf den Ruinen der Antike, seine Häuser lehnten an antike Säulen, seine Moschee stand nahe dem Bouleuterion. Das Erdbeben von 1956 richtete schwere Schäden an und machte eine systematische Grabung undurchführbar. Von den 1960er Jahren an wurde das Dorf — unter staatlicher Regie und mit nachdrücklicher Unterstützung Kenan Erims — etwa zwei Kilometer westlich an einen neuen Standort verlegt, "Neu-Geyre". Der Umzug verlief nicht ohne Schmerz für die örtliche Bevölkerung, ermöglichte aber die Freilegung von Bauten, die andernfalls bis heute unter neuzeitlichen Fundamenten verborgen wären.
Klima. Kontinental, mit heißen, trockenen Sommern (im Juli und August nicht selten über 35 °C), milden Frühjahren und Herbsten, kalten und gelegentlich schneereichen Wintern. Am lohnendsten ist die Stätte zwischen Ende April und Anfang Juni sowie zwischen Mitte September und Anfang November, wenn das Licht golden und die Luft ruhig ist.
Die Mauer und der Stadtgrundriss. Die Stadt war im groben Raster angelegt, mit zwei Hauptachsen — einer säulengeschmückten Nord-Süd-Straße, die vom Stadion zum Theater führte, und einer Ost-West-Straße, die das Tetrapylon mit dem Theaterplatz verband. Die in der unsicheren Zeit des 4. Jahrhunderts hastig errichtete Stadtmauer umschloss einen Ring von etwa dreieinhalb Kilometern und integrierte wiederverwendete Blöcke früherer Bauten. Im Inneren ordneten sich die öffentlichen Gebäude um das Tempelheiligtum und die beiden Agorai; jenseits der Mauern säumten Gräberfelder die Zufahrtsstraßen.
Die Akropolis. Was beim ersten Blick wie ein natürlicher Hügel am östlichen Rand des Stadtkerns wirkt, ist in Wahrheit der antike Höyük — der prähistorische Siedlungshügel, der sich über vier bis fünf Jahrtausende vor der historischen Stadtgründung aufgeschichtet hatte. Das Theater ist in seine Ostflanke geschnitten; seine Westflanke blickt auf Bouleuterion und Nord-Agora. Sondierungen im Höyük haben Funde bis ins ausgehende Neolithikum hervorgebracht.
Biodiversität. Der Talboden trägt noch immer das Flickwerk an Kulturen, das aus der Antike überliefert ist: Weizen, Sesam, Tabak, Reben, Feigen, Mandeln, Oliven und Granatäpfel. Im Frühling sind die ungepflügten Ränder der archäologischen Zone mit Wildtulpen, Anemonen, Mohn und Orchideen übersät. Am Dandalas leben in der Saison Eisvögel, Bienenfresser und Blauracken; oberhalb der Stadt brüten am Akdağ Habichts- und Schlangenadler. Die landwirtschaftliche Einbettung ist Teil des Besuchererlebnisses: Aphrodisias gehört zu den wenigen großen Stätten der Türkei, die noch in einer arbeitenden bäuerlichen Landschaft liegen.
Historische Chronologie
Frühe Besiedlung: Neolithikum und Bronzezeit (ca. 5800 – 1200 v. Chr.)
Der Boden unter dem Aphrodite-Tempel ist nicht gewachsen, sondern künstlich — ein flacher Höyük, in Jahrtausenden menschlicher Niederlassung aufgeschichtet. Sondierungen des Erim-Teams in den 1960er und 1970er Jahren erreichten Schichten des späten Neolithikums und Chalkolithikums (etwa 5800 – 3000 v. Chr.) sowie spätere Phasen der frühen und mittleren Bronzezeit. Die ältesten Bewohner hinterließen Obsidianwerkzeuge, bemalte Keramik und kleine Terrakottafiguren einer fülligen weiblichen Gottheit, die die Wissenschaft seit langem als Vorläuferin des historischen Muttergöttinnen-Kults deutet.
Die Kontinuität des heiligen Bezirks ist eindrucksvoll. Das bronzezeitliche Heiligtum, der eisenzeitliche Tempel, der hellenistische Aphrodite-Tempel und die byzantinische Basilika des Erzengels stehen alle auf demselben Erdfleck. Wenige Orte am Mittelmeer bieten eine so lange, ununterbrochene religiöse Nutzung an einem einzigen Punkt.
Die karische Phase: Lelegopolis und Ninoe (ca. 1200 – 300 v. Chr.)
Während der Eisenzeit und der klassischen Periode gehörte die Siedlung den Karern, einem indigenen anatolischen Volk, dessen Sprache mit dem Lykischen und Lydischen verwandt war. Griechische und römische Quellen überliefern für die Stadt mehrere frühere Namen: Lelegopolis ("Stadt der Leleger", der vorkarischen Bewohner), Megalopolis ("Große Stadt") und Ninoe — der letzte Name vielleicht ein Reflex einer frühen Verbindung mit einer syrisch-babylonischen Gottheit (Nin, Ninos). Sicher ist, dass im ganzen Zeitraum hier eine mächtige weibliche Gottheit verehrt wurde, deren Attribute — ein steifer, scheideartig umhüllter Körper, eine Poloskrone, Tiersymbole — später vollständig in den Kult der Aphrodite eingingen.
Die Karer, so Herodot, erfanden die Helmzier, den Schildgriff und das Wappenzeichen — drei Innovationen einer kriegerischen Hochkultur. Ihre Binnenstädte, zu denen das spätere Aphrodisias zählte, waren nie so reich und politisch hervortretend wie die großen Küstenmetropolen Halikarnassos und Iasos, bewahrten dafür aber die einheimische religiöse Tradition konservativer. Die eigentümliche scheidenartige Ikonographie der Aphrodite von Aphrodisias ist selbst ein Fossil dieser karischen Phase.
Die hellenistische Zeit und die Ankunft der Aphrodite (3. – 2. Jh. v. Chr.)
Nach den Eroberungen Alexanders fiel Karien zunächst in den Einflussbereich der Seleukiden, kurzzeitig der Ptolemäer und schließlich der pergamenischen Könige. In dieser Zeit verwandelte die Hellenisierung die indigene Göttin: Sie nahm den Namen Aphrodite an, und im 2. Jahrhundert v. Chr. trug auch die Stadt selbst den Namen Aphrodisias. An der Stelle des späteren Tempels wurde ein formales Heiligtum angelegt; die ältesten aufrecht stehenden Reste des Temenos stammen aus dieser Zeit. Als Attalos III. 133 v. Chr. sein Königreich Rom vermachte, war Aphrodisias bereits eine blühende Heiligtumsstadt.
Die hellenistische Stadt war offenbar klein, wohlhabend, aber noch nicht monumental. Das Heiligtum zog Pilger an; die umliegenden Dörfer lieferten Nahrungsmittel; in den Brüchen des Akdağ wurde der Marmor erstmals systematisch gewonnen. Eine kurzlebige Sympoliteia (Föderation) mit der südlich gelegenen kleineren Stadt Plarasa schuf die ersten Münzen mit der Aufschrift "der Plarasier und Aphrodisier". In augusteischer Zeit löste sich der Bund auf, erklärt aber, weshalb frühe Inschriften beide Städte zusammen nennen.
Römische Privilegien: Sulla, Caesar, Octavian (1. Jh. v. Chr.)
Die entscheidende Wende kam in den unruhigen 80er und 30er Jahren v. Chr. Nach den Mithridatischen Kriegen weihte der römische Feldherr Sulla auf Geheiß des Orakels von Delphi der Aphrodite von Aphrodisias eine goldene Krone und eine Doppelaxt. Julius Caesar, der durch das julische Geschlecht seine Abstammung auf Venus (die römische Aphrodite) zurückführte, gewährte der Stadt besonderen Status. Am wichtigsten aber: Im Jahre 39 v. Chr. schrieb der junge Octavian einen Brief — in Stein an der Theatermauer überliefert —, in dem er Aphrodisias zur Stadt erklärte, die er "aus ganz Asia für die seine erwählt" habe, und ihr Freiheit, Steuerbefreiung und Asylrecht im Tempel verlieh. Dieser Status, von späteren Kaisern wiederholt bestätigt, finanzierte das Goldene Zeitalter der Stadt.
Der Status der civitas libera et immunis bedeutete praktisch, dass Aphrodisias keinen römischen Tribut zahlte, ihr Territorium unverletzlich war, ihr Tempel Asylrecht genoss und ihre Bürger sich nach eigenen Gesetzen verwalteten. Nur eine Handvoll Städte des griechischen Ostens besaßen alle vier Privilegien zusammen; Aphrodisias behielt sie, mit wenigen Unterbrechungen, nahezu vier Jahrhunderte lang. Die politische Wirkung war enorm: Überschüsse, die andernorts nach Rom flossen, blieben in der Stadt — und wurden in den Tempel, die Agorai, das Theater, das Stadion und vor allem in die Bildhauerei zurückgepumpt.
Das Sebasteion und der Kaiserkult (ca. 20 – 60 n. Chr.)
Aus Dankbarkeit für diese Gunst und um sich dynastisch zu binden, finanzierten zwei wohlhabende aphrodisische Familien — die des Eusebes Philopatris und seines Neffen Diogenes — eine gewaltige Doppelportikus-Anlage, die gemeinsam der Aphrodite Promētor ("Stammmutter") und den theoi Sebastoi, den vergöttlichten Kaisern, geweiht war. In drei Generationen — unter Tiberius, Caligula, Claudius und Nero — errichtet, war das Sebasteion das ambitionierteste Bildprogramm der julisch-claudischen Zeit im gesamten griechischen Osten.
Die Wahl der Widmung — an Aphrodite als "Stammmutter" gemeinsam mit den vergöttlichten Kaisern — war diplomatisch von Meisterhand. Sie band die eigene Göttin der Stadt durch jene Genealogie an das Kaiserhaus, die Julius Caesar selbst beansprucht hatte: Venus → Aeneas → Iulus → die Julier. Mit der Errichtung dieses Monuments erinnerte die aphrodisische Elite Rom an die Verbindung, und Rom — das die Freiheiten der Stadt fortwährend bestätigte — schien sich gern erinnern zu lassen.
Das Goldene Zeitalter der Bildhauerschule (1. – 3. Jh. n. Chr.)
Von der frühen Kaiserzeit bis in die Severerzeit stieg die Bildhauerschule von Aphrodisias zur dominierenden Werkstatt für anspruchsvolle Plastik im gesamten Imperium auf. Die Ateliers schufen Porträtbüsten von Senatoren und Kaisern, mythologische Statuen für Villengärten, prunkvolle Sarkophage und Bauplastik. Die Handschrift der Schule war eine leuchtende, polierte Hautoberfläche, tief gebohrte Locken und Stoffe sowie eine kraftvolle psychologische Präsenz. Die Bildhauer signierten ihre Werke, und dieselben Namen erscheinen in Inschriften von Rom, Tivoli, Athen bis Lepcis Magna.
Die wirtschaftliche Logik war geradlinig. In den Brüchen oberhalb der Stadt grob ausgearbeitete Marmorblöcke wurden mit Ochsenkarren zum Flusshafen von Antiocheia am Mäander gebracht, von dort flussabwärts zur Ägäis geflößt und schließlich nach Italien, Afrika und in den östlichen Mittelmeerraum verschifft. Manche Ateliers exportierten Fertigware, andere entsandten Meister, die vor Ort auf Bestellung arbeiteten. Im 2. Jahrhundert konnte ein aphrodisischer Bildhauer in Rom mit einem stetigen Strom von Aufträgen rechnen, von Senatoren wie von Freigelassenen; viele verbrachten ihr Berufsleben im Ausland und kehrten erst im Alter heim.
Erdbeben und frühes Christentum (3. – 5. Jh. n. Chr.)
Eine Serie schwerer Erdbeben suchte die Region in der Mitte des 3. und erneut im 4. Jahrhundert heim und erzwang umfangreiche Wiederaufbauarbeiten. Die Krise beschleunigte den Wandel: Die Stadtmauer, teils aus wiederverwendeten Quadern älterer Monumente, stammt aus dieser unsicheren Zeit. Das Christentum kam früh — die Paulus-Briefe nennen die weitere Region, und im 4. Jahrhundert besaß die Stadt einen Bischof. Der Aphrodite-Tempel wurde umorganisiert und um das Jahr 500 systematisch in eine dreischiffige Basilika umgewandelt, die — wie die Inschriften nahelegen — dem Erzengel Michael geweiht war. Das Kultbild der Aphrodite wurde vergraben; die Stadt selbst änderte ihren Namen.
Die Umwandlung war weniger zerstörerisch als bewahrend. Statt den Tempel abzureißen, zerlegten die spätrömischen Baumeister die Kolonnaden behutsam und errichteten sie zu einem deutlich längeren christlichen Mittelschiff wieder neu. Heidnische Inschriften wurden methodisch ausgemeißelt — Götternamen ausgelöscht, Kreuze an ihre Stelle gesetzt —, die Architektur jedoch erhalten. Das vergrabene Kultbild, von den Grabungsleitern bis heute nicht intakt geborgen, dürfte irgendwo im Temenos noch immer im Erdreich liegen.
Stauropolis: Byzantinisches Bistum (6. – 12. Jh.)
Umbenannt in Stauropolis ("Stadt des Kreuzes") wurde sie Metropolitansitz der spätrömischen Provinz Karien. Bis in die frühbyzantinische Zeit hinein behielt die Stadt politisches Gewicht: Der Bischofspalast (in Wirklichkeit eine umgewidmete spätrömische Statthalterresidenz) war reich ausgestattet; die Basilika blieb in Gebrauch. Die Einwohnerschaft schrumpfte, die öffentlichen Bauten verfielen allmählich — doch noch als die ersten türkischen Streifzüge im 11. Jahrhundert das Mäandertal erreichten, war Stauropolis eine befestigte Stadt.
Niedergang und Aufgabe (13. – 19. Jh.)
Mit der seldschukischen und schließlich osmanischen Eingliederung Südwestanatoliens erlosch das urbane Leben. Die Stätte beherbergte fortan ein kleines Dorf — die mittelalterliche griechische Bevölkerung ist bis in die spätbyzantinische Zeit bezeugt; das osmanisch-türkische Dorf Geyre wuchs zwischen den Ruinen heran. Als europäische Reisende im 19. Jahrhundert eintrafen, weideten Schafe in der Süd-Agora, und eine Moschee stand neben dem Tetrapylon.
Moderne (1956 – Gegenwart)
Das Erdbeben von 1956 zerstörte das Dorf Geyre. Die Regierung, von Archäologen beraten, entschied, die Bewohner an einen neuen Standort zu verlegen und so eine systematische Grabung zu ermöglichen. Kenan Erim von der New York University begann 1961; R.R.R. Smith aus Oxford übernahm 1991 die Leitung. 2017 wurde die Stätte zur UNESCO-Welterbestätte erklärt.
Die Umsiedlung Geyres war ein langwieriger Prozess. Er begann Ende der 1950er Jahre mit den am stärksten beschädigten Häusern und zog sich bis in die 1980er Jahre. Neu-Geyre, zwei Kilometer westlich, ist ein planmäßig angelegtes Dorf mit modernen Häusern, Läden und einer Moschee; viele Bewohner sind direkte Nachkommen jener, die einst zwischen den Ruinen lebten, und manche bewirtschaften nach wie vor die umliegenden Felder. Der Übergang war zeitweise schmerzlich — alte Häuser gingen verloren, das neue Dorf besaß nicht die Patina des alten —, das Ergebnis aber zählt zu den gelungensten archäologischen Umsiedlungen im östlichen Mittelmeerraum.
Bedeutende Bauten
Aphrodite-Tempel (1. Jh. v. Chr. – 5. Jh. n. Chr.)
Der Tempel bildete vom frühesten hellenistischen Ursprung an das religiöse Herz der Stadt. Der heute sichtbare Bau ist ein römischer ionischer Peripteros von 8 × 13 Säulen, begonnen im späten 1. Jahrhundert v. Chr. und im Wesentlichen unter Augustus vollendet. Die Proportionen sind etwas gestreckt — eine asiatisch-ionische Vorliebe. Mehrere Säulen stehen noch aufrecht und tragen Inschriften mit den Namen der Stifter, die den Schaft jeweils finanziert hatten — eine typisch aphrodisische Gewohnheit, die mittelständischen Bürgern eine Art Unsterblichkeit im Stein verlieh.
Um 500 n. Chr. erfuhr der Bau eine bemerkenswerte Verwandlung: Er wurde in eine dreischiffige christliche Basilika umgewandelt. Die Cella wurde niedergelegt, die Säulenreihen abgebrochen und in deutlich größerer Länge zu einem christlichen Mittelschiff mit östlicher Apsis wieder aufgestellt. Paradoxerweise bewahrte diese Umnutzung mehr Elemente, als sich sonst erhalten hätten. Die heute aufrecht stehenden Säulen sind zumeist die von byzantinischen Baumeistern wiedererrichteten; die ursprünglichen römischen Basen und Kapitelle blieben jedoch in situ.
Das berühmte Kultbild der Aphrodite von Aphrodisias — eine hohe, säulenartige, in Reliefbändern mit Mythenszenen geschmückte Figur in stilisiertem Gewand — überlebt in mehreren antiken Kopien; das schönste Exemplar steht im Museum.
Ein Rundgang um den Tempel vermittelt die geschichteten Epochen unmittelbar. Die aufrecht stehende Säulenreihe — vierzehn erhaltene grauweiße Schäfte — ist unverkennbar byzantinisch in der Anordnung, römisch im Detail. Die ionischen Kapitelle sind klar und vollständig. Innerhalb der ursprünglichen Cella-Linie ist der Boden der byzantinischen Apsis teilweise sichtbar; die Fundamentgräben der niedergelegten heidnischen Cella zeichnen sich ebenfalls ab. Östlich wurde der weite Hof des Temenos mit Zypressen und Lorbeer bepflanzt — ohne den ursprünglichen heiligen Hain rekonstruieren zu wollen, ruft die Bepflanzung doch dessen Atmosphäre auf.
Sebasteion (ca. 20 – 60 n. Chr.)
Das Sebasteion ist das originellste und wichtigste Bauwerk von Aphrodisias. Es handelt sich um eine monumentale Prozessionsstraße, 14 Meter breit und 90 Meter lang, eingerahmt von zwei parallelen dreigeschossigen Säulenhallen. Die untere Ordnung war dorisch, die mittlere ionisch, die obere korinthisch — eine lehrbuchhafte Stapelung, die der ganzen Anlage eine sofort lesbare klassische Hierarchie verlieh.
Die beiden oberen Geschosse trugen nahezu 190 Marmorreliefs: Götter und Göttinnen, mythologische Szenen, Bilder kaiserlichen Sieges und Personifikationen unterworfener Völker. Das Ganze wirkte wie eine Freilicht-Skulpturengalerie imperialer Ideologie. Im Osten schloss die Anlage mit einem kleinen Kaiserkulttempel ab — einem korinthischen Prostylos, zu dem eine Treppe hinaufführte.
Die Erdbeben des 4. und 7. Jahrhunderts ließen die Portiken einstürzen; die Reliefs kippten nach vorn und wurden vom herabstürzenden Schutt überlagert. Gerade dadurch blieben die Platten ungewöhnlich gut erhalten. Seit den 1980er Jahren unter Erim ausgegraben, werden sie heute in einem eigens dafür errichteten Saal des Museums präsentiert, während die Kolonnaden selbst auf dem Gelände teilweise wieder aufgerichtet wurden.
Die Entdeckung war dramatisch. Die Grabung im Sebasteion-Bereich begann 1979; binnen Wochen kamen die ersten Reliefplatten aus dem Schutt zum Vorschein. Die Zahl stieg im Lauf der Kampagne stetig: vierzig, achtzig, hundertzwanzig Platten. Am Ende zählte Aphrodisias zu den großen Bildhauerfunden eines einzigen Fundortes im 20. Jahrhundert. Kenan Erim widmete sich in den folgenden Jahren ihrer Publikation; R.R.R. Smiths definitive Katalogveröffentlichung — der Band Aphrodisias VI — erschien 2013.
Heute steht die südliche Portikus in einer Teil-Anastylose zu ihrer vollen dreigeschossigen Höhe wieder errichtet — soweit möglich aus originalen Blöcken, ergänzt durch Gipsabgüsse. Wer davor steht, spürt unmittelbar den Maßstab und Ehrgeiz des Originals — und versteht, warum das Sebasteion bisweilen als das aussagestärkste Einzelmonument des julisch-claudischen Kaiserkults überhaupt gilt.
Stadion (1. Jh. n. Chr.)
Das Stadion von Aphrodisias ist schlicht das am besten erhaltene antike Stadion der Welt. Es wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. in die nördliche Stadtmauer eingefügt; es misst 262 Meter Länge und 59 Meter Breite, mit 22 Sitzreihen, die sich an beiden Längsseiten erheben und an den Schmalseiten zu Halbrundungen verbinden. Die Kapazität wird zuverlässig auf 30.000 Plätze geschätzt — mehr als die Einwohnerschaft der Stadt auf ihrem Höhepunkt; das Stadion diente also der ganzen Region.
Ungewöhnlich für ein antikes Stadion sind beide Enden gerundet (die Sphendone-Form); dies spiegelt spätere Umgestaltungen für andere Veranstaltungen als Wettläufe — Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen (venationes) und die athletischen Festspiele zu Ehren der Aphrodite. In einzelne Sitzplätze geritzte Inschriften nennen die reservierten Plätze von Familien, Berufsverbänden und Magistraten — ein seltener Querschnitt durch das soziale Gefüge des römischen Schauspielwesens.
In der späten Kaiserzeit wurde der östliche Teil der Arena teilweise abgeschottet, um ein kleines Amphitheater für Gladiatorenkämpfe einzurichten — vermutlich, als die im Theater geschaffene Arena nicht mehr ausreichte.
Die Erhaltung des Stadions verdankt sich teils der Bauweise — Errichtung in einer natürlichen Senke mit massiven Erdwällen hinter dem Sitzkranz, denen kein Stein entwendet wurde — und teils der Tatsache, dass das moderne Geyre nie so weit nach Norden reichte. Wer heute hineingeht, steigt einige Stufen zur Laufbahn hinab und sieht den geschwungenen Sitzkranz nahezu vollständig bis zur obersten Reihe nach beiden Seiten auslaufen. Ein kurzer Spaziergang am Rand führt zur östlichen Sphendone, in die die spätrömische Gladiatorenarena eingelassen wurde. Die Akustik ist außergewöhnlich; eine normale Stimme von der Bahnmitte ist bis in die oberste Reihe zu hören.
Hadrian-Thermen (frühes 2. Jh. n. Chr.)
Unter Hadrian im frühen 2. Jahrhundert eingeweiht, stehen diese Thermen am westlichen Rand der Süd-Agora und bilden eine der größten und prächtigsten Badeanlagen Kleinasiens. Die klassische römische Baderoutine — frigidarium, tepidarium, caldarium — ist erhalten; die Räume waren mit Marmorverkleidungen ausgestattet, von denen erhebliche Flächen bewahrt sind. Eine ausgedehnte Palaestra (Übungshof) öffnete sich zur Süd-Agora und war an drei Seiten von dorischen Säulenhallen umgeben. Die Thermenanlage war ein Hauptfundort aphrodisischer Skulptur; viele der besten Porträts im Museum — darunter der Faustkämpfer und der alte Fischer — kamen hier ans Licht.
Das Bad wurde im 5. Jahrhundert grundlegend umgestaltet; die Palaestra wurde teilweise umschlossen und ein neuer Zugang von der Süd-Agora geschaffen. Die Hypokausten — die Bodenheizungen — sind im caldarium noch zu sehen; Marmorverkleidung liegt insbesondere im frigidarium teilweise noch an Ort und Stelle. Das Wasser kam aus einer kleinen Wasserleitung, gespeist von Quellen nördlich der Stadt; der Ablauf floss durch einen steinernen Kanal in das Becken der Süd-Agora.
Bouleuterion / Odeon (2. Jh. n. Chr.)
Das halbrunde Bouleuterion — die Versammlungshalle des Stadtrats — liegt neben der Nord-Agora. Überdacht, reich dekoriert, mit Marmorsitzen für etwa 1.750 Personen, diente es zugleich als Odeon für Musikvorführungen und Rezitationen. Heute ist der Bau teilweise geflutet, weil Grundwasser aus dem hohen lokalen Spiegel eindringt — atmosphärisch eindrucksvoll, konservatorisch eine Herausforderung. Dennoch lässt sich die hervorragende Akustik weiterhin demonstrieren: Eine Stimme im Orchester trägt mühelos bis zu den obersten Reihen.
Die Bühne des Bouleuterion war ursprünglich von einer zweigeschossigen korinthischen Säulenstellung mit Statuennischen gerahmt; Fragmente davon wurden im Orchester gefunden und werden heute im Museum gezeigt. Auch an Inschriften ist der Bau reich: die Namen der Ratsmitglieder, die Stifterinschriften für lokale Wohltäter sowie die Sitzplatzzuweisungen für Korporationen und Familien sind auf dem Marmor lesbar. Besonders berührend ist ein Graffito auf einer oberen Sitzbank, das die Liebe eines jungen Mannes zu einem Mädchen namens Berenike festhält — ein kleines, intimes Zeugnis des Lebens jenseits der offiziellen Tagesordnung.
Tetrapylon (Mitte 2. Jh. n. Chr.)
Das Tetrapylon, das meistfotografierte Bauwerk der Stadt, ist ein vierseitiges Monumentaltor aus sechzehn korinthischen Säulen in vier parallelen Reihen. Es stand am Knotenpunkt einer Nord-Süd-Straße und der Prozessionsstraße, die zum Tempel führte. Die Säulen sind mit tiefen Spiralkanneluren versehen, der Giebel mit Weinranken und Eroten geschmückt, die Kapitelle gehören zu den feinsten Beispielen asiatisch-korinthischer Arbeit.
Das Tetrapylon stürzte in der Spätantike ein. Unter der Leitung Kenan Erims wurde es zwischen 1984 und 1991 aus den herabgestürzten Blöcken sorgsam wieder zusammengesetzt (Anastylose) — eine der großen architektonischen Restaurierungen des 20. Jahrhunderts. Inzwischen sind auch die Tetrapylon-Straße, die südlich vom Tor verlief, freigelegt und teilweise neu gepflastert worden; die Ostfassade wurde weiter konserviert.
Die Anastylose-Arbeiten leiteten der Architekt Yalçın Mergen gemeinsam mit Erims Team und mit internationalen Restaurierungsexperten. Jeder erhaltene Block — manche wogen mehrere Tonnen — wurde identifiziert, nummeriert und an die richtige Stelle gesetzt; neue Bronzedübel ersetzten die verrosteten antiken Eisenklammern, die einen Großteil des ursprünglichen Schadens verursacht hatten. Das Ergebnis ist eines der schönsten Beispiele architektonischer Wiedererrichtung im östlichen Mittelmeerraum und ein Vorbild für ähnliche Projekte andernorts.
Theater und Theaterthermen (1. Jh. v. Chr. – 2. Jh. n. Chr.)
Das Theater, in den östlichen Hang des antiken Höyük geschnitten, bot ursprünglich etwa 7.000 bis 8.000 Zuschauern Platz. Seine erste Phase ist spätthellenistisch; ein umfassender augusteischer Umbau fügte eine zweigeschossige marmorne scaenae frons — die Bühnenwand — hinzu. Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde das Orchester für Arena-Veranstaltungen umgestaltet. Die hohe Außenwand der scaenae frons bewahrt ein außergewöhnliches epigraphisches Dossier — die Archivwand —, in die im 3. Jahrhundert kaiserliche Briefe, Erlasse und Gesandtschaftsakten gemeißelt wurden. Diese Texte sind eine erstrangige Quelle für die diplomatische Geschichte der Stadt.
Die Archivwand enthält die Texte römischer Senatsbeschlüsse zur Stadt, Briefe von Kaisern von Octavian bis Gordian III. sowie Antworten verschiedener römischer Statthalter. Das Dossier wurde von der britischen Historikerin Joyce Reynolds in Aphrodisias and Rome (1982) systematisch publiziert — ein Meilensteinband, der Aphrodisias zu einer der wichtigsten epigraphischen Stätten des griechischen Ostens machte.
An das Theater grenzen die Theaterthermen des 2. Jahrhunderts an — eine kleinere Badeanlage mit Marmorverkleidung und Mosaiken. Sie wurden offenbar von gastierenden Akteuren und Athleten ebenso genutzt wie von der allgemeinen Bevölkerung. Konservierungsmaßnahmen der letzten Jahre haben die Mauern stabilisiert und Teile der Mosaikböden wieder sichtbar gemacht.
Atrium-Häuser (4. – 6. Jh. n. Chr.)
Mehrere elitäre Stadtresidenzen wurden ausgegraben, mit Mosaikböden, Innenhöfen und Empfangsräumen. Die beiden berühmtesten sind das "Diogenes-Haus" (benannt nach einem Philosophen, dessen Porträt hier zutage kam) und das "Philosophenhaus" westlich des Bouleuterion, in dem ein bemerkenswertes Ensemble bronzener und marmorner Büsten von Philosophen und Rednern gefunden wurde — offenkundig die Ausstattung eines Hausherrn, der sich als Erbe der griechischen Geistestradition verstand.
Das Philosophenhaus lag in bester Lage nahe dem zivilen Zentrum und war im spätantiken Stil aufwendig dekoriert: leuchtende Marmorverkleidungen, geometrische Mosaikböden, Brunnen sowie eine Reihe kleiner Statuen und Hermenbüsten, im wichtigsten Empfangsraum aufgestellt. Das Ensemble umfasste Porträts von Sokrates, Pythagoras, Apollonios von Tyana und mehreren nicht identifizierten Philosophen und Rednern des 4. und 5. Jahrhunderts. In einer einzigen Grabungskampagne der 1980er Jahre geborgen, wird es heute geschlossen in einem eigenen Bereich des Museums präsentiert, wo es einen ungewöhnlich lebendigen Eindruck der visuellen Kultur eines spätantiken heidnischen Intellektuellen vermittelt.
Andere Häuser, weniger berühmt, aber ebenso aufschlussreich, lieferten Mosaiken, bemalten Putz und Haushaltsensembles aus Keramik, Lampen und Kleinfunden, die das Alltagsleben über mehrere Jahrhunderte erhellen.
Bischofspalast (5. – 7. Jh. n. Chr.)
Eine herrschaftliche spätantike Residenz nordwestlich des Bouleuterion, mit basilikalem Empfangssaal und apsidalem Triclinium. Trotz des herkömmlichen Namens dürfte der Bau ursprünglich der Sitz eines römischen Statthalters gewesen sein und erst später an den Bischof von Stauropolis übergegangen sein.
Die Anlage umfasst eine beträchtliche Fläche und beherbergt private Badeeinrichtungen, einen Peristylhof, mehrere Empfangsräume mit Mosaikböden und eine kleine Kapelle aus späterer Zeit. Der basilikale Saal, teilweise bis zur Dachhöhe erhalten, wurde von Christopher Ratté in Aphrodisias V eingehend publiziert. Der Übergang dieses Gebäudes vom Sitz des städtischen Statthalters zur kirchlichen Residenz ist selbst eine kleine Fallstudie zur Transformation der römischen Stadtgesellschaft in der Spätantike.
Tetrapylon-Straße
Jüngere Grabungen unter R.R.R. Smith haben das marmorne Pflaster der säulengeschmückten Nord-Süd-Straße, die südlich vom Tetrapylon verlief, freigelegt und teilweise neu verlegt. Sichtbar sind Abwasserkanäle, Ladenfronten und beschriftete Säulenbasen.
Die Straße vermittelt ein anschauliches Bild des Alltagslebens im spätrömischen Aphrodisias. Auf den Ladenböden zeichnen sich Spuren steinerner Tresen, Herdanlagen und Vorratsgefäße ab. Beschriftete Säulenbasen nennen die Stifter, die einzelne Säulen der Kolonnade finanzierten — ein bekanntes Muster städtischer Euergesie, mit der wohlhabende Kaufleute und Berufstätige ihre Großzügigkeit zur Schau stellten. Mehrere Säulen tragen Menorot und Kreuze, in den Marmor geritzt — Zeugnisse jüdischer und christlicher Gemeinden, die in der spätantiken Stadt Tür an Tür lebten. Auch das spätantike Entwässerungssystem der Straße — einschließlich eines überdachten Marmorkanals in der Mitte — ist ungewöhnlich gut erhalten.
Nord- und Süd-Agora
Die Nord-Agora war das ältere zivile Zentrum, ein augusteischer Platz neben dem Bouleuterion. Die Süd-Agora, in einer Inschrift auch "Ort der Palmen" genannt, ist ein riesiger hadrianischer Freiraum (215 × 69 Meter), eingerahmt von ionischen Säulenhallen und beherrscht von einem langen ornamentalen Wasserbecken — mit 170 Metern Länge eines der größten antiken Spiegelbecken. Jüngere Arbeiten haben Teile des Beckens rekonstruiert und wieder mit Wasser gefüllt; etwas von der ursprünglichen Wirkung ist damit zurückgekehrt.
Die Süd-Agora war in der Sache ein gewaltiger öffentlicher Garten — näher dem Trajansforum in Rom als den beengten griechischen Agorai klassischer Zeit. Die ionischen Säulenhallen entlang der Längsseiten spendeten Schatten; das Wasserbecken im Zentrum kühlte die Luft und spiegelte den Himmel; in Erdbeeten gesetzte Palmen verliehen dem Platz die orientalische Ästhetik, die der Name "Ort der Palmen" bewahrt. Man kam hierher, um zu flanieren und zu sprechen, um Bekannte zu treffen, um unter den Säulenhallen Geschäfte abzuwickeln — und um gesehen zu werden.
Die Freilegung des Beckens, seit den 2000er Jahren unter der Leitung Smiths systematisch betrieben, zählt zu den jüngeren Triumphen des Projekts. Die marmorne Verkleidung an Rand und Boden wurde weitgehend wiedergewonnen; Teile sind an ihren ursprünglichen Stellen wieder verlegt, und Wasser wurde aus ästhetischen wie konservatorischen Gründen erneut eingelassen (der hohe Grundwasserspiegel macht ein trockenes Becken instabil). An einem stillen Nachmittag spiegeln sich die ionischen Säulen auf der gekräuselten Wasserfläche — einer der schönsten Anblicke der ganzen Stätte.
Die Nord-Agora, weniger prachtvoll als ihre südliche Schwester, war das administrative Herz der Stadt. Um den offenen Platz gruppierten sich das Bouleuterion, die bürgerliche Hauptbasilika (eine große rechteckige Halle für Rechtsangelegenheiten und Handel) und eine Reihe kleiner Tempel und Schreine. Hier gefundene Inschriften nennen viele Magistrate und Wohltäter der frühen Kaiserzeit.
Die aphrodisische Bildhauerschule
Was Aphrodisias seit der Antike auszeichnet, ist nicht die Architektur, sondern die Bildhauerei. Vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. arbeitete hier eine ununterbrochene Tradition meisterhafter Steinschneider — aus dem örtlichen Marmor, mit Lehrlingen aus dem gesamten Mittelmeerraum und mit einem Export in einer Größenordnung, die keine andere antike Stadt erreichte.
Die Ursprünge der Schule liegen im Dunkel, sind aber zweifelsohne hellenistisch. Als die Quellen im späten 1. Jahrhundert v. Chr. deutlicher werden, produzierten die aphrodisischen Werkstätten bereits hochwertige Figurenplastik für den lokalen Bedarf und für den Export. Im 2. Jahrhundert war die Schule zu einer beständigen Industrie mit zahlreichen Werkstätten, hunderten Handwerkern und einem Netz von Vertretern in den großen Städten des Reiches herangewachsen. In der Spätantike wurde sie zum faktischen kaiserlichen Bildhauerlieferanten für den oströmischen Hof in Konstantinopel.
Der Marmor selbst. Marmor Aphrodisiense ist ein feinkörniger, leicht durchscheinender weißer Stein, gelegentlich von blassgrauen oder bläulichen Adern durchzogen. Er ist fest genug für scharfe Konturen und Hochglanzpolitur, weich genug für die tiefen Bohrungen, die der aphrodisischen Arbeit ihre charakteristische Funkeln aus Licht und Schatten verleihen. Petrographische Analysen, die in den 1990er Jahren entwickelt wurden, erlauben heute eine sichere Identifikation aphrodisischen Marmors in Funden von Britannien bis Ägypten.
Die Hauptbrüche liegen an den unteren Hängen des Akdağ, zwei bis drei Kilometer nordöstlich der Stadt. Sie wurden insbesondere von Mehmet Bruno, Donato Attanasio und anderen eingehend untersucht; sie haben die geochemische "Signatur" des aphrodisischen Marmors etabliert — eine charakteristische Kombination aus stabilen Isotopenverhältnissen, Spurenelementkonzentrationen und Kristallstruktur, die ihn von den weißen Marmoren von Marmara, Pentelikon, Carrara und Paros unterscheidet. Diese Signatur lässt sich noch an kleinen Fragmenten nachweisen und macht die Verbreitung des Materials im Reich verfolgbar.
Zwei wichtige Farbvarianten wurden ausgebeutet. Der dominierende weiße Marmor — mit einer Korngröße von etwa 0,3 bis 1 Millimeter — diente Figurenplastik, Sarkophagen, Porträts und Bauornamentik. Eine markante grau-blaue Sorte, gelegentlich bigio antico aphrodisiense genannt, wurde für besondere Zwecke verwendet — am berühmtesten für die beiden Kentauren in den Gärten der Hadriansvilla, deren dunkler Stein eine eindrucksvoll andersartige optische Wirkung erzielte.
Das Signieren der Werke. Während die antike Skulptur überwiegend anonym geblieben ist, signierten die aphrodisischen Bildhauer ihre Arbeiten, oft in der Form "Antoninianus hat dies gemacht" oder "Aristeas und Papias aus Aphrodisias". Diese Gewohnheit, gepaart mit dem Exportnetz, macht es möglich, einzelne Hände durch das gesamte Reich zu verfolgen. Zu den namentlich überlieferten Meistern, deren Werke identifiziert wurden, zählen:
- Antoninianus, produktiv im 2. Jahrhundert n. Chr., mit signierten Arbeiten in Aphrodisias selbst und in Rom.
- Aristeas von Aphrodisias, dessen Kentauren in den Gärten der Hadriansvilla in Tivoli gemeinsam mit seinem Partner Papias signiert sind.
- Papias, oft mit Aristeas als Partner tätig.
- Zenon und Alexandros, beide produktiv in severischer Zeit.
- Polyneikes, ein Meister des 2. Jahrhunderts, mit signierten Arbeiten in Aphrodisias und andernorts belegt.
- Flavius Chryseros und Flavius Zenon in der Spätantike — das Flavius-Praenomen deutet auf Verbindungen zum spätrömischen Kaiserhof.
- Apollonios, Diogenes, Menippos, Andronikos und weitere Bildhauer, deren individuelle Hände die Forschung noch immer identifiziert.
Wohin ihre Werke gingen. Signierte oder stilistisch zuschreibbare aphrodisische Skulpturen sind nachgewiesen in:
- Rom — darunter im Trajansforum und in den Caracalla-Thermen.
- Hadriansvilla, Tivoli — der berühmte "Alte Kentaur" und der "Junge Kentaur" aus schwarzem Marmor, signiert von Aristeas und Papias aus Aphrodisias. Heute in den Kapitolinischen Museen, gelten sie als der vielleicht berühmteste einzelne aphrodisische Export.
- Lepcis Magna in Nordafrika — ein Großteil des prächtigen severischen Bildhauerprogramms, einschließlich der reich verzierten Pfeilerreliefs der severischen Basilika. Der severische Kaiser Septimius Severus stammte aus Lepcis, und die kaiserliche Verbindung führte zu einem regelrechten Zustrom aphrodisischer Bildhauer.
- Karthago, Athen, Korinth, Antiochia, Alexandria — überall finden sich substantielle Einzelwerke.
- Konstantinopel — bis in die Spätantike und frühe byzantinische Zeit hinein wurden aphrodisische Bildhauer in die neue Hauptstadt gerufen, um kaiserliche Porträts zu meißeln. Das berühmte spätantike Porträt der Kaiserin Ariadne im Castello Sforzesco in Mailand wird häufig einer aphrodisischen Hand zugeschrieben.
- Ostia, Pompeji, Herculaneum — Grabskulptur und dekorative Plastik, oft unsigniert, aber stilistisch zuschreibbar.
- Kleinere Städte Kleinasiens — Ephesos, Side, Perge, Sagalassos und andere; alle erhielten aphrodisische Werke entweder als Importe oder durch reisende Meister.
Das Relief der "Eroberten Britannia". Das wohl berühmteste Einzelstück ist die Sebasteion-Platte, die zeigt, wie Kaiser Claudius die personifizierte Provinz Britannia niederwirft. Die Komposition — ein heroisch nackter Claudius, der eine halb entblößte Britannia an den Haaren hält, während sie in die Knie sinkt — ist zur Ikone des römischen Imperialismus in heutigen Lehrbüchern geworden. Ihr Pendant zeigt Nero mit einer gefallenen Armenia.
Die beiden Platten haben ein bemerkenswertes Nachleben. Sie erscheinen in nahezu jedem Lehrbuch zur römischen Kunst und Geschichte; sie sind Gegenstand eigenständiger Monographien (zuletzt R.R.R. Smiths Aphrodisias VI); sie haben feministische Neulesarten des römischen Imperialismus inspiriert (Davina Quinlivan, Caroline Vout u. a.); sie schmücken die Umschläge von Geschichtsbüchern über Britannien in römischer Zeit. Die Claudius-Britannia-Platte ist zum berühmtesten einzelnen Bild römischer Eroberung in der modernen Forschung geworden.
Skulptur in der Spätantike. Anders als viele provinzielle Werkstätten überlebte die aphrodisische Schule tief in die christliche Kaiserzeit. Porträts von Statthaltern und Philosophen aus dem späten 4. und 5. Jahrhundert gehören zu den feinsten ihrer Art, mit verhüllten, nach innen gewandten Blicken, die den Übergang in die frühbyzantinische Ästhetik markieren.
Das Werkstattviertel. Grabungen am östlichen Rand der Süd-Agora und im Bereich zwischen Bouleuterion und Tetrapylon haben Räume freigelegt, die als Bildhauerwerkstätten interpretiert werden — mit Arbeitsböden, unvollendeten Blöcken, Werkzeugen und Marmorabschlägen. Dass solche Werkstätten innerhalb der Stadtmauern, in unmittelbarer Nachbarschaft der bedeutenden öffentlichen Räume lagen, ist selbst ein Zeichen dafür, wie zentral die Bildhauerei für das Selbstverständnis der Stadt war. In Athen oder Rom arbeiteten Bildhauer an der Peripherie; in Aphrodisias im Zentrum.
Stilphasen. Die moderne Forschung unterscheidet mehrere Phasen der Schulproduktion. Die frühe Phase (1. Jh. v. Chr. bis frühes 1. Jh. n. Chr.) ist von klassizistischer Strenge geprägt, dem Einfluss spätrhellenistischer Vorbilder aus Pergamon und Rhodos. Die hochkaiserliche Phase (spätes 1. – 2. Jh.) zeigt reife Meisterschaft des Bohrers, theatralisierten Faltenwurf und intensive Politur. Die severische Phase (frühes 3. Jh.) verbindet extreme Verfeinerung mit leichter Überladenheit. Die spätantike Phase (4. – 5. Jh.) kehrt zu einem zurückgenommenen, beinahe meditativen Idiom zurück und nimmt die frühbyzantinische Kunst vorweg. Alle vier Phasen lassen sich in den Sammlungen des Museums studieren.
Die Reliefs des Sebasteion
Das Sebasteion barg fast zweihundert Reliefplatten, verteilt auf die beiden oberen Geschosse der nördlichen und südlichen Portikus. Sie bilden ein kohärentes visuelles Programm — Götter, Heroen, Kaiser, Völker —, das in seiner Gesamtheit das Selbstverständnis der Stadt im römischen Kosmos zum Ausdruck brachte.
Das Programm ist hierarchisch und thematisch geordnet. Auf der Bodenebene durchquerte der Besucher die beiden Portiken auf einer langen Säulenstraße. Sein Blick fiel zunächst auf den unteren Fries der ethne — der personifizierten Völker des Reiches. Höher, auf dem mittleren Geschoss, spielten die Götter der griechischen Überlieferung ihre vertrauten Mythen. Am höchsten, an der Spitze des Baues, vollführten die römischen Kaiser der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit ihre eigenen göttlichen und heroischen Taten und wachten über die Wandelnden. Die architektonische Ordnung war theologisch zwingend: die Welt (die ethne) zuunterst, die Götter in der Mitte, die vergöttlichten Kaiser zuoberst.
Mythologische Reliefs. Das mittlere Geschoss trug Szenen aus dem klassischen hellenischen Repertoire: die Mühen des Herakles, die Taten des Achill, Szenen des trojanischen Zyklus (Aeneas und Anchises, Achill und Penthesilea), Leda mit dem Schwan, die Bestrafung des Prometheus, die Rettung der Andromeda, Apollo in Delphi, Dionysos und Ariadne. Indem die Stifter diese vertrauten griechischen Szenen neben die dynastischen Platten darüber stellten, beanspruchten sie ruhig, aber unmissverständlich: Die Taten der Kaiser stehen in Kontinuität zu den Taten der Götter und Heroen.
Die Auswahl der Mythen ist signifikant. Manche — Aeneas und Anchises, Romulus und Remus — verweisen direkt auf die Gründungsmythen Roms und die julische Gens. Andere — Bellerophon und die Chimaera, Apollo und Marsyas — exemplifizieren den Triumph der Ordnung über das Chaos und der legitimen Autorität über die Maßlosigkeit, Themen, die der kaiserlichen Ideologie willkommen waren. Wieder andere — Dionysos und Ariadne, Leda und der Schwan — feiern die Fruchtbarkeit und erotische Macht, deren Schirmherrin Aphrodite selbst war. Das Programm ist also sorgfältig auf seine dreifache Widmung abgestimmt: an Aphrodite, an die Kaiser und an den göttlichen Abstammungsanspruch der Dynastie.
Kaiserliche Reliefs. Das obere Geschoss trug Szenen des julisch-claudischen Hauses: Augustus mit Land und Meer, die Apotheose des Augustus, Tiberius in heroischer Nacktheit, Claudius, der Agrippina krönt, Nero als siegreicher Feldherr. Eine Platte mit Claudius und Britannia und eine weitere mit Nero und Armenia stellen die Eroberungen dieser beiden Kaiser als persönlichen mythischen Kampf dar. Die Figuren sind überlebensgroß und in einer Tiefe gearbeitet, die stellenweise an freiplastische Skulptur grenzt.
Die Platte mit Claudius und Britannia gehört heute zu den am häufigsten reproduzierten Bildern der römischen Kunst. Der Kaiser, heroisch nackt bis auf einen über die Schulter geschlagenen Mantel und ein Schwert in der Linken, hält Britannia an den Haaren, während sie auf die Knie sinkt, eine Brust entblößt, und ihn mit einem Ausdruck ansieht, der Trotz und Unterwerfung zugleich zeigt. Die Komposition überträgt die Bildgrammatik griechischer Kämpfe (Achill und Penthesilea, Grieche und Amazone) auf ein zeitgenössisches historisches Ereignis — die claudische Eroberung Britanniens im Jahre 43 n. Chr. Die aphrodisischen Bildhauer der julisch-claudischen Zeit erfanden damit gewissermaßen eine neue Gattung: Geschichte, dargestellt als Mythos.
Die Nero-Armenia-Platte folgt derselben Formel: ein idealisierter Kaiser in heroischer Nacktheit, eine personifizierte Provinz als besiegte weibliche Gestalt, der Augenblick triumphaler Unterwerfung auf dem Höhepunkt seiner Gewalt eingefangen. Gemeinsam bilden die beiden Platten ein Paar innerhalb des Sebasteion-Programms und feiern die territoriale Expansion des julisch-claudischen Hauses von Augustus bis Nero.
Die ethne — Personifikationen der Völker. Das vielleicht innovativste Element des gesamten Programms war die Reihe von Platten am unteren Geschoss, die die ethne darstellten — die personifizierten Völker und Provinzen unter römischer Herrschaft. Die Inschriften nennen die Kallaiker Iberiens, die Trumpiliner der Alpen, die Pirousten des Balkans, die Iapyder, die Andizeter und weitere. Viele dieser Namen sind sonst nur aus einer kurzen Erwähnung beim Geographen Strabon oder beim älteren Plinius bekannt — das Sebasteion ist gewissermaßen ein antiker ethnographischer Atlas des augusteischen Reiches.
Jede Personifikation folgt einer ähnlichen Formel. Eine stehende weibliche Figur, durch eine beschriftete Basis identifiziert, wird in einem Kostüm und einer Haltung gezeigt, die das jeweilige Volk oder die Provinz evozieren. Die Kallaiker tragen eine kurze Tunika; die Iapyder einen besonderen Schild. Manche Figuren sind bewaffnet, andere friedlich, manche jugendlich, andere matronenhaft. Zusammengenommen bildet die Reihe eine der ambitioniertesten bildlichen Bestandsaufnahmen des Imperiums, die die Antike kennt.
Die Reihe sollte neben den berühmteren Res Gestae Divi Augusti gelesen werden, der Autobiographie des Augustus, die in Ankara und andernorts inschriftlich überliefert ist und in der der Kaiser die unter römische Herrschaft gebrachten Völker aufzählt. Das Sebasteion macht diesen Katalog sichtbar — es ist das Reich, in eine Skulpturengalerie verwandelt. Die nächste Parallele in der erhaltenen römischen Kunst ist die verlorene Porticus ad Nationes in Rom, die nur durch eine knappe Erwähnung in Servius’ Vergil-Kommentar bekannt ist. Das Sebasteion ist gewissermaßen die Porticus ad Nationes, die überlebt hat.
Stil und Handwerk. Die Reliefs sind das Werk mehrerer Hände und erstrecken sich über eine Generation, teilen aber eine unverkennbar aphrodisische Qualität: langgliedrige Figuren, tief gebohrte Gewänder, lebendige Erzählgestik, Gesichter, die echte Emotion zu tragen vermögen. Die besten unter ihnen — die Claudius-Britannia-Platte, die Drei Grazien, die aus dem Meer auftauchende Aphrodite — gehören zu den Meisterwerken römischer Bildhauerei der Kaiserzeit.
Die ursprüngliche Farbgebung. Jüngere Pigmentanalysen an mehreren Platten haben umfangreiche Reste originaler Polychromie nachgewiesen: Inkarnatpartien in warmem Ocker bemalt, Augen in dunklem Rot konturiert, Haare dunkelbraun oder schwarz, Gewänder in lebhaftem Blau, Rot und Gelb, der Hintergrund häufig tiefblau. Die weißen Marmorreliefs, die wir heute sehen, waren ursprünglich ein Farbenrausch. Einige Vitrinen des Museums zeigen digitale Rekonstruktionen der ursprünglichen Polychromie neben der heutigen Marmoroberfläche.
Die Stifter. Mit dem Sebasteion verbundene Inschriften überliefern die Namen seiner beiden Hauptgründer: C. Iulius Eusebes Philopatris und seinen Neffen Diogenes. Eusebes war vermutlich ein Freigelassener des Kaiserhauses — sein lateinisches Praenomen und Gentilnomen lassen einen Bezug zu Augustus oder Tiberius vermuten —, der reich in seine Heimatstadt zurückkehrte und sein Vermögen in das ehrgeizigste Monument der Polis investierte. Diogenes setzte das Projekt nach dem Tod seines Onkels fort. Ihre Stifterinschriften, neben den Reliefs geborgen, sind selbst eine wichtige Quelle für die Sozialgeschichte der frühen Kaiserzeit im griechischen Osten.
Das Aphrodisias-Museum
Das Aphrodisias-Museum, 1979 innerhalb des archäologischen Parks eröffnet und 2008 durch die eigens errichtete Sebasteion-Halle wesentlich erweitert, gehört zu den großen archäologischen Museen der Türkei. Nahezu alles, was hier ausgestellt ist, wurde vor Ort gefunden, und die Sammlung erschließt sich unmittelbar im Dialog mit den Monumenten draußen.
Das Museum war eine Konzeption Kenan Erims, integraler Bestandteil seiner Grabungsstrategie: Die wichtigsten Funde sollten am Fundort verbleiben und nicht in die großen Häuser Istanbuls, Izmirs oder ins Ausland abwandern. Dieser Entschluss, vom Kulturministerium unterstützt, machte aus Aphrodisias eine jener seltenen antiken Städte, in denen Stätte und Funde in einem einzigen Besuch zusammen erlebt werden können — das Museum nur hundert Meter vom jeweiligen Bauwerk entfernt. Es ist zugleich eines der kohärentesten Provinzmuseen der Türkei.
Der Erweiterungsbau von 2008, eigens für die Sebasteion-Reliefs konzipiert, verdoppelte nahezu die Ausstellungsfläche. Die Sebasteion-Halle ist als langer, oberlichtbeleuchteter Saal angelegt; die Reliefs sind auf Augenhöhe an beiden Längswänden ausgestellt, nach Geschoss und Thema gegliedert, sodass die ursprüngliche architektonische Abfolge zweidimensional nacherlebbar wird.
Aufteilung. Vom Eingang aus durchschreiten die Besucher im Uhrzeigersinn eine in etwa chronologisch und thematisch gegliederte Abfolge von Sälen: einen Eingangssaal mit Kleinfunden und Inschriften, den Kaisersaal mit Porträts von Kaisern, Statthaltern und Bürgern, den Aphrodite-Saal mit Kopien des Kultbildes und weiterer religiöser Skulptur, die eigene Sebasteion-Halle am hinteren Ende, in der die Reliefs in zwei langen Reihen die ursprüngliche Architektur nachbilden, sowie Säle für die spätrömischen und frühbyzantinischen Phasen.
Schlüsselwerke.
- Die Aphrodite von Aphrodisias. Mehrere Kopien des Kultbildes, die feinste ein nahezu vollständiges Exemplar mit sorgfältig gemeißelten Registern: die Drei Grazien, Helios und Selene, die Eroten und eine marine Szene am Sockel.
- Der Zoilos-Fries. Ein langes Marmorrelief zum Gedenken an Gaius Julius Zoilos, einen Freigelassenen Octavians, der nach seiner Freilassung in seine Heimatstadt zurückkehrte und einer ihrer großen Wohltäter wurde. Der Fries, ursprünglich Teil seines Grabmals, zeigt ihn umringt von Personifikationen wie Polis (Stadt), Andreia (mannhafter Mut) und Pistis (Treue).
- Der "Alte Fischer". Ein Meisterwerk hellenistisch beeinflusster Genrekunst in dunkelgrauem Marmor: ein gebeugter, sehniger alter Mann mit verwittertem Gesicht, geborgen aus den Hadrian-Thermen. Der Kopf befindet sich heute in Berlin, der Körper in Geyre.
- Sebasteion-Originale. Nahezu alle geborgenen Reliefs sind in der eigenen Halle ausgestellt, ergänzt durch erläuternde Diagramme, die ihre ursprüngliche Position rekonstruieren.
- Kaiserporträts. Eine nahezu vollständige Serie von Köpfen von Augustus bis Konstantin, viele auf kaiserlicher Hofqualität.
- Spätantike Porträts. Die berühmten Philosophen- und Statthalterköpfe aus dem sogenannten "Philosophenhaus" — sie zählen zu den eindringlichsten spätantiken Porträts überhaupt.
- Sarkophage. Mehrere reich verzierte aphrodisische Sarkophage aus den städtischen Nekropolen und dem Stadtinneren, mit Girlanden, Eroten, mythologischen Szenen und Porträtmedaillons.
- Architekturplastik. Kapitelle, Friesblöcke und Türrahmen aus dem Bouleuterion und dem Sebasteion, die die Vielfalt der dekorativen Register der aphrodisischen Handwerker veranschaulichen.
- Kleinfunde. Münzen aus der städtischen Prägeanstalt (mit dem Kultbild der Aphrodite), Tonlampen und Terrakotten, Glas, Schmuck und Bronzeinstrumente. Ein kleiner, aber lebendiger Bereich des Museums ist der alltäglichen materiellen Kultur der Stadtbewohner gewidmet.
Praktische Hinweise. Das Museum ist zu denselben Zeiten wie die Stätte geöffnet und in demselben Ticket eingeschlossen. Fotografieren (ohne Blitz) ist überall erlaubt. Mindestens eine Stunde sollte man einplanen — mehr, wenn man in der Sebasteion-Halle Zeit verbringen möchte, die langsame Betrachtung belohnt. Die Beschriftungen sind zweisprachig (Türkisch und Englisch); am Eingang ist ein ausführlicher gedruckter Begleitführer erhältlich.
Archäologische Arbeiten
Charles Texier (1830er Jahre). Der französische Reisende und Architekt Charles Texier war der erste neuzeitliche Besucher, der einen detaillierten Bericht über die Ruinen publizierte. Seine 1835 angefertigten Zeichnungen des Tetrapylon und der stehenden Säulen des Tempels sind wertvolle Zeugnisse des Zustands vor jeder Beräumung.
Paul Gaudin (1904 – 1905). Ein französischer Eisenbahningenieur und Hobbyarchäologe im osmanischen Dienst, führte Gaudin Sondierungen am Tempel und im Sebasteion-Bereich durch. Seine Funde, darunter einige Sebasteion-Reliefs, wurden zwischen Istanbul und Provinzmuseen aufgeteilt.
Giulio Jacopi (1937). Der italienische Archäologe Giulio Jacopi leitete 1937 eine kurze Kampagne, öffnete Schnitte an den Hadrian-Thermen und barg weitere Skulpturen. Sein Werk wurde vom Zweiten Weltkrieg unterbrochen.
Kenan Erim (NYU, 1961 – 1990). Die entscheidende Gestalt der modernen Geschichte von Aphrodisias. Geboren 1929 in Istanbul, ausgebildet an der NYU und in Princeton, kam Kenan T. Erim 1961 nach Geyre und widmete der Stätte die folgenden drei Jahrzehnte seines Lebens. Er leitete bis zu seinem Tod 1990 dreißig aufeinanderfolgende Grabungskampagnen. Unter seiner Führung wurde das Sebasteion entdeckt (1979) und ausgegraben, das Tetrapylon wieder aufgerichtet, die Umsiedlung Geyres ausgehandelt, das Vor-Ort-Museum gegründet und eine Generation türkischer und internationaler Wissenschaftler ausgebildet. Er ist neben dem Tetrapylon begraben — an jener Stelle, von der aus man auf das Werk seines Lebens blickt.
Erim war eine ungewöhnliche Verbindung: ein durchaus kosmopolitischer Klassischer Archäologe, der in Istanbul, New York und dem Dorf Geyre gleichermaßen zu Hause war. Er sprach fließend Türkisch, Englisch, Französisch, Italienisch und Griechisch, gewann türkische Minister wie amerikanische Mäzene und baute ein bemerkenswertes Netz von Förderern auf, das die Grabung auch durch Phasen politischer und wirtschaftlicher Schwierigkeiten trug. Sein populäres Buch Aphrodisias: City of Venus Aphrodite (1986) erschloss die Stätte einem breiten internationalen Publikum. Sein Erinnerungsmal an Ort und Stelle — eine schlichte Marmorplatte neben dem Tetrapylon, in Türkisch und Englisch beschriftet — ist zu einem stillen Wallfahrtsort für besuchende Archäologen und Bewunderer geworden.
R.R.R. Smith (Oxford, 1991 – Gegenwart). Nach Erims Tod übernahm Roland Robert Reno Smith, Lincoln Professor für Klassische Archäologie in Oxford, die Leitung. Unter ihm verlagerte sich der Fokus auf feinkörnige Studien und Konservierung: die detaillierte Publikation der Sebasteion-Reliefs (Smiths Aphrodisias VI), die Grabung und teilweise Neupflasterung der Tetrapylon-Straße, die Konservierung des Bouleuterion, die vollständige Publikation des spätantiken Porträtkorpus und die fortgesetzte Arbeit am Wasserbecken der Süd-Agora.
Smiths Direktorium hat die langsame, sorgfältige Publikation der schon in der Erim-Ära ausgegrabenen, aber nie vollständig studierten Funde betont und Monumente konserviert, die nach Freilegung zu verfallen drohten. Das Ergebnis ist ein außerordentlicher Zuwachs an wissenschaftlicher Tiefe — auch wenn das Tempo neuer Grabungen sich verlangsamt hat. Das heutige Team unter Smith umfasst Spezialisten für Epigraphik, Keramik, Glas, Metall, Marmorpetrographie und Konservierung neben den eigentlichen Feldarchäologen.
NYU + Oxford-Kooperation. Obwohl das Direktorium heute in Oxford liegt, bleibt das Projekt formal eine NYU-Unternehmung; eine jährliche Studienkampagne am Institute of Fine Arts in New York verbindet beide Stränge.
Moderne Technologie. Jüngste Kampagnen haben 3D-Laserscanning der Sebasteion-Reliefs zur digitalen Wiederzusammensetzung eingesetzt, Photogrammetrie der stehenden Monumente zur Beobachtung struktureller Veränderungen, isotopische und petrographische Analysen des Marmors zur Verfolgung aphrodisischer Exporte im Reich sowie konservatorische Maßnahmen wie das digitale Tetrapylon und neue Schutzdächer über dem Wasserbecken der Süd-Agora.
Geophysikalische Prospektion. Seit den frühen 2000er Jahren wurden mit Magnetometrie und Bodenradar erhebliche Teile der unter der heutigen Oberfläche liegenden Stadt kartiert; Straßen, Gebäude und unausgegrabene Komplexe wurden identifiziert. Diese nichtinvasive Arbeit erlaubt es, Grabungsprioritäten mit weit größerer Genauigkeit zu setzen.
Publikation. Die aphrodisische Grabung ist ungewöhnlich gut publiziert. Die Monographienreihe Aphrodisias, in Kooperation mit deutschen und österreichischen Instituten herausgegeben, umfasst inzwischen mehr als ein Dutzend gewichtiger Bände zu einzelnen Monumenten und Fundkategorien. Die Sebasteion-Reliefs (Band VI, Smith 2013), die spätrömischen Porträts, die Süd-Agora und die Inschriften der Stadt liegen in definitiver wissenschaftlicher Bearbeitung vor. Das Projekt unterhält darüber hinaus eine lebhafte öffentlichkeitswirksame Präsenz mit jährlichen Berichten, einer Projektwebseite und regelmäßigen Medienpräsenzen.
Ausbildung. Jeden Sommer hostet das Projekt eine Studienkampagne vor Ort für Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler aus der Türkei, dem Vereinigten Königreich, den USA und darüber hinaus. Viele der heute führenden Klassischen Archäologen, die in Kleinasien arbeiten, wurden in Aphrodisias ausgebildet.
Zahlen und Maße
| Element | Maß / Datierung | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Höhe über dem Meeresspiegel | ca. 600 m | Hoch gelegenes Binnenbecken in Karien |
| UNESCO-Aufnahme | 2017 | Kriterien (ii), (iii), (iv), (vi) |
| Geschätzte Höchstbevölkerung | 15.000 – 25.000 | Frühe bis hohe Kaiserzeit |
| Aphrodite-Tempel | 8 × 13 Säulen, ionisch | Spätes 1. Jh. v. Chr., Basilika ca. 500 n. Chr. |
| Sebasteion | 90 m lang, 14 m breit | ca. 20 – 60 n. Chr. |
| Sebasteion-Reliefs | ca. 190 Platten | Drei Geschosse: dorisch/ionisch/korinthisch |
| Stadion-Maße | 262 × 59 m | 1. Jh. n. Chr. |
| Stadion-Kapazität | ca. 30.000 | Bestes erhaltenes der Welt |
| Sitzreihen des Stadions | 22 | An beiden Längsseiten |
| Theater-Kapazität | 7.000 – 8.000 | Hellenistisch, augusteischer Umbau |
| Bouleuterion-Kapazität | ca. 1.750 | Überdacht; heute teils geflutet |
| Tetrapylon-Säulen | 16 (4 Reihen zu je 4) | Mitte 2. Jh. n. Chr.; Anastylose 1984 – 1991 |
| Süd-Agora | 215 × 69 m | "Ort der Palmen" |
| Wasserbecken Süd-Agora | ca. 170 m lang | Eines der größten der Antike |
| Hadrian-Thermen | frühes 2. Jh. n. Chr. | Unter Hadrian eingeweiht |
| Entfernung der Marmorbrüche | ca. 2 – 3 km NO | Untere Hänge des Akdağ |
| Erim-Kampagnen | 30 (1961 – 1990) | Direktorium NYU |
| Smith-Kampagnen | 1991 – Gegenwart | Direktorium Oxford |
| Entfernung von Denizli | ca. 80 km | Östlich |
| Entfernung von Aydın | ca. 100 km | Westlich |
| Entfernung von Kuşadası | ca. 180 km | Nordwestlich |
Besucherinformationen
Anreise. Aphrodisias liegt am Dorf Geyre im Landkreis Karacasu der Provinz Aydın. Üblich sind folgende Wege:
- Aus Denizli (ca. 80 km, 1 Std. 15 Min.): am einfachsten. Die Autobahn Aydın – Denizli (O-31) westwärts, Ausfahrt Tavas/Karacasu, dann den Schildern nach Geyre folgen.
- Aus Pamukkale (ca. 100 km, 1 Std. 30 Min.): die beliebteste Tageskombination mit Hierapolis.
- Aus Aydın (ca. 100 km, 1 Std. 30 Min.): D-585 südwärts nach Karacasu, dann ostwärts nach Geyre.
- Aus Kuşadası oder Selçuk (ca. 180 km, 3 Std.): als langer Tagesausflug von der Ägäisküste machbar.
- Aus Bodrum (ca. 230 km, 3 Std. 30 Min.): als langer Tagesausflug möglich, doch die meisten Besucher übernachten lieber in Pamukkale.
- Aus İzmir (ca. 230 km, 3 Std.): über die Autobahn durch Aydın.
Eine bequeme öffentliche Anbindung gibt es nicht. Mietwagen oder geführte Tour sind die praktischsten Optionen. Dolmuş-Minibusse von Karacasu fahren nach Geyre, erfordern aber sorgfältige Zeitplanung.
Öffnungszeiten und Tickets. Stätte und Museum sind in der Regel täglich geöffnet, sommers etwa 08:30 – 19:00 Uhr, winters etwa 08:30 – 17:00 Uhr. Ein Ticket gilt für beides. Sowohl der Müzekart Ege (Museumspass Ägäis) als auch der Müzekart Türkei sind gültig.
Die Traktorfahrt. Vom Besucherzentrum und Parkplatz aus bringt ein traktorgezogener Shuttle die Gäste die letzten paar hundert Meter zur eigentlichen archäologischen Zone. Die Fahrt dauert etwa fünf Minuten und gehört zum Aphrodisias-Erlebnis; sie verkehrt während der Öffnungszeiten kontinuierlich.
Zeit vor Ort. Planen Sie 3 bis 4 Stunden für einen vollständigen Besuch einschließlich Museum. Der übliche Rundgang dauert etwa zwei Stunden, das Museum eine weitere Stunde oder mehr. Mit Picknick und stillen Augenblicken im Stadion lässt sich leicht ein ganzer Tag verbringen.
Beste Reisezeit. Ende April bis Anfang Juni sowie Mitte September bis Anfang November. Der Frühling bringt Wildblumen und Zugvögel ins Dandalas-Tal; der Herbst goldenes Nachmittagslicht auf das Sebasteion. Juli und August sind sehr heiß — Temperaturen über 35 °C sind normal, und Schatten ist auf dem Gelände begrenzt. Der Winter ist kalt, aber ruhig, gelegentlich mit Schnee auf den Säulen.
Nahegelegene Stätten.
- Pamukkale und Hierapolis (ca. 100 km östlich) — die weißen Sinterterrassen und eine bedeutende griechisch-römische Stadt.
- Laodikeia am Lykos (ca. 110 km östlich) — eine ausgedehnt ausgegrabene spätantike Stadt.
- Nysa am Mäander (ca. 70 km nördlich) — die Rhetorenschulstadt mit einer bemerkenswerten unterirdischen Gewölbepassage.
- Tralleis (modernes Aydın, ca. 100 km westlich) — Teilbestand und ein feines Museum.
- Magnesia am Mäander und Priene weiter westlich für die vollständige Mäander-Reiseroute.
Barrierefreiheit. Die Stätte ist nach dem Absetzen durch den Traktor weitgehend eben, aber die Wege bestehen aus ungebundenem Schotter und antikem Pflaster, mit gelegentlichen Stufen und unebenem Untergrund. Rollstuhlnutzung ist auf den Hauptwegen und im Museum möglich, nicht aber bei jedem Monument. Das Museum selbst ist vollständig zugänglich.
Einrichtungen. Café und Toiletten am Eingang, ein kleiner Souvenirladen, ein gut sortierter Buchladen mit den Publikationen der Aphrodisias-Grabung und aktuellen Reiseführern. Die nächste Tankstelle liegt in Karacasu.
Empfohlene Wegführung vor Ort. Nach dem Absetzen durch den Traktor folgt der Standardrundgang gegen den Uhrzeigersinn:
- Durch das Tetrapylon (und vorbei am Grab Erims).
- Zum Aphrodite-Tempel / der byzantinischen Basilika.
- Nordwärts zum Bischofspalast.
- Südwestwärts zum Bouleuterion und zur Nord-Agora.
- Weiter südwestwärts zu den Hadrian-Thermen und zum Becken der Süd-Agora.
- Ostwärts entlang der Süd-Agora zum Sebasteion.
- Südwärts zum Theater und zum Höyük.
- Nordwärts zum Stadion.
- Zurück zum Museum.
Der gesamte Rundgang misst rund zwei Kilometer zu Fuß, mit geringen Auf- und Abstiegen. Bequeme Schuhe, Hut, Sonnenschutz und Wasser sind bei warmem Wetter unentbehrlich.
Fotografie. Das Licht ist am frühen Morgen und am späten Nachmittag am besten. Das Sebasteion ist nach Osten ausgerichtet — also morgens am schönsten zu fotografieren; das Tetrapylon hat mehrere Seiten, ist aber am späten Nachmittag am reizvollsten, wenn das Westlicht die Säulen streift. Stadion und Becken der Süd-Agora belohnen Besuche zu beiden Tageszeiten.
Etikette. Wie an allen archäologischen Stätten der Türkei ist das Besteigen von Monumenten, das Berühren von Reliefs und das Entfernen von Objekten (auch Tonscherben) streng untersagt. Drohnen erfordern eine Vorab-Genehmigung des Kulturministeriums. Die Stätte ist eine arbeitende Grabungszone — Besucher, die auf laufende Untersuchungen treffen, sollten auf den markierten Wegen bleiben und die Arbeit des Teams respektieren.
Häufig gestellte Fragen
F1. Warum steht Aphrodisias auf der UNESCO-Welterbeliste? Aphrodisias wurde 2017 nach den Kriterien (ii), (iii), (iv) und (vi) eingeschrieben — für seine außergewöhnliche Bildhauertradition, seinen herausragenden Erhaltungszustand, seine Verkörperung des griechisch-römischen Stadtideals sowie seine direkte Verbindung zum Aphrodite-Kult und durch das Sebasteion zum römischen Kaiserkult. Die Marmorbrüche am Akdağ sind als zweiter, verknüpfter Bestandteil aufgenommen.
F2. Wie lange sollte ich vor Ort einplanen? Mindestens drei Stunden; idealerweise vier bis fünf einschließlich Museum. Ein halber Tag ist realistisch, ein voller Tag angenehm für alle, die verweilen möchten.
F3. Lässt sich Aphrodisias mit Pamukkale-Hierapolis an einem Tag verbinden? Möglich, aber knapp — etwa 100 km Abstand und volle Stätten auf beiden Seiten. Besser als zwei aufeinanderfolgende Tage mit Übernachtung in Karahayıt oder Pamukkale.
F4. Was ist das wichtigste Einzelstück? Wenn Sie nur eine Stunde haben, gehen Sie direkt zum Sebasteion draußen und anschließend zur Sebasteion-Halle im Museum. Bei zwei Stunden ergänzen Sie das Stadion und das Tetrapylon. Bei drei Stunden auch den Tempel, die Thermen und das Bouleuterion.
F5. Sind die Sebasteion-Reliefs Originale oder Kopien? Die im Museum ausgestellten Reliefs sind die Originale. Gipsabgüsse wurden für Studium und Ausstellung andernorts angefertigt; die marmornen Platten selbst befinden sich im Aphrodisias-Museum.
F6. Wer war Kenan Erim? Ein türkisch-amerikanischer Archäologe (1929 – 1990), Professor an der New York University, der die modernen Grabungen von 1961 bis 1990 leitete. Er ist neben dem Tetrapylon begraben und gilt als zweiter Gründer der Stadt.
F7. Was ist aphrodisischer Marmor? Der lokale feinkörnige weiße Marmor, gewonnen an den unteren Hängen des Akdağ, etwa 2 – 3 km von der Stätte entfernt. Er ist dicht, leicht durchscheinend und ideal für Figurenplastik. Petrographische Analysen können ihn heute von anderen antiken weißen Marmoren unterscheiden.
F8. Welche Sprachen wurden in Aphrodisias gesprochen? Hauptsächlich Griechisch in hellenistischer, römischer und byzantinischer Zeit — die öffentlichen Inschriften sind nahezu alle griechisch. Lateinisch erscheint in einigen wenigen kaiserlichen Dokumenten und Weihungen. In der Eisenzeit wurde die indigene karische Sprache gesprochen.
F9. Warum wurde die Stadt in Stauropolis umbenannt? Mit der Christianisierung der Stadt und der Umwandlung des Aphrodite-Tempels in eine Basilika um 500 n. Chr. erschien der Name "Aphrodisias" — wörtlich "Stadt der Aphrodite" — unpassend. Die Stadt wurde in Stauropolis umbenannt, "Stadt des Kreuzes". Der Name blieb durch die byzantinische Zeit erhalten.
F10. Ist die Stätte für Kinder geeignet? Ja, mit normaler Aufsicht. Am Stadion und um das Bouleuterion gibt es einige steile Abhänge, und die ungebundenen Wege verlangen Aufmerksamkeit. Kinder freuen sich meist über das Stadion, die Traktorfahrt und die kolossalen Skulpturen im Museum.
F11. Darf ich fotografieren? Ja — Fotografieren (ohne Blitz und ohne Stativ) ist auf dem gesamten Gelände und im Museum gestattet. Gewerbliche Aufnahmen erfordern eine Genehmigung.
F12. Wo kann ich mehr nachlesen? Die offizielle Website Aphrodisias Excavations (aphrodisias.classics.ox.ac.uk), die Projektseiten der NYU, das UNESCO-Dossier und die Bände der Reihe Aphrodisias (insbesondere R.R.R. Smiths Aphrodisias VI: The Marble Reliefs from the Julio-Claudian Sebasteion) sind die unverzichtbaren Ausgangspunkte.
F13. Gibt es vor Ort Verpflegung? Ein kleines Café am Eingang serviert Getränke, Snacks und einfache Mahlzeiten. Für ein richtiges Mittagessen fährt man nach Karacasu (13 km) oder, besser, isst in einem der kleinen Restaurants in Neu-Geyre, die auf regionale Gerichte wie keşkek (Weizen-Fleisch-Eintopf) und gözleme (gefüllter Fladen) spezialisiert sind.
F14. Lohnt sich das Sebasteion vor Ort, oder reichen die Reliefs im Museum? Beides. Der wieder errichtete Teil der südlichen Portikus — anastylotisch zur vollen dreigeschossigen Höhe ergänzt — vermittelt unmittelbar Größe und architektonischen Ehrgeiz des Originals. Das Museum liefert die nahsichtige Detailbetrachtung der Reliefs. Beides zusammen erschließt das Monument als Ganzes.
F15. Wie verhält sich Aphrodisias zu Ephesos? Ephesos ist größer, berühmter und betriebsamer; Aphrodisias kleiner, ruhiger, vollständiger und für kunstinteressierte Besucher wohl lohnender. Viele erfahrene Reisende in der Türkei stufen Aphrodisias für einen kontemplativen Halbtagsbesuch heute höher ein als Ephesos.
F16. Gibt es geführte Touren? Ja — sowohl freie Führer am Eingang als auch vorbuchbare Touren aus Pamukkale oder Kuşadası. Wer es ernst nimmt, dem sei ein lizenzierter Führer für zwei bis drei Stunden dringend empfohlen; die Stätte ist dicht überlagert, und ein kundiger Begleiter verdoppelt das Erlebnis.
Quellen und weiterführende Literatur
- UNESCO World Heritage Centre — Aphrodisias (Site Nr. 1519). Offizielles Aufnahmedossier, Kriterien, Karten, Managementplan. whc.unesco.org/en/list/1519
- Republik Türkei, Ministerium für Kultur und Tourismus — Aphrodisias Müzesi und Stättenportal. muze.gov.tr und aphrodisias.gov.tr
- New York University, Aphrodisias Excavations — Projektgeschichte und Jahresberichte. ifa.nyu.edu/research/aphrodisias
- University of Oxford, Aphrodisias Project — aktuelle Grabungsberichte unter R.R.R. Smith. aphrodisias.classics.ox.ac.uk
- Erim, Kenan T. Aphrodisias: City of Venus Aphrodite. New York: Facts on File, 1986. Der grundlegende moderne Überblick.
- Smith, R.R.R. Aphrodisias VI: The Marble Reliefs from the Julio-Claudian Sebasteion at Aphrodisias. Mainz: Zabern, 2013. Definitive Publikation der Sebasteion-Plastik.
- Smith, R.R.R., und C. Ratté (Hrsg.) Aphrodisias Papers I – V. JRA-Supplements. Detaillierte wissenschaftliche Studien.
- Ratté, Christopher. Aphrodisias: The Roman Bishop's Palace and Other Late Antique Houses. JRA Supp., 2017.
- Chaniotis, Angelos. Aphrodisias and the Greek Cities of Asia Minor. Inschriften und bürgerliches Leben.
- Wikipedia (deutsche Ausgabe) — Aphrodisias. Allgemeine Übersicht mit Bibliographie. de.wikipedia.org
- Reynolds, Joyce M. Aphrodisias and Rome. JRS Monographs 1. London 1982. Definitive Edition der diplomatischen und kaiserlichen Inschriften an der Archivwand des Theaters.
- Roueché, Charlotte. Aphrodisias in Late Antiquity. JRS Monographs 5. London 1989. Die spätantiken Inschriften.
- Roueché, Charlotte und R.R.R. Smith (Hrsg.). Aphrodisias Papers 4. JRA Supplement 70, 2008.
- Smith, R.R.R. Roman Portrait Statuary from Aphrodisias. Mainz: Zabern, 2006.
- Encyclopaedia Britannica — Aphrodisias. britannica.com/place/Aphrodisias
- Turkish Archaeological News — laufende Nachrichten zur Grabungssaison. turkisharchaeonews.net
Grabungshöhepunkte: Eine Dekade-für-Dekade-Übersicht
Eine knappe Übersicht der modernen Grabung mag der Orientierung dienen.
1960er Jahre. Kenan Erim beginnt 1961 mit systematischen Grabungen. Die ersten Arbeiten gelten dem Aphrodite-Tempel, dem Bouleuterion und dem Theater. Die Forschungsbasis vor Ort wird eingerichtet. Die erste Saison hat ein kleines Team und ein begrenztes Budget; gegen Ende des Jahrzehnts ist das Projekt mit Mehrmonatskampagnen pro Jahr etabliert.
1970er Jahre. Umfassende Arbeiten am Tempel und seiner Umwandlung zur Basilika; Beginn der Grabung in den Hadrian-Thermen; erste bedeutende Skulpturfunde, darunter der 1972 geborgene Zoilos-Fries. Das Vor-Ort-Museum wird geplant und gebaut (Eröffnung 1979).
1980er Jahre. Das Jahrzehnt des Sebasteion. Die Grabung im Sebasteion-Bereich beginnt 1979; die ersten Reliefs treten 1980 zutage; Mitte des Jahrzehnts ist die Tragweite des Fundes klar; gegen Ende ist die südliche Portikus weitgehend ausgegraben. Zugleich wird die Anastylose des Tetrapylon geplant und in Angriff genommen, 1991 vollendet. Die Umsiedlung Geyres wird im Lauf des Jahrzehnts fortgesetzt.
1990er Jahre. Kenan Erim stirbt 1990; R.R.R. Smith übernimmt 1991 die Leitung. Der Schwerpunkt verschiebt sich auf Konsolidierung, Konservierung und Publikation. Die Tetrapylon-Anastylose ist 1991 abgeschlossen. Die Sebasteion-Reliefs werden intensiv studiert. Neue Grabungen konzentrieren sich auf die Süd-Agora und die spätantiken Häuser.
2000er Jahre. Umfassende Arbeiten am Becken der Süd-Agora; Grabung des Philosophenhauses und Bergung seines Porträtensembles; geophysikalische Vermessung der unausgegrabenen Bereiche; Museumserweiterung (2008 abgeschlossen) zur Aufnahme der Sebasteion-Reliefs.
2010er Jahre. Ein publikationsstarkes Jahrzehnt. Smiths Aphrodisias VI (Sebasteion-Reliefs) erscheint 2013; Aphrodisias V (spätantike Häuser) 2017. Die Grabung an der Tetrapylon-Straße wird fortgesetzt; diese wird teilweise neu gepflastert. Die UNESCO-Aufnahme wird 2017 erreicht.
2020er Jahre. Fortgesetzte Arbeiten an der Tetrapylon-Straße, der Konservierung des Bouleuterion, der Konsolidierung der Süd-Agora und an den Marmorbrüchen. Digitale Technologien — 3D-Scanning, Photogrammetrie — kommen vermehrt zum Einsatz. Die jährliche Studienkampagne an der NYU bildet weiterhin neue Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus.
Was bleibt, was verloren ist
Eine kurze Reflexion über die Grenzen unseres Wissens.
Bei aller bemerkenswerten Erhaltung hat Aphrodisias viel verloren.
Was bleibt. Die wichtigsten städtischen Monumente — Tempel, Sebasteion, Stadion, Theater, Bouleuterion, Tetrapylon, Thermen, Agorai — sind in unterschiedlichem Zustand überliefert. Tausende Inschriften bewahren die Namen, Taten und Hoffnungen der Bewohner. Zehntausende Skulpturfragmente geben ein nahezu vollständiges Bild der städtischen Bildhauerproduktion. Marmorbrüche, Werkstattareale, elitäre Häuser und Gräberzonen liefern Zeugnisse des Alltagslebens.
Was verloren ist. Das Kultbild der Aphrodite aus dem Tempel selbst. Die Bronzeskulptur, die in der Spätantike oder danach fast vollständig eingeschmolzen wurde — nur eine Handvoll kleiner Bronzen ist erhalten. Die ursprünglich farbige Bemalung des Marmors, größtenteils verloren oder verblasst. Die Textilien, das Holzgerät, die vergänglichen Hausrate, von denen nur Spuren bleiben. Die Stimmen der Sklaven und Armen, die nur selten in den Inschriften erscheinen. Geruch, Klang und Geschmack der antiken Stadt.
Was noch zu erforschen ist. Ein erheblicher Teil der Stadt liegt weiterhin unter der modernen Oberfläche. Die geophysikalische Prospektion legt nahe, dass ganze Wohnviertel, Werkstätten und kleinere öffentliche Bauten noch auf Freilegung warten. Die Nekropolen jenseits der Mauern wurden bislang nur teilweise erschlossen. Auch die Marmorbrüche sind erst in Teilen untersucht.
Was sich noch finden lässt. Jede Grabungssaison bringt Neues. In den letzten Jahren: bislang unbekannte Abschnitte der Tetrapylon-Straße, neue Porträtskulpturen aus der Süd-Agora, weitere Reliefs aus dem Sebasteion-Bereich, neue Inschriften — gelegentlich sogar gänzlich unbekannte Monumente.
Wer Aphrodisias heute besucht, sieht eine Stadt mitten in ihrer modernen Wiedergewinnung. Künftige Generationen werden mehr sehen.
Imaginierte Stimmen: Eine Schlussbemerkung
Wer am späten Nachmittag in Aphrodisias steht, das lange Licht über das Becken der Süd-Agora gleitend, dem ergänzt die Phantasie, was die Steine nicht sagen können. Die Stimmen der Toten — Bildhauer, Priesterinnen, Ratsherren, Magistrate, Sklaven, Freigelassene, Philosophen, Statthalter, Bischöfe — sind leise hörbar in den Inschriften und Reliefs.
Der junge aphrodisische Bildhauer des frühen 1. Jahrhunderts, der mit Stolz seine erste Porträtbüste signiert, vielleicht später nach Rom reist, um sein Glück zu machen. Die wohlhabende Stifterin Tata, die ein öffentliches Festmahl für die ganze Stadt ausrichtet. Die Ratsmitglieder, die unter Hadrian eine Gesandtschaft nach Rom debattieren. Die Aphrodite-Priesterin, die beim Festakt die Prozession durch das Sebasteion führt. Der Philosoph Asklepiodot, der im späten 5. Jahrhundert über Platon liest, während sich das Christentum um ihn schließt. Der Bischof von Stauropolis, predigend in der zur Basilika gewandelten Halle, die einst der Tempel war. Der osmanische Dorfälteste Geyres in den 1850er Jahren, der zusieht, wie die ersten europäischen Reisenden seine Moschee zeichnen. Der türkische Arbeiter 1979, der das erste Sebasteion-Relief aus dem Schutt hebt. Kenan Erim, 1990, der zum letzten Mal durch das Tetrapylon geht.
All diese Stimmen bleiben, leise, am Ort. Wer langsam geht, wer innehält, um eine Inschrift zu lesen, wer im Stadion sitzt und die Stille einsinken lässt, wer beobachtet, wie die Schwalben durch die Säulen des Tempels flechten — der fängt etwas von ihnen ein. Aphrodisias belohnt stille Aufmerksamkeit wie kaum eine andere Stätte der Türkei.
Ein Besucherglossar
Einige Begriffe, die in jeder Beschreibung von Aphrodisias wiederkehren und allgemeinen Lesern unvertraut sein mögen.
- Anastylose. Die Wiederzusammensetzung eines eingestürzten Monuments aus seinen ursprünglichen Blöcken, mit minimalem neuem Material. Das Tetrapylon von Aphrodisias ist ein berühmtes Beispiel.
- Bouleuterion. Ein überdachter halbrunder Bau für die Sitzungen des Stadtrats (boulē).
- Karien. Die antike Landschaft Südwestanatoliens, zwischen Lydien im Norden und Lykien im Süden. Aphrodisias war ihr Binnenjuwel.
- Civitas libera et immunis. Lateinisch: "freie und steuerbefreite Stadt." Ein privilegierter Status im römischen Reich, Aphrodisias seit dem späten 1. Jh. v. Chr. verliehen.
- Ethne. Griechisch: "Völker" oder "Nationen." Im Sebasteion bezeichnet der Begriff die personifizierten Provinzen und Völker des römischen Reiches.
- Euergesie. Die Praxis öffentlicher Stiftung durch wohlhabende Bürger, charakteristisch für die griechischen Städte unter römischer Herrschaft.
- Höyük. Türkisch: "Siedlungshügel." Der künstliche Hügel, der durch jahrtausendelange Besiedlung an einem Ort entstand. Die Akropolis von Aphrodisias ist ein Höyük.
- Marmor Aphrodisiense. Lateinisch: "aphrodisischer Marmor." Der feinkörnige weiße Marmor des Akdağ.
- Odeon. Ein kleines überdachtes Theater für musikalische Aufführungen und Rezitationen. In Aphrodisias erfüllte das Bouleuterion diese Doppelfunktion.
- Polos. Eine hohe zylindrische Krone, die bestimmte griechische Göttinnen trugen, darunter das Kultbild der Aphrodite von Aphrodisias.
- Scaenae frons. Lateinisch: die aufwendig dekorierte Bühnenwand eines römischen Theaters.
- Sebasteion. Griechisch: ein Komplex zur Verehrung der vergöttlichten römischen Kaiser (theoi Sebastoi).
- Sphendone. Griechisch: "Schleuder." Das gerundete Ende eines Stadions oder Hippodroms.
- Stauropolis. Griechisch: "Stadt des Kreuzes." Der byzantinische Name von Aphrodisias nach der Christianisierung.
- Stephanephoros. Griechisch: "Kranzträger." Der eponyme Oberbeamte einer griechischen Stadt.
- Tetrapylon. Griechisch: "Viertor." Ein monumentales vierseitiges Tor, charakteristisch für die römische Provinzarchitektur.
Praktische Reisetipps: Wie planen?
Einige weitere praktische Hinweise für die Reiseplanung.
Unterkunft. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Neu-Geyre verfügt über kleine familiengeführte Pensionen — einfach und preisgünstig, mit hausgemachtem Frühstück und direktem Zugang zur Stätte. Karacasu (13 km entfernt) bietet umfangreichere Hotels. Pamukkale (100 km östlich) hat ein breites Hotelangebot, einschließlich internationaler Ketten, und ist eine beliebte Basis zur Kombination mit Hierapolis. Denizli (110 km östlich) hat städtische Hotels und ist Verkehrsknoten.
Kombination mit Pamukkale-Hierapolis. Die beliebteste Reiseroute verbindet Aphrodisias mit Pamukkale-Hierapolis. Die klassische zweitägige Variante: am ersten Tag die Sinterterrassen von Pamukkale und die Ruinen von Hierapolis; am zweiten Tag die Fahrt nach Aphrodisias (etwa 1,5 Stunden), ein ganzer Tag an der Stätte und im Museum, Rückkehr nach Pamukkale oder Weiterreise an die Küste. Wer es ruhiger angeht, dem erlauben drei Tage zusätzliche Stopps in Laodikeia oder Tripolis.
Die Ägäisküste. Viele Besucher nähern sich Aphrodisias von der Ägäisküste — Kuşadası, Selçuk, Bodrum. Von dort lässt sich die Stätte als langer Tagesausflug besuchen (jeweils 3+ Stunden Fahrt), die meisten ziehen jedoch eine Übernachtung in Pamukkale-Nähe vor.
Mehrtägige Routen. Eine einwöchige klassische Türkei-Reise könnte umfassen: Ephesos (1 – 2 Tage), Aphrodisias und Pamukkale (2 Tage), Sagalassos und Antalya (2 Tage), Side und Perge (1 – 2 Tage). Zwei Wochen erlauben den vollen Rundkurs einschließlich Pergamon und Bodrum.
Autofahren in der Region. Die Straßen in der Provinz Aydın sind generell gut. Die Autobahn (O-31) zwischen Aydın und Denizli ist schnell. Die kleineren Straßen nach Karacasu und Geyre sind gepflastert, aber langsamer; etwas Zeitpuffer einplanen. Die Navigation per GPS funktioniert zuverlässig; die Stätte ist von der Hauptstraße aus gut ausgeschildert.
Die Inschriftenkultur
Wer Aphrodisias auch nur eine Stunde lang durchschreitet, wird unweigerlich auf Inschriften treffen — auf Säulenbasen, an Theaterwänden, auf Sitzplätzen im Stadion, an Türstürzen, an Grabmonumenten und auf Statuensockeln. Die Stadt zählt zu den am dichtesten beschrifteten der gesamten griechischen Welt. Über zweitausend einzelne Texte sind dokumentiert; weitere kommen mit jeder Grabungssaison hinzu. Diese epigraphische Überlieferung ist nicht bloß ein Beiwerk, sondern erschließt das Selbstverständnis der Stadt von innen.
Die Archivwand. Die hohe Außenmauer der Theater-scaenae frons trägt das wohl bekannteste epigraphische Dossier der römischen Welt — eine bewusst zur öffentlichen Lektüre angelegte Wand mit kaiserlichen Briefen, Senatsbeschlüssen und Statthalterantworten. Dass die Aphrodisier ihre diplomatischen Erfolge so selbstbewusst zur Schau stellten, sagt etwas über das Selbstbild einer Stadt aus, die sich als Sonderfall verstand. Wer hier vor Octavian-Briefen, Hadrian-Reskripten und Gordianus-Anweisungen steht, sieht die Verzahnung von kaiserlicher Politik und lokaler Identität in einer Konkretheit, wie sie sonst kaum greifbar ist.
Stifterinschriften. Auf nahezu jedem Bauwerk nennen Inschriften die Stifter. Häufig waren es Familien, die über mehrere Generationen Säulen, Statuen, Brunnen oder ganze Gebäude finanzierten. Die Aphrodisier nutzten die Architektur des Stiftungswesens — der Euergesie — geschickter und konsequenter als die meisten anderen Städte des griechischen Ostens. Ein Mann konnte zu Lebzeiten eine Säulenreihe an der Tetrapylon-Straße stiften und nach seinem Tod auf einem Grabmonument vor der Stadt erneut erwähnt werden; seine Tochter konnte Priesterin der Aphrodite werden, sein Enkel im Bouleuterion einen Ehrensitz erhalten. Die Inschriften zeichnen diese sozialen Netze nach.
Frauen im epigraphischen Befund. Auffallend ist die hohe Zahl weiblicher Stifterinnen. Eine Tata, eine Attalis, eine Ammia Olympias treten als Bauherrinnen, Spielegeberinnen, Priesterinnen oder Hohepriesterinnen des Kaiserkults in den Inschriften auf. In manchen Fällen errichteten Frauen ganze Säulenreihen oder finanzierten öffentliche Bankette; ihre Namen erscheinen neben — und nicht hinter — denen ihrer Männer. Dieser hohe Anteil weiblicher Sichtbarkeit ist eines der charakteristischsten Züge der Stadt und hat in den letzten Jahrzehnten eine eigene wissenschaftliche Literatur hervorgebracht.
Die Sitzplatz-Inschriften des Stadions. In das Steinwerk der Sitzreihen sind Namen, Berufe und Vereinszugehörigkeiten eingeritzt. Hier sitzt ein Goldschmied, dort ein Färber, weiter unten ein Tuchmacher; dazwischen Familiennamen, Bürgerbezeichnungen, mitunter sogar Hinweise auf jüdische oder christliche Identität. Aus diesen Reservierungen ergibt sich ein soziales Mosaik einer Stadt, das anderswo nur selten so klar erfassbar ist.
Graffiti. Neben den offiziellen Inschriften prägen Hunderte von Kritzeleien und Skizzen das Bild — Spielbretter in Marmorplatten geritzt, Schiffe an Säulen, Tiergestalten, Heiligensymbole. Diese inoffizielle Schicht der Epigraphik öffnet ein zweites Fenster auf die Stadt: nicht das der Honoratioren, sondern jenes der Vorbeigehenden, der Kinder, der Wartenden.
Religion: Aphrodite und ihr Umfeld
Die Aphrodite von Aphrodisias war nicht die ägäische Schönheitsgöttin der Lehrbücher. Ihr Kultbild zeigt eine streng frontale Figur, säulenartig in ein eng anliegendes Gewand gehüllt, das in Reliefbändern mit mythologischen Szenen gegliedert ist — Helios und Selene oben, die Drei Grazien, die Eroten, ein Meeres-Tableau am Sockel. Auf dem Kopf trägt sie eine hohe Krone, den Polos; die Hände sind zur Spende ausgestreckt oder halten Attribute. Diese Ikonographie wurzelt tief in der anatolischen Tradition: Kybele, die phrygische Muttergöttin, ist hier ebenso präsent wie die syrische Astarte und die altkarische Herrin der Tiere.
Der Kult und seine Beamten. An der Spitze des Kultes stand der oder die Stephanephoros ("Kranzträger") — der eponyme Oberbeamte der Stadt, dessen Name die Jahreszählung markierte. Daneben gab es Priester und Priesterinnen der Aphrodite mit besonderen Vorrechten, etwa lebenslangen Ehrensitzen im Theater. Inschriften belegen, dass das Amt häufig in denselben Familien blieb und dass die Übernahme einer Priesterschaft mit erheblichen Stiftungen verbunden war — Festmähler für die Bürgerschaft, Spiele zu Ehren der Göttin, neue Statuen für das Heiligtum.
Feste und Spiele. Die wichtigsten Feste waren die Aphrodisien, panhellenische Spiele zu Ehren der Göttin, mit athletischen, musischen und dramatischen Wettkämpfen. Sie zogen Teilnehmer aus dem gesamten östlichen Mittelmeerraum an; Inschriften nennen Sieger aus Ephesos, Pergamon, Smyrna, Antiochia. In römischer Zeit kamen weitere Feste hinzu — die Sebasta für den Kaiserkult, die Hadrianeia unter Hadrian. Aphrodisias entwickelte sich zu einer Festspielstadt, deren Kalender ein dichtes Geflecht religiöser und politischer Ereignisse umfasste.
Synkretismus. Die Stadt war religiös offen. Inschriften belegen die Verehrung weiterer Gottheiten — Zeus, Apollo, Asklepios, Dionysos, Demeter — sowie ägyptischer und vorderorientalischer Kulte (Isis, Sarapis, Mithras). Diese Vielfalt ist nicht ungewöhnlich für eine kleinasiatische Polis, fügt sich aber besonders gut in das Bild einer Stadt, die ihren religiösen Schwerpunkt — den Aphrodite-Kult — von vornherein als synkretistische Figur konzipiert hatte.
Jüdische und christliche Gemeinden. Eine bemerkenswerte Inschrift, lange in der Forschung als "Stele der Gottesfürchtigen" diskutiert, listet mehr als hundert Namen — Juden, Proselyten und sogenannte theosebeis (Gottesfürchtige, Sympathisanten ohne formelle Konversion) — als Wohltäter eines Gemeindeprojekts. Dieses Dokument, eines der wichtigsten zur jüdischen Diasporageschichte des Mittelmeerraums, zeigt eine substantielle jüdische Gemeinde, die in das städtische Leben integriert war. Das Christentum kommt ab dem 4. Jahrhundert epigraphisch deutlicher zum Vorschein; die Umwandlung des Aphrodite-Tempels in die Michaelskirche und das spätere Bistum Stauropolis sind Etappen dieser Transformation.
Die letzte Aphrodite. Wann genau das Kultbild der Aphrodite vergraben wurde, ist nicht sicher, fällt aber wahrscheinlich in die Übergangszeit um 500 n. Chr., als die Tempelumwandlung erfolgte. Die Sorgfalt der Umwandlung — kein gewaltsamer Abbruch, sondern kontrolliertes Demontieren und Wiederaufbauen — legt nahe, dass der Übergang kein heißer Bruch, sondern ein begleiteter Prozess war. Vielleicht hielt sich der Aphrodite-Kult noch eine Weile außerhalb des Tempels; vielleicht waren die letzten Priesterinnen Christinnen geworden. Die Quellen schweigen an dieser Stelle.
Wirtschaft, Handwerk und Alltag
Aphrodisias war keine reine Heiligtumsstadt; sie war auch eine Wirtschaftsmetropole mittlerer Größe. Die ökonomische Grundlage ruhte auf vier Säulen: Landwirtschaft, Marmor- und Skulpturexport, Tuch- und Wollverarbeitung sowie das Geld, das die Festspielsaisonen, das Bildhaueratelier und der Pilgerbetrieb in die Stadt zogen.
Landwirtschaft. Das fruchtbare Tal des Dandalas erlaubte mediterrane Kulturen: Weizen, Wein, Olive, Feige, Granatapfel, Mandel, Sesam. Auf den höheren Lagen weidete Vieh — Schafe und Ziegen, deren Wolle die örtliche Textilindustrie speiste. Inschriften nennen Pachtverträge, Bewässerungsstreitigkeiten und die Aufgaben des städtischen Marktinspektors (agoranomos), der für Preisaufsicht, Qualität und gerechte Maße zuständig war.
Marmor und Skulptur. Die Bildhauerei war eine industrielle Branche mit klarer Arbeitsteilung. In den Steinbrüchen am Akdağ schlugen Quarrymen Rohblöcke heraus und gaben ihnen erste Konturen — viele halbfertige Sarkophage und Säulentrommeln lassen sich heute dort noch besichtigen. In den Werkstätten der Stadt verfeinerten Bildhauer die Form, fügten Detail hinzu, polierten und signierten. Manche Werkstätten waren auf Porträts spezialisiert, andere auf Sarkophage, wieder andere auf Bauplastik. Eine ganze Sub-Industrie versorgte die Werkstätten mit Werkzeugen — Meißeln, Hämmern, Drillbohrern, Schleifsteinen —, mit Holzkohle für das Glühen der Eisenwerkzeuge, mit Pech und Wachs für Verfugungen.
Textilien. Die Wolle der hochgelegenen Weiden speiste eine bedeutende Tuchindustrie. Inschriften nennen Färber, Walker, Tuchmacher und Wollwäscher; einige Sitzplatzreservierungen im Stadion gehören Mitgliedern dieser Berufe. Färbeanlagen sind im westlichen Stadtgebiet archäologisch nachgewiesen.
Münzen. Die Stadt prägte eigene Bronzemünzen mit dem Bild der Aphrodite — häufig die Kultstatue selbst, von vorn, manchmal mit Verkürzung der Reliefbänder. Andere Motive zeigen den Tempel, den Kaiser oder die personifizierte Tyche der Stadt. Die Prägungen reichen von der späten Republik bis zur Severerzeit und stellen für die Numismatik des kleinasiatischen Westens eine wichtige Quelle dar.
Pilgerwesen. Das Aphrodite-Heiligtum zog Pilger aus ganz Kleinasien und darüber hinaus an. Sie kauften Weihegaben, übernachteten in Pensionen, opferten am Altar und kehrten mit kleinen Andenken — Münzen, Terrakottafigürchen, Lampen — zurück. Dieses religiöse Tourismusgeschäft war für die städtische Ökonomie von erheblicher Bedeutung, besonders während der Aphrodisienspiele.
Alltagsfunde. Tonlampen, Eisenwerkzeuge, Knochennadeln, Glasperlen, Tonscherben mit eingeritzten Initialen — Tausende kleiner Funde vermitteln das Bild eines lebendigen, betriebsamen Alltags. Eine kleine Vitrine im Museum widmet sich dem Spiel: Wurfknöchel (astragaloi), Tonpüppchen, eingeritzte Spielbretter auf Marmorblöcken. Selbst die Kindheit ist greifbar.
Aphrodisias im Mittelalter und in der Neuzeit
Nach der byzantinischen Bistumsphase als Stauropolis schrumpft die Quellenlage, doch verschwindet die Stadt nicht ganz. Türkische Reisende und osmanische Steuerregister erwähnen das Dorf Geyre — eine Verballhornung des Namens "Karien" — seit dem 13. Jahrhundert. Die Bewohner lebten zwischen den antiken Trümmern: Säulen wurden zu Stützen für Holzbalken, Kapitelle zu Brunnenrändern, marmorne Architrave zu Türstürzen.
Europäische Reisende. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert besuchten gelegentlich europäische Reisende — Diplomaten auf dem Weg zur Hohen Pforte, frühe Antiquare — die Region. Verlässliche Berichte mit Zeichnungen setzen aber erst im frühen 19. Jahrhundert ein. Charles Texier (1835) und nach ihm britische Reisende wie William Hamilton dokumentierten den Zustand des Tetrapylon, der Tempelsäulen und einiger Inschriften. Ihre Aufzeichnungen sind heute kostbar, weil sie den Zustand vor jeder Grabung festhalten.
Erste Grabungen. Paul Gaudin (1904 – 1905) führte als erster systematischere Sondierungen durch. Seine Arbeit war im wahrsten Sinne pionierhaft, methodisch jedoch begrenzt; manche Reliefs gingen nach Istanbul, andere wurden, wie damals nicht ungewöhnlich, halbsystematisch weggegeben. Giulio Jacopi (1937) folgte mit einer kurzen italienischen Kampagne an den Hadrian-Thermen; der Zweite Weltkrieg unterbrach die Forschung.
Das Erdbeben von 1956 und die Folgen. Das Beben zerstörte einen Großteil der Dorfhäuser. In den folgenden Jahren reifte unter Wissenschaftlern und Beamten der Gedanke, das Dorf zu verlegen und die Stätte vollständig zugänglich zu machen. Die Entscheidung war umstritten — Bewohner verloren ihre Heimat, alte Häuser ihren Sinn —, doch die archäologische Konsequenz war einzigartig. Wenig später, 1961, begann Kenan Erim mit seinen Grabungen.
Geyre heute. Neu-Geyre liegt zwei Kilometer westlich der antiken Stadt. Das Dorf hat heute eine moderne Infrastruktur, kleine Pensionen und Restaurants, und ein gewisses Selbstverständnis als "Tor zu Aphrodisias". Manche Familien haben Großeltern, die in den alten Häusern zwischen den Ruinen aufwuchsen; manche Männer arbeiten in der Grabungssaison als Hilfsarbeiter, manche Frauen verkaufen Handwerk und Gebäck am Eingang. Der Übergang zwischen dem antiken und dem heutigen Aphrodisias ist menschlich konkreter, als der vorbeireisende Besucher zunächst denkt.
Aphrodisias und seine Nachbarn: ein regionaler Vergleich
Wer Aphrodisias in seiner Tiefe verstehen will, sollte es im Verhältnis zu seinen Schwestern und Rivalen in Asia Minor betrachten. Im westanatolischen Städtenetz nahm es eine eigentümliche Position ein: politisch privilegiert, geographisch abgeschieden, künstlerisch dominant.
Ephesos. Die Provinzhauptstadt der römischen Asia, an der Küste gelegen, war ein Welthafen und Pilgerziel ersten Ranges (Artemision, später Marienkirche). Ephesos überragte Aphrodisias an Einwohnerzahl, Handelsvolumen und politischer Bedeutung um ein Vielfaches; was Aphrodisias jedoch besaß, war eine Sonderstellung als steuerfreie Heiligtumsstadt — und das künstlerische Monopol auf hochwertigen Marmor. Ephesos bezog manches seiner besten Bauplastik aus aphrodisischen Werkstätten.
Pergamon. Die hellenistische Hauptstadt der Attaliden hatte ihre große Phase im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. abgeschlossen, als Aphrodisias erst zu seiner Blüte ansetzte. In römischer Zeit blieb Pergamon ein zentraler Sitz des Kaiserkults — das erste Augustus-Heiligtum der Provinz Asia stand hier. Wenn Aphrodisias später mit seinem Sebasteion eine eigene, monumentale Kaiserkult-Anlage schuf, geschah dies in bewusster Anlehnung an pergamenische Modelle.
Hierapolis. Die Stadt an den Sinterterrassen von Pamukkale, etwa hundert Kilometer östlich, ist heute der häufigste Tagesausflugspartner für Aphrodisias-Besucher. In der Antike teilten beide Städte die griechisch-römische Stadtkultur, unterschieden sich aber in den Schwerpunkten: Hierapolis war Heilbadstadt mit den heißen Quellen, Aphrodisias Kunststadt mit Marmor und Skulptur. Beide besaßen bedeutende Theater und ausgedehnte Nekropolen; Aphrodisias jedoch das Stadion, Hierapolis die spektakulärere Naturlandschaft.
Laodikeia am Lykos. Die spätantike Bischofsstadt im Lykostal, in der Nähe der modernen Stadt Denizli, ist heute eine der aktivsten Grabungsstätten der Region. Sie liegt nahe genug, um an einem zweiten Tag besucht zu werden; ihr Kontrast zu Aphrodisias ist instruktiv. Wo Aphrodisias die hochkaiserliche Kunst dominiert, vermittelt Laodikeia die christliche Spätantike und das frühe byzantinische Stadtbild.
Nysa am Mäander. Die kleinere Stadt nordnordöstlich von Aphrodisias war in der Antike als Rhetorikschulstadt bekannt; sie besitzt ein bemerkenswertes Theater und einen unterirdischen Gewölbebau. Wer Aphrodisias mit Nysa verbindet, sieht zwei sehr unterschiedliche karische Städte des römischen Hinterlands.
Tralleis. Das heutige Aydın liegt auf dem antiken Stadtgebiet; nur wenige antike Reste sind sichtbar, doch das städtische Museum besitzt feine Skulpturfunde, darunter Stücke, die Aphrodisias zugeschrieben werden.
Magnesia am Mäander, Priene, Milet. Weiter westlich erstrecken sich die berühmten Mäanderstädte, die einen größeren Reiseplan ergänzen. Milets Hafen war einer der Häfen, über die Aphrodisias' Marmor in die weite Welt verschifft wurde; Priene, klein und exquisit, zeigt einen ganz anderen Stadttyp — hellenistisch geplant, durchgängig nach Hippodamos-Raster angelegt.
Sagalassos. Weit östlich, in den pisidischen Bergen, liegt eine Stadt, die in jüngerer Zeit ähnliche wissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden hat wie Aphrodisias. Ein Vergleich der beiden lohnt: Sagalassos in höherer Lage, mit anderem Marmor, mit einer eigenen Bildhauerschule — aber ohne den dynastischen Status, der Aphrodisias auszeichnete.
Sondertexte und Dokumente
Einige der bekanntesten Inschriften und Texte aus Aphrodisias seien hier in knapper Form vorgestellt — als Anregung für vertiefendes Lesen.
Der Octavian-Brief von 39 v. Chr. Auf der Theatermauer eingemeißelt, richtet sich der junge Triumvir an die Bürger der Stadt: "Ihr habt aus ganz Asia eine Stadt erwählt, die mir gehört; darum gebe ich euch Freiheit, Steuerfreiheit, und das Recht auf Asyl im Tempel der Aphrodite." Der Wortlaut ist freundschaftlich, fast vertraulich, und vermittelt die persönliche Bindung zwischen der jungen Macht und der kleinen Polis.
Das Senatusconsultum aus Caesars Zeit. Ein weiterer Text der Archivwand überliefert einen römischen Senatsbeschluss zugunsten der Stadt — eine seltene Quelle, die die Verfahren römischer Diplomatie gegenüber griechischen Städten konkret macht.
Die Stele der Gottesfürchtigen. Diese lange Inschrift, im 4. oder 5. Jahrhundert datiert, listet die Namen jüdischer Gemeindemitglieder und sympathisierender "Gottesfürchtiger" (theosebeis), die ein gemeinsames Wohltätigkeitswerk finanzierten. Sie ist eine Schlüsselquelle für die Geschichte der jüdischen Diaspora in Kleinasien.
Die Preisedikt-Inschrift Diokletians. Ein Fragment des berühmten Höchstpreisedikts aus dem Jahr 301 n. Chr. fand sich in Aphrodisias und gehört zu den vollständigsten Versionen dieses Dokuments. Es regelt die Maximalpreise für Hunderte von Waren — Brot, Wein, Wolle, Pferde, Sklaven — und ist eine wesentliche Quelle der antiken Wirtschaftsgeschichte.
Stifterinschriften der Tata. Eine prominente aphrodisische Bürgerin der frühen Kaiserzeit, in mehreren Inschriften erwähnt, finanzierte Bauten, Statuen und Festmähler in eigenem Namen. Sie steht stellvertretend für die starke Präsenz weiblicher Stiftungstätigkeit in der Stadt.
Die Künstlersignaturen. Auf zahlreichen Statuen sind die Namen ihrer Bildhauer eingeritzt: "Aristeas und Papias aus Aphrodisias machten dies", "Polyneikes machte dies", "Zenon machte dies". Diese kurzen Texte sind die Quintessenz des aphrodisischen Selbstbewusstseins.
Aphrodisias in Forschung und Imagination
Über die letzten Jahrzehnte hat Aphrodisias eine Stellung in der allgemeinen Kulturgeschichte gefunden, die über die enge Archäologenwelt hinausreicht.
In der populären Literatur. Erims Buch Aphrodisias: City of Venus Aphrodite (1986) hat ein breites Lesepublikum erreicht. Reiseführer wie Lonely Planet und Rough Guide widmen der Stätte mehrere Seiten; Sondernummern von Kulturzeitschriften ("National Geographic", deutsche Reisefeuilletons, türkische Magazine wie Atlas) haben die Bilder verbreitet.
Im Film. Mehrere Dokumentationen — von der BBC, von ARTE, vom türkischen Fernsehen — haben die Stätte porträtiert. Eine Wanderausstellung "Aphrodisias: Heaven on Earth" tourte 2008 – 2009 durch amerikanische Museen mit nachgegossenen Reliefs aus dem Sebasteion und brachte die Stadt einem völlig neuen Publikum nahe.
In der akademischen Forschung. Allein zur Sebasteion-Plastik existiert mittlerweile eine eigenständige Bibliographie von hunderten Aufsätzen und mehreren Monographien. Das Kompendium Aphrodisias VI von R.R.R. Smith (2013) wird selbst kommentiert und ergänzt. Doktorarbeiten und Habilitationen widmen sich der späten Porträtplastik, der Inschriftenkultur, den Sarkophagen, den Atriumhäusern und den Marmorbrüchen.
In der Architektur und Restaurierung. Die Tetrapylon-Anastylose von 1984 – 1991 gilt international als methodisches Vorbild. Sie wird in Lehrbüchern der Denkmalpflege zitiert und hat Projekte in anderen Ländern beeinflusst — etwa die Wiederaufrichtung von Säulen in Knidos, in Side und in einigen libyschen Stätten.
In der Schule. Die Claudius-Britannia-Platte ist über englischsprachige und französischsprachige Schulbücher zu einem der bekanntesten antiken Bilder geworden. Auch in deutschen Lateinbüchern findet sie sich als Illustration zur römischen Eroberungspolitik.
Tagesablauf eines Aphrodisias-Besuchs: ein Vorschlag
Statt eines weiteren Rundgangs sei hier ein imaginärer Tagesablauf skizziert.
07:30 Uhr. Aufbruch von Pamukkale. Frühstück in der Pension, dann die Fahrt durch das Tal des Mäander, vorbei an Baumwollfeldern, kleinen Sägewerken, Schafherden auf abgemähten Stoppelfeldern. Eineinhalb Stunden später erreicht man Karacasu, biegt nach Geyre ab und sieht plötzlich, hinter einer Anhöhe, den Akdağ und die langen Pappelreihen, die das antike Tal säumen.
09:30 Uhr. Ankunft am Besucherzentrum. Ticketkauf, kurzer Kaffee am Café neben dem Eingang, dann die Traktorfahrt zur Stätte. Erste Eindrücke des Tetrapylon im Morgenlicht.
10:00 Uhr. Rundgang im Uhrzeigersinn — Tempel, Bischofspalast, Bouleuterion, Nord-Agora. Pausen für Fotografien, für stille Augenblicke unter den Säulen, für Lektüre einzelner Inschriften.
11:30 Uhr. Hadrian-Thermen, Süd-Agora mit Wasserbecken, Spaziergang durch die langen Säulenhallen.
12:30 Uhr. Sebasteion: die im Anastylose wieder aufgerichtete südliche Portikus, dann die Ostfassade des kleinen Kaiserkulttempels. Wer die Reliefs schon vorab im Museum sehen will, kann jetzt einen Abstecher dorthin machen.
13:30 Uhr. Mittagspause. Wer Picknick mitgebracht hat, sitzt im Schatten am Stadion; sonst Rückkehr zum Eingang oder Fahrt nach Neu-Geyre, wo familiäre Restaurants regionale Spezialitäten servieren — keşkek, gözleme, frisches Joghurt, kalter Ayran.
15:00 Uhr. Zurück zur Stätte. Theater mit Archivwand, dann der höyük; nordwärts zum Stadion. Wer Glück hat und in der Nebensaison kommt, hat das Stadion fast für sich allein. Eine halbe Stunde lang in den oberen Reihen sitzen, die Akustik testen, die Hitze des Marmors spüren.
16:30 Uhr. Museum. Die Sebasteion-Halle als Krönung; davor der Kaisersaal, der Aphrodite-Saal, das Philosophenhaus-Ensemble. Eine Stunde lang ist gut investiert.
18:00 Uhr. Rückfahrt — vielleicht mit einem letzten Stopp am Erim-Grab, vielleicht mit einem kurzen Halt in Karacasu für türkischen Tee. In Pamukkale zurück um 19:30 Uhr, vor Einbruch der Dunkelheit.
So lässt sich ein vollständiger Aphrodisias-Tag erleben, ohne Hetze, mit genügend Raum für die stillen Augenblicke, die diese Stätte mehr als andere belohnt.
Eine Geschichte zum Mitnehmen: Zoilos
Wer Aphrodisias als nur eine Stadt unter vielen sieht, hat den Zoilos-Fries im Museum noch nicht gesehen. Gaius Iulius Zoilos war ein gebürtiger Aphrodisier, der als Sklave nach Rom kam und dort dem jungen Octavian diente. Nach seiner Freilassung — mit dem Status eines römischen Bürgers und einer Verbindung zum Kaiserhaus, die ihm das Praenomen Gaius Iulius bescherte — kehrte er reich in seine Heimatstadt zurück.
Was Zoilos in den folgenden Jahrzehnten in Aphrodisias tat, lässt sich aus den Inschriften und dem Fries seines Grabmals rekonstruieren. Er war neunmal Stephanephoros, neunmal also der eponyme Oberbeamte der Stadt; er finanzierte den Bühnenbau des Theaters und große Teile des Aphrodite-Tempels; er saß im Stadtrat und entschied über die Diplomatie mit Rom. Er war, kurz gesagt, der inoffizielle erste Bürger einer freien Stadt zur Zeit Octavians.
Sein Grabmal vor den Toren der Stadt war reich mit Reliefs geschmückt. Der lange Fries — heute im Museum — zeigt Zoilos selbst, umgeben von Personifikationen: Polis (Stadt), Demos (Volk), Andreia (mannhafter Mut), Pistis (Treue), Time (Ehre), Mneme (Erinnerung). Diese Tugenden überreichen ihm Kränze und Ehrenzeichen. Das Bild ist Programm: Zoilos präsentiert sich als der ideale Bürger, der nach dem Vorbild der griechischen Polis-Tradition und der römischen Erfolgsethik gehandelt hat. Er ist zugleich Freigelassener, römischer Bürger, griechischer Notabler und Wohltäter — die Verkörperung jener kosmopolitischen Existenz, die Aphrodisias im frühen Imperium möglich machte.
Diese eine Biographie — exemplarisch, weil so dicht dokumentiert — gibt mehr als jede allgemeine Erörterung den Charakter der Stadt zu erkennen. Aphrodisias war ein Ort, an dem ein Mann mit Glück, Talent und einem mächtigen Patron ein Leben führen konnte, das ein ganzes Imperium durchmaß und am Ende doch in einem schmalen Tal in Karien wieder zur Ruhe kam.
Schlussbemerkung
Aphrodisias bleibt eine Stadt, die sich erst beim langsamen Gehen erschließt. Wer Ephesos in zwei Stunden abhakt und Pergamon mit der Seilbahn besteigt, sollte hier umdenken. Aphrodisias verlangt Aufmerksamkeit für das Detail — eine Inschrift in einer Säulenbasis, ein in den Stadionstein geritzter Name, ein Kapitell, das von einer korinthischen Variante des 2. Jahrhunderts erzählt. Es verlangt auch Aufmerksamkeit für das Ganze: das Verhältnis zwischen Tempel und Tetrapylon, zwischen Theater und Stadion, zwischen Süd-Agora-Becken und Hadrian-Thermen. Wer eine halbe oder ganze Stunde im Sebasteion verbringt und dann eine weitere Stunde in der Sebasteion-Halle des Museums, hat eines der dichtesten Bildprogramme der römischen Welt durchschritten — Schritt für Schritt, in der Ordnung, in der es konzipiert wurde.
In dieser Verbindung von intimer Größe, künstlerischer Tiefe und wissenschaftlicher Durchdringung liegt das Besondere von Aphrodisias. Nicht das Spektakel, nicht der monumentale Eindruck — sondern die langsame Offenbarung einer ganzen Welt aus Stein.
Anhang I: Vertiefung — Die Kultstatue der Aphrodite von Aphrodisias
Wenige antike Kultbilder sind so unverwechselbar wie die Aphrodite von Aphrodisias. Über fünfzig vollständige oder fragmentarische Exemplare sind im Mittelmeerraum bekannt — in Athen, Rom, Karthago, am Rhein, sogar in Britannien. Sie alle reproduzieren ein einziges Vorbild: das Kultbild im Tempel der Stadt. Ihre Ikonographie ist so spezifisch, dass die Bilder als regelrechte "Botschafter" der aphrodisischen Religion in der Diaspora gelten können.
Beschreibung. Die Statue zeigt die Göttin frontal, streng achsensymmetrisch, in einem engen Gewand, das den Körper als ein Säulenwerk gliedert. Vom Kopf bis zu den Füßen ist die Figur in Reliefbänder unterteilt, jedes Band trägt eine Mythenszene. Oben, knapp unterhalb der Brust, erscheinen meist Helios und Selene — Sonne und Mond — als Hinweis auf die kosmische Reichweite der Göttin. Darunter folgen die Drei Grazien, dann die Eroten in unterschiedlichen Tätigkeiten — Bogenschießen, Spielen, Tanzen. Am unteren Ende erscheint häufig eine Meeresszene, eventuell die Geburt der Aphrodite aus dem Schaum. Auf dem Kopf trägt sie eine hohe zylindrische Krone, den Polos, und einen Schleier.
Bedeutung. Diese Ikonographie ist nicht zufällig. Sie nimmt anatolische, ägäische und vorderorientalische Elemente auf und verschmilzt sie zu einer für Aphrodisias spezifischen Gottesvorstellung. Die Aphrodite hier ist nicht primär die Liebesgöttin, sondern eine Allherrin — kosmisch in Himmelszeichen, ordnend in den Grazien, lebenspendend in den Eroten, ursprünglich in der Meeresgeburt. Sie ist eine "Aphrodite der vielen Funktionen", deren Kult sich tief in das städtische Selbstverständnis eingelebt hatte.
Verbreitung. Wo immer ein aphrodisischer Bürger in der Diaspora lebte — als Bildhauer in Rom, als Kaufmann in Ostia, als Beamter in Karthago —, konnte er einen Kleinabguss der Heimatgöttin mitführen. Aphrodisische Münzen zeigen das Bild seitwärts oder frontal, kleine Bronzefigurinen verbreiteten es in privaten Hausaltären, Terrakotten und Lampen gaben dem Bürger der Provinz das eindringliche Bild seiner Stadt mit nach Hause. So wurde die Aphrodite von Aphrodisias über die Stadtmauern hinaus zu einem Markenzeichen — ein Bild, das die Stadt selbst repräsentierte.
Wo zu sehen. Die feinste vollständige Kopie steht im Museum vor Ort, in der Aphrodite-Halle. Weitere Exemplare finden sich im Archäologischen Museum Istanbul, im Louvre, im British Museum, in Berlin, in den Vatikanischen Museen und in einigen italienischen Provinzmuseen. Wer alle Stationen besucht, sieht einen erstaunlichen Variantenreichtum — jede Werkstatt fügte kleine Akzente hinzu, doch der Grundtyp blieb immer wiedererkennbar.
Anhang II: Vertiefung — Das Sebasteion als Lehrbeispiel
Wer das Sebasteion zum ersten Mal sieht, mag von der schieren Menge der Bilder überwältigt sein. Eine systematische Lesart hilft.
Erste Lesart: vertikal. Stellen Sie sich an die Längsseite und blicken Sie hinauf. Drei Geschosse: unten die ethne (die unterworfenen Völker, die "Welt"), in der Mitte die Götter und Mythenszenen ("die Götter"), oben die Kaiser ("die vergöttlichten Herrscher"). Die Hierarchie ist kosmologisch. Welt – Götter – Kaiser. Wer mit dieser Ordnung im Kopf steht, sieht plötzlich nicht nur Skulptur, sondern Theologie.
Zweite Lesart: horizontal. Folgen Sie nun einem Geschoss in seiner ganzen Länge. Auf der mittleren Ebene zieht eine epische Erzählung vorbei — Mythen aus dem trojanischen Zyklus, Mythen um Aphrodite, Mythen um Heros und Untat. Auf der oberen Ebene zieht die julisch-claudische Familie vorbei — Augustus, Tiberius, Claudius, Nero, mit ihren Frauen und ihren Triumphen. Die horizontale Lesart erschließt eine Erzählung.
Dritte Lesart: paarweise. Manche Platten gehören zusammen. Claudius und Britannia einerseits, Nero und Armenia andererseits — als doppelter Kommentar zur kaiserlichen Expansion. Aphrodite mit Eros und Aphrodite mit Anchises — als doppelter Hinweis auf die Genealogie der Julier. Die Paarungen sind sorgfältig komponiert.
Vierte Lesart: politisch. Bestimmte Botschaften sind eindeutig kalkuliert. Die ethne-Reihe legitimiert die römische Eroberung, indem sie den unterworfenen Völkern Würde verleiht — keine schlichten Karikaturen, sondern stilisierte Personifikationen. Die mythischen Szenen verbinden die griechische Tradition mit der römischen Macht und legen nahe, dass die imperialen Eroberungen sich in die kosmische Ordnung einfügen. Die Kaiserplatten schließlich zeigen Roms Herrscher als Heroen, die in einer Reihe mit Achill und Herakles stehen.
Fünfte Lesart: ästhetisch. Die Reliefs sind nicht nur Träger eines Programms, sondern Kunstwerke. Die Drei Grazien, die Aphrodite mit Anchises, der Apoll von Delphi — jede dieser Platten verlohnt eine eigene Betrachtung. Die Hände der Bildhauer arbeiten mit unterschiedlichem Idiom; manche bevorzugen tiefe Bohrungen und scharfe Kontraste, andere weicher gerundete Übergänge. Die Stilvielfalt ist ein zusätzlicher Reiz.
Wer eine halbe Stunde so vor dem Sebasteion verbringt — fünf Lesarten, je sechs Minuten —, hat eines der dichtesten Bildprogramme der römischen Kunst durchgearbeitet. Das Museum belohnt diesen Aufwand mit der direkten Sicht auf die Originale.
Anhang III: Vertiefung — Die Marmorbrüche am Akdağ
Die Steinbrüche, in denen marmor Aphrodisiense gewonnen wurde, liegen zwei bis drei Kilometer nordöstlich der Stadt an den unteren Hängen des Akdağ. Sie sind seit 2017 als Teil der UNESCO-Welterbestätte verzeichnet — eine seltene Anerkennung der Tatsache, dass ein Steinbruch genauso zum Kulturerbe gehören kann wie der gemeißelte Marmor selbst.
Was zu sehen ist. Die Brüche bestehen aus mehreren Galerien und Stufen, in denen sich die senkrecht geschnittenen Brüche der antiken Steinmetze deutlich von späteren, mit Sprengstoff bearbeiteten Flächen unterscheiden. In den Galerien liegen halbfertige Blöcke — eine angefangene Säulentrommel, eine fast vollständige Sarkophagwanne, ein Architrav, dessen Profilierung schon grob ausgeführt wurde. Diese unfertigen Werke wurden offenbar liegen gelassen, als die Industrie in der Spätantike zusammenbrach.
Wie es funktionierte. Die Steinmetzen schlugen mit Eisenmeißeln senkrechte Rillen in den Fels, in die Holzkeile eingetrieben wurden. Mit Wasser begossen, dehnten sich die Keile aus und sprengten den Block heraus. Die rohen Blöcke wurden auf hölzernen Rollen oder mit Ochsenkarren ins Tal gebracht und entweder direkt in den städtischen Werkstätten weiterverarbeitet oder per Flussfracht in entferntere Bestimmungen verschickt.
Wissenschaftliche Identifikation. In den 1990er Jahren begannen italienische und deutsche Wissenschaftler — namentlich Donato Attanasio und Mehmet Bruno —, die isotopische und petrographische Signatur des aphrodisischen Marmors systematisch zu erfassen. Heute lässt sich an einem kleinen Bohrkern oder gar an einem Bruchstück feststellen, ob ein Werk aus Aphrodisias stammt. Diese Methode hat die Verbreitung des Materials von Britannien bis Ägypten dokumentiert.
Zugang. Die Brüche sind nicht offiziell für Besucher erschlossen; ein Besuch erfordert eine Sondergenehmigung der Grabungsleitung und örtliche Führung. Der Weg über holprige Feldpisten lohnt sich für besonders Interessierte, die die Wurzel der aphrodisischen Bildhauerei mit eigenen Augen sehen wollen.
Anhang IV: Vertiefung — Spätantike und der Übergang ins Byzantinische
Die Spätantike — das 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr. — war in Aphrodisias keine Periode des Niedergangs, sondern eine eigenständige Blütezeit. Wer die Stadt nur als Heiligtum der Aphrodite und Werkstatt der Kaiserplastik versteht, übersieht eine ganze zusätzliche Phase.
Architektur. In der Spätantike wurden zahlreiche elitäre Häuser — das Diogenes-Haus, das Philosophenhaus, der spätere Bischofspalast — neu eingerichtet oder umgebaut. Die Mosaikfußböden dieser Häuser, mit geometrischen und figürlichen Motiven, gehören zu den besten ihrer Zeit. Marmorverkleidungen, leuchtend bunte Wandmalerei, kleine Brunnen in den Innenhöfen — die spätantike Wohnkultur von Aphrodisias war noch immer luxuriös.
Bildhauerei. Auch die Skulpturschule lebte weiter. Die spätantiken Porträts — Statthalter, Philosophen, Stifter — zeigen einen eigenen Stil: verhüllte Augen, vereinfachte Modellierung, eine nach innen gerichtete Stille. Diese Porträts gelten heute als Höhepunkte der spätantiken Kunst und finden sich im Museum in einer eigenen Galerie.
Philosophie. Die Stadt blieb bis ins späte 5. Jahrhundert ein Zentrum heidnischer Philosophie. Der neuplatonische Lehrer Asklepiodot und seine Schule unterrichteten hier, in einer Zeit, in der das Heidentum andernorts bereits verboten war. Die Porträtgalerie des Philosophenhauses — mit Sokrates, Pythagoras, Apollonios von Tyana — ist ein Zeugnis dieses geistigen Lebens.
Christianisierung. Parallel dazu vollzog sich der Übergang zum Christentum. Die Umwandlung des Aphrodite-Tempels in eine Basilika, die Errichtung weiterer christlicher Kirchen, die Etablierung des Bistums — diese Prozesse verliefen über mehr als ein Jahrhundert und nicht in dem konfrontativen Stil, den man andernorts findet. Die Stadt änderte schließlich ihren Namen in Stauropolis, doch die alte Identität klang nach: Auf manchen Münzen erscheint noch im 6. Jahrhundert das alte Aphrodite-Bild.
Erdbeben und Rückzug. Wiederholte Erdbeben — eines davon vermutlich um die Mitte des 7. Jahrhunderts — leiteten das Ende der antiken Stadtstruktur ein. Die Bevölkerung zog sich in einen kleineren, befestigten Stadtkern zurück; die großen öffentlichen Bauten verfielen. Doch noch in mittelbyzantinischer Zeit blieb Stauropolis ein Bistum, und die Erinnerung an seine antike Bedeutung erlosch nie ganz.
Anhang V: Vertiefung — Aphrodisias und Deutschland
Ein letzter Punkt, der für deutschsprachige Leser von besonderem Interesse sein mag: die wissenschaftliche Verbindung zwischen Aphrodisias und der deutschsprachigen Forschung.
Frühe Besucher. Bereits im 19. Jahrhundert besuchten deutsche Reisende — darunter der Klassische Philologe Karl Humann, später Ausgräber von Pergamon — die Region. Humann erkannte die Bedeutung der Stätte, hatte aber keine Möglichkeit, dort selbst zu graben.
Das 20. Jahrhundert. Während die eigentlichen Grabungen amerikanisch (NYU) und später britisch (Oxford) waren, traten deutsche und österreichische Institute als Kooperationspartner auf. Die Aphrodisias-Monographienreihe wird unter anderem in Mainz beim Verlag Zabern publiziert; deutsche Klassische Archäologen — darunter Friedrich Hiller, Christof Berns — haben mit Beiträgen zur Forschung beigesteuert.
Museumsbestände. Mehrere bedeutende aphrodisische Stücke befinden sich in deutschen Museen. Der Kopf des "Alten Fischers" steht in den Berliner Staatlichen Museen; weitere Porträts und Reliefs verstreut in Pergamonmuseum, Skulpturensammlung Dresden und den Antikensammlungen München. Wer eine Auswahl aphrodisischer Skulptur ohne Türkeireise sehen möchte, findet in Berlin und München gute Gelegenheiten.
Aktuelle Forschung. Auch heute sind deutschsprachige Wissenschaftler in der Aphrodisias-Forschung präsent. Studien zur Marmorpetrographie, zur Epigraphik, zur spätantiken Skulptur und zur Architektur werden in deutscher Sprache publiziert und tragen wesentlich zur internationalen Diskussion bei.
Für deutschsprachige Besucher, die mit etwas Vorbereitung nach Aphrodisias kommen, lohnt sich der Blick in deutsche Bibliotheken und Museumssammlungen vor der Reise. Die Stätte wirkt umso reicher, je mehr Vorwissen man mitbringt — und kein Land verfügt über eine breitere klassisch-archäologische Forschungstradition als der deutschsprachige Raum.
Anhang VI: Die Skulptur in der Werkstatt — wie ein aphrodisisches Porträt entstand
Wenig vermittelt das Wesen einer antiken Stadt so direkt wie die Vorstellung, wie eine ihrer charakteristischen Arbeiten Schritt für Schritt entstand. Hier eine Rekonstruktion, wie ein aphrodisisches Porträt in der Hochkaiserzeit produziert wurde.
1. Auftrag. Ein römischer Senator, vielleicht Statthalter einer Nachbarprovinz, möchte ein Porträt seiner verstorbenen Tochter. Über einen Aphrodisier in Rom — vielleicht einen aufgrund eines früheren Werkes empfohlenen Bildhauer — gelangt der Auftrag in die Stadt. Eine Tonzeichnung oder ein Wachsabdruck eines anderen Porträts der Tochter dient als Vorlage.
2. Blockauswahl. In den Brüchen am Akdağ wird ein passender Marmorblock ausgesucht. Die Größe muss reichen, um Kopf, Hals und einen Teil der Brust zu enthalten. Der Block wird grob behauen — Quaderform, etwas größer als das fertige Werk —, mit Ochsenkarren in die Stadt gebracht und in der Werkstatt abgestellt.
3. Grobform. Der Hauptbildhauer markiert auf dem Block mit Kohle die Grundlinien — Höhe der Augen, Wangenknochen, Kinnlinie. Mit schweren Spitzeisen wird die Grobkontur herausgeschlagen, mit Zahnmeißeln verfeinert. Diese Phase dauert mehrere Tage und wird oft von Lehrlingen ausgeführt.
4. Feinarbeit. Der Meister übernimmt die feinen Partien — Augen, Mund, Nase, Haaransatz. Hier zeigt sich der individuelle Stil. Aphrodisische Bildhauer arbeiteten gern mit dem Drillbohrer für tiefe Schattenpartien in den Locken und den Augenwinkeln. Die Politur erfolgt mit Bimsstein und feinem Sand.
5. Inkarnatpolitur. Die exponierten Hautflächen — Wangen, Stirn, Hals — werden mit Bimssand auf Hochglanz poliert. Dieser Schritt unterscheidet aphrodisische Arbeiten von gröberer Provinzplastik: Die polierte Marmoroberfläche fängt das Licht ein und erzeugt eine fast lebendige Erscheinung.
6. Bemalung. Lippen, Augen, Haaransatz werden farbig gefasst — Lippen in mattem Rot, Augen mit dunklem Pupillenpunkt und farbiger Iris, Haaransatz in Braun oder Schwarz. Die ursprüngliche Polychromie der antiken Skulptur ist heute meist verloren, war aber wesentlicher Bestandteil des fertigen Werkes.
7. Signatur. Auf einem unauffälligen Bereich der Schulterpartie oder am Sockel ritzt der Bildhauer seinen Namen ein: "Antoninianus machte dies" oder "Aristeas der Aphrodisier machte dies". Der Auftraggeber zahlt — vielleicht in römischen Goldmünzen, vielleicht in einer Mischung aus Geld und Sachleistungen.
8. Versand. Das Werk wird in Holzkisten mit Polsterung verpackt und mit Ochsenkarren nach Antiocheia am Mäander gebracht. Von dort flussabwärts auf einem Schiff zur Ägäis, weiter durch die Inselwelt, schließlich in Italien an einem Hafen abgesetzt. Sechs Wochen nach Versand erreicht das Porträt sein Ziel — sechs Wochen, in denen der Bildhauer schon längst das nächste Werk begonnen hat.
So entstand, vielfach hundertfach, das, was wir heute in den Museen Roms und Berlins, des Louvre und der Vatikanischen Sammlungen sehen. Jedes einzelne dieser Werke trägt die Handschrift einer Stadt mit, deren Selbstverständnis untrennbar mit dem Stein verflochten war.
Anhang VII: Eine Zeittafel zum Mitnehmen
Für Leser, die sich die Chronologie der Stadt einprägen möchten, eine kompakte Tafel:
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| ca. 5800 – 3000 v. Chr. | Neolithische und chalkolithische Besiedlung am späteren Höyük |
| ca. 1200 – 700 v. Chr. | Karische Phase: Lelegopolis, Megalopolis, Ninoe |
| 3. – 2. Jh. v. Chr. | Hellenisierung; Tempel der Aphrodite angelegt; Stadt erhält den Namen Aphrodisias |
| 133 v. Chr. | Attalos III. vererbt sein Reich an Rom; Aphrodisias Teil der Provinz Asia |
| ca. 80 v. Chr. | Sulla weiht goldene Krone und Doppelaxt im Tempel |
| 39 v. Chr. | Octavian-Brief: Status der freien, steuerfreien Stadt |
| ca. 20 v. Chr. | Beginn des Tempelausbaus unter Augustus |
| ca. 20 – 60 n. Chr. | Bau des Sebasteion durch Eusebes Philopatris und Diogenes |
| 1. – 3. Jh. n. Chr. | Goldenes Zeitalter der Skulpturschule |
| Mitte 3. Jh. | Erdbeben; Wiederaufbau, neue Stadtmauer |
| frühes 2. Jh. | Hadrian-Thermen eingeweiht |
| Mitte 2. Jh. | Tetrapylon errichtet |
| 3. Jh. | Archivwand am Theater inschriftlich vervollständigt |
| ca. 350 n. Chr. | Erstes belegtes Bistum |
| ca. 500 n. Chr. | Tempel zur Basilika umgewandelt; Stadt umbenannt in Stauropolis |
| 6. – 7. Jh. | Weitere Erdbeben; Schrumpfung der Stadt |
| 11. Jh. | Erste türkische Streifzüge ins Mäandertal |
| 13. Jh. | Seldschukische, dann osmanische Eingliederung |
| Spätosmanische Zeit | Dorf Geyre zwischen den Ruinen |
| 1835 | Charles Texier veröffentlicht erste Beschreibungen |
| 1904 – 1905 | Erste Grabungen unter Paul Gaudin |
| 1937 | Italienische Kampagne unter Giulio Jacopi |
| 1956 | Erdbeben zerstört das Dorf |
| 1961 | Kenan Erim beginnt systematische Grabungen für die NYU |
| 1972 | Zoilos-Fries geborgen |
| 1979 | Sebasteion entdeckt; Vor-Ort-Museum eröffnet |
| 1984 – 1991 | Anastylose des Tetrapylon |
| 1990 | Tod Kenan Erims |
| 1991 | R.R.R. Smith übernimmt die Leitung |
| 2008 | Sebasteion-Halle des Museums eröffnet |
| 2013 | Aphrodisias VI erscheint |
| 2017 | UNESCO-Welterbestatus |
| 2020er | Fortgesetzte Arbeit; digitale Methoden |
Anhang VIII: Tipps für unterschiedliche Besuchertypen
Für Familien mit Kindern. Das Stadion ist das große Highlight für Kinder — die schiere Größe, die Möglichkeit, auf den Sitzreihen zu klettern (innerhalb der erlaubten Bereiche), die Echo-Akustik. Die Traktorfahrt wird gern erinnert. Im Museum sind die kolossalen Köpfe und die kleinen Spielzeugfunde besonders ansprechend. Planen Sie kürzere Wegabschnitte mit Pausen ein.
Für Kunsthistoriker. Das Sebasteion und sein Museumssaal sind das Zentrum. Planen Sie hier mindestens zwei Stunden ein. Die spätantike Porträtgalerie ist eine zweite Pflichtstation. Ein Notizbuch und eine Kamera mit gutem Teleobjektiv helfen bei den Reliefdetails.
Für Epigraphiker. Die Archivwand am Theater, die Stifterinschriften am Tempel, die Sitzplatz-Inschriften im Stadion, die Säulenbasen der Tetrapylon-Straße — Aphrodisias ist ein Schlaraffenland. Lupe, gute Beleuchtung und eine Liste der wichtigsten Texte (am besten in Reynolds 1982 oder Roueché 1989 vorbereitet) sind ratsam.
Für Architekten. Die Anastylose des Tetrapylon, die rekonstruierte Sebasteion-Portikus, die korinthischen Kapitelle, die ionischen Säulen des Tempels — eine Studie der Bauplastik allein verlohnt einen halben Tag. Achten Sie auf die Spuren von Bronzedübeln und auf die Materialwahl bei der Restaurierung.
Für Spaziergänger und Naturfreunde. Die landschaftliche Einbettung von Aphrodisias ist außergewöhnlich. Der Spaziergang um das Stadion mit Blick auf den Akdağ, das Becken der Süd-Agora bei stillem Wetter, die Pappelreihen am Dandalas — die Stätte gibt sich auch dem unhistorischen Auge.
Für Pilger und Kontemplative. Aphrodisias war eine heilige Stadt. Wer dem Aphrodite-Tempel, dem Sebasteion und dem späteren Bischofspalast in dieser Reihenfolge folgt, durchschreitet drei Religionsphasen. Eine halbe Stunde stillen Sitzens am Tempel oder im Stadion eröffnet Eindrücke, die kein Reiseführer beschreiben kann.
Für Filmleute und Fotografen. Das Sebasteion bei Morgenlicht, das Tetrapylon bei Abendsonne, das Stadion in beiden Stunden — Aphrodisias bietet eine Fülle hochrangiger Motive. Drohnen sind genehmigungspflichtig; weitwinkelfotografische Aufnahmen erfordern einen aufrechten Stand und Geduld.
Anhang IX: Eine kurze Geschichte der Aphrodisias-Forschung in zehn Schritten
- 1835: Charles Texier publiziert die ersten Zeichnungen.
- 1882: Cyriacus von Ancona und ältere Reiseberichte werden in europäischen Bibliotheken zugänglich.
- 1904: Paul Gaudin beginnt mit Sondierungen.
- 1937: Giulio Jacopi öffnet Schnitte an den Hadrian-Thermen.
- 1961: Kenan Erim startet die NYU-Grabungen.
- 1979: Entdeckung des Sebasteion, Eröffnung des Museums.
- 1991: R.R.R. Smith übernimmt; Anastylose des Tetrapylon abgeschlossen.
- 2008: Sebasteion-Halle des Museums eröffnet.
- 2013: Aphrodisias VI erscheint — definitive Publikation der Sebasteion-Plastik.
- 2017: UNESCO-Welterbestatus erreicht.
Anhang X: Ein letztes Bild
Wer zum letzten Mal vor der Abfahrt durch das Tetrapylon geht, sollte sich kurz umwenden. Das vierseitige Tor steht — wieder errichtet aus Originalblöcken, das größte Werk Kenan Erims — am Schnittpunkt der antiken Straßen. Östlich liegt der Aphrodite-Tempel mit seinen byzantinischen Säulen. Südlich beginnt die Tetrapylon-Straße. Westlich steht das Bouleuterion, in dessen halbrundem Saal noch immer das Wasser steht. Nördlich liegt das Stadion.
Sie alle waren einmal das Zentrum einer Welt — und sind es, leiser, wieder geworden.
Anhang XI: Lesehilfe — Worauf zu achten ist
Wer eine Stätte zum ersten Mal besucht, übersieht leicht Details, die später als die wichtigsten erscheinen. Hier eine Checkliste der zwölf Beobachtungen, die in Aphrodisias besonders lohnen.
1. Die Säulen-Stifterinschriften am Tempel. An den noch stehenden Säulen finden sich kleine Inschriften mit den Namen der Stifter. Lesen Sie eine oder zwei davon laut vor; spüren Sie, wie der Stein damit lebendig wird.
2. Die Bronzedübel des Tetrapylon. Bei der Anastylose wurden die antiken Eisenklammern durch Bronzedübel ersetzt. An manchen Blöcken ist die Verbindung mit bloßem Auge sichtbar — ein kleines Zeugnis moderner Restaurierung.
3. Die Reliefbänder der Aphrodite-Kopie im Museum. Die feinste Kopie der Kultstatue zeigt in Bändern: oben Helios und Selene, dann die Drei Grazien, dann die Eroten, unten die Meeresszene. Jede Szene ein eigenes Bild.
4. Die Sitzplatz-Inschriften im Stadion. An vielen Sitzreihen sind Namen oder Berufe eingeritzt. Mit etwas Suchen finden Sie eine — vielleicht "Apollodoros, Goldschmied" oder "Familie des Diogenes". Die Sitzordnung der Antike wird so greifbar.
5. Die Wassermarke im Bouleuterion. Das Gebäude ist heute teilweise geflutet. An den Wänden lässt sich die maximale Wasserstandslinie ablesen — ein konservatorisches Problem, aber auch ein atmosphärisches Element.
6. Der Erim-Grabstein neben dem Tetrapylon. Eine einfache Marmorplatte, türkisch und englisch beschriftet. Halten Sie kurz inne — der Mann, dem Aphrodisias seine moderne Wiedererstehung verdankt, ruht hier.
7. Die Archivwand am Theater. Die hohe Außenmauer der scaenae frons. Die Inschriften sind griechisch und schwer zu lesen, doch der Eindruck einer ganzen Wand aus Worten ist unvergleichlich.
8. Die Spiegelung im Süd-Agora-Becken. Bei stillem Wetter spiegeln sich die ionischen Säulen auf der Wasserfläche. Einer der schönsten Anblicke der Stätte.
9. Die Anastylose der Sebasteion-Südportikus. Die wieder errichtete dreigeschossige Säulenstellung. Originalblöcke und Abgüsse sind nebeneinander gestellt — wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie den Unterschied.
10. Die Polychromie-Reste auf den Sebasteion-Reliefs. In manchen Vitrinen im Museum sind kleine Farbreste mit Pfeilen markiert. Diese leise Spur erinnert daran, dass die antike Skulptur bunt war.
11. Die Mosaikfußböden des Bischofspalastes. Geometrische Muster, mit gelegentlichen figürlichen Einlassen. Ein Stück spätantiker Bodengestaltung in situ.
12. Der Höyük am östlichen Ende. Vom Stadion aus blickt man auf die "Akropolis", die in Wahrheit der Siedlungshügel der vorgeschichtlichen Stadt ist. Eine fünftausendjährige Tiefe, die unter Ihren Füßen liegt.
Anhang XII: Ein Wort zur Saison und Atmosphäre
Wer Aphrodisias besuchen kann, sollte die Jahreszeit überlegen.
April und Mai bringen Wildblumen, mildes Licht und eine besondere Weichheit der Luft. Tagestemperaturen liegen um 20 °C, abends wird es frisch. Die Stätte ist noch leer; manche Pensionen in Neu-Geyre öffnen erst Ende April. Wer botanisches Interesse hat, findet jetzt das Tal in voller Blüte — Wildtulpen, Anemonen, Mohn, Orchideen entlang der archäologischen Zone.
Juni und Anfang Juli sind die Höhepunkte der klassischen Reisesaison: lange Tage, stabiles Wetter, ein gleichmäßig goldenes Licht. Allerdings kann die Hitze ab Mitte Juni anstrengend werden; planen Sie früh morgens oder spät nachmittags ein.
Juli und August sind heiß. Temperaturen über 35 °C sind normal, der Schatten auf dem Gelände ist begrenzt. Wer in dieser Zeit kommt, sollte mit dem Stadion und dem Sebasteion früh beginnen, in der Mittagshitze ins kühle Museum wechseln und am späten Nachmittag den Rundgang fortsetzen.
September und Oktober sind die zweite Hochsaison. Das Licht wird wärmer und schattenreicher; die Hitze lässt nach. Die Olivenernte beginnt im Tal, die Felder werden gepflügt. Aphrodisias mit Olivenduft in der Luft, das ist ein eigenes Erlebnis.
November bis März ist Nebensaison. Die Stätte ist menschenleer, das Licht winterlich klar. An manchen Tagen liegt Schnee auf den Säulen — ein seltener und stiller Anblick. Manche Pensionen schließen; die Öffnungszeiten der Stätte sind verkürzt. Wer Stille schätzt, findet sie hier in vollkommener Reinheit.
Anhang XIII: Aphrodisias und die zeitgenössische Welt
Eine antike Stadt ist nie nur antik. Aphrodisias hat in den letzten Jahrzehnten Reflexionen ausgelöst, die weit über die Klassische Archäologie hinausreichen.
Postkoloniale Lesungen. Die Sebasteion-Reliefs der eroberten Provinzen — Britannia, Armenia, die ethne — haben eine intensive postkoloniale Debatte ausgelöst. Was bedeutet es, dass die Aphrodisier, selbst Provinzbewohner, die Eroberung ihrer Nachbarn so geschickt ins Bild setzten? Wessen Perspektive ist hier sichtbar gemacht, wessen unsichtbar? Diese Fragen bewegen die jüngere Forschung.
Feministische Lesarten. Die Claudius-Britannia-Platte zeigt eine entblößte, niedergeworfene Frau als Symbol der Eroberung. Was bedeutet diese Bildsprache, und wie reagiert die heutige Bildforschung darauf? Caroline Vouts Buch Power and Eroticism in Imperial Rome und andere Studien haben diese Frage in den Mittelpunkt gerückt.
Wissenschaftsgeschichtliche Fragen. Die NYU-Grabung unter Kenan Erim — Amerikaner türkischer Herkunft mit Princeton-Ausbildung — ist ein Beispiel der transnationalen Wissenschaft des 20. Jahrhunderts. Wer war hier "der Ausgräber"? Erims Geschichte verkompliziert die einfachen Erzählungen vom westlichen Forscher im Osten.
Lokale Identität. Für die Bewohner von Neu-Geyre ist Aphrodisias zugleich Heimat und Wirtschaftsfaktor. Sie verkaufen Souvenirs und kochen Gerichte für die Besucher; sie geben den Grabungsteams einen Teil der Arbeitskräfte; sie pflegen das Gedächtnis an die alten Häuser, die ihre Großeltern im alten Geyre besaßen. Diese lebendige Verbindung ist Teil der Stätte.
Digitale Vermittlung. Die Aphrodisias-Forschung war früh bei der Anwendung digitaler Methoden. 3D-Scans der Sebasteion-Reliefs erlauben heute virtuelle Rekonstruktionen; eine wachsende Online-Sammlung macht das Material weltweit zugänglich. Die Stadt der antiken Bildhauer ist im digitalen Zeitalter angekommen.
Anhang XIV: Eine Schluss-Lektüreempfehlung
Wer mit nur einem Buch nach Aphrodisias kommen möchte, dem sei der populäre Klassiker empfohlen: Kenan T. Erim, Aphrodisias: City of Venus Aphrodite (New York 1986). Auch wenn er nicht auf Deutsch erschienen ist, vermittelt er die Stätte mit der Wärme dessen, der sie ein Leben lang gekannt hat. Für die wissenschaftliche Vertiefung steht R.R.R. Smith, Aphrodisias VI (Mainz 2013) als Standardwerk der Sebasteion-Forschung.
Wer einen kürzeren deutschsprachigen Einstieg sucht, findet ihn in den Reisehandbüchern (DuMont, Marco Polo, Baedeker) und im Wikipedia-Artikel zur Stadt — Letzterer mit guter weiterführender Bibliographie. Für eine Bildreise lohnt sich ein Ausstellungskatalog der Wanderausstellung Aphrodisias: Heaven on Earth (2008 – 2009).
Und schließlich: Nichts ersetzt den Besuch selbst. Wer noch nicht da war, hat eine Reise vor sich. Wer schon da war, weiß, dass sich die nächste Reise lohnt.