Kurzfassung: Perre (antik Perrhe) war eine der vier Hauptstädte des Königreichs Kommagene und liegt heute in einem nördlichen Vorort von Adıyaman. Charakteristisch für die Stätte ist eine ausgedehnte, in die Kalksteinfelsen gehauene Nekropole — die größte der Region — mit Hunderten von Grabkammern, die über sieben Jahrhunderte (1. Jh. v. Chr. bis 7. Jh. n. Chr.) genutzt wurden. Kammergräber mit reliefverzierten Fassaden, freistehende Sarkophage, Katakomben und mosaikierte Räume zeichnen das Bild einer multikulturellen Stadt, in der griechisch-römische, persische und frühchristliche Traditionen verschmolzen.
- Warum Perre wichtig ist
- Geografie und Lage
- Historischer Hintergrund
- Das Königreich Kommagene
- Die Nekropole
- Grabtypen und Bestattungssitten
- Reliefs und Inschriften
- Die lebendige Stadt: Wasserversorgung und Infrastruktur
- Frühchristliche Phase
- Archäologische Grabungen
- Wichtige Funde und Museumsbestände
- Perre im Netz der Kommagene-Stätten
- Besucherinformationen
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen und weiterführende Literatur
Warum Perre wichtig ist
Perre ist die am leichtesten zugängliche und besterhaltene kommagenische Nekropole der Türkei. Während die Bergheiligtümer von Nemrut Dağı und Arsameia internationale Berühmtheit genießen, eröffnet Perre die alltägliche Begräbniswelt der Bürger Kommagenes — wie sie ihre Toten bestatteten, wie sie sich das Jenseits vorstellten und wie griechische, persische und einheimisch-anatolische Traditionen im Alltag ineinandergriffen.
Die schiere Größe der Nekropole — Hunderte von Gräbern, gruppiert entlang der Felswände — macht Perre zu einem der größten antiken Bestattungskomplexe Südostanatoliens. Die Vielfalt der Grabtypen (Kammergräber, Katakomben, Sarkophage, Loculi, Hypogäen, Tumuli und Ziegelgräber) liefert einen einzigartigen Querschnitt durch sieben Jahrhunderte Bestattungspraxis.
Für die Erforschung der Kommagene ist Perre auch deshalb unverzichtbar, weil es nicht nur eine Totenstadt war, sondern zugleich eine lebendige Stadt. Neuere Grabungen haben Mosaikböden, Zisternen, Wasserleitungen und Bauwerke zutage gefördert, die eine wohlhabende urbane Siedlung dokumentieren.
Geografie und Lage
Perre liegt in den nördlichen Außenbezirken des heutigen Adıyaman, in der Ortschaft Örenli (früher Pirin) auf etwa 700 m Höhe. Das Gelände erstreckt sich über eine Reihe südexponierter, weicher Kalksteinklippen, die sich ideal für die Steinmetzkunst eigneten. Die Felswände erheben sich 30–50 m über die Ebene; die Grabkammern wurden auf mehreren Ebenen direkt in den Fels geschlagen, erschlossen durch im Stein gehauene Treppen.
Die Lage ist strategisch: Perre stand an der Hauptverbindung von Samosata (der Hauptstadt am Euphrat) westwärts über Melitene (Malatya) ins anatolische Binnenland. Diese Position an der wichtigen Ost-West-Achse machte Perre zu einer natürlichen Etappenstation und einem Handelsknoten.
Die halbtrockene Landschaft ist typisch für das südostanatolische Plateau — braune Hügel mit spärlicher Vegetation, durchzogen von grünen Bewässerungsstreifen entlang der Täler. Südöstlich liegt der Atatürk-Stausee; bei klarer Sicht ist von den oberen Klippen die markante Silhouette des Nemrut Dağı zu erkennen.
Historischer Hintergrund
Vor-kommagenische Zeit
Die Region um Adıyaman ist seit dem Paläolithikum besiedelt. In der späten Bronzezeit gehörte sie zum Einflussbereich des Hethiterreichs. Nach dem hethitischen Zusammenbruch (ca. 1180 v. Chr.) wechselten verschiedene späthethitische und aramäische Stadtstaaten die Kontrolle, bevor die Region in das Assyrische und schließlich das Persische Reich integriert wurde.
Aufstieg der Kommagene
Das Königreich Kommagene entstand um 163 v. Chr., als der lokale Satrap Ptolemaios sich vom zerfallenden Seleukidenreich unabhängig erklärte. Es umfasste das Gebiet zwischen Taurus und oberem Euphrat — kompakt, aber strategisch entscheidend, da es zentrale Flussübergänge kontrollierte.
Die kommagenischen Herrscher, die Orontidendynastie, kultivierten bewusst eine griechisch-persische Identitätssynthese. Sie führten ihren Stammbaum sowohl auf die Achämeniden als auch auf Alexander den Großen zurück; ihre religiöse Ikonographie verband hellenistische und zoroastrische Elemente — am eindrucksvollsten in der Anlage des Nemrut Dağı.
Perre als Hauptstadt
Perre gehörte zu den vier Hauptstädten der Kommagene:
- Samosata — königliche Residenz (heute unter dem Atatürk-Stausee)
- Germanikeia (heute Kahramanmaraş)
- Doliche (heute Dülük, nahe Gaziantep)
- Perre selbst
Die Bedeutung Perres beruhte auf seiner Lage an der zentralen Ost-West-Achse und auf reichlichen Wasservorräten aus natürlichen Quellen. Die Stadt diente als Handelsknoten und Etappe für Reisende und Heere, die das Königreich durchquerten.
Römische Annexion
Kommagene wurde schrittweise dem Römischen Reich einverleibt. 17 n. Chr. unter Tiberius kurzzeitig annektiert, als Vasallenkönigreich wiederhergestellt und schließlich 72 n. Chr. unter Vespasian durch Statthalter Caesennius Paetus endgültig dem Reich angegliedert. Perre gedieh unter römischer Verwaltung als Teil der Provinz Commagene (später mit Syria vereinigt) weiter.
Das Königreich Kommagene
Perre lässt sich nur vor dem Hintergrund der einzigartigen kommagenischen Kultur verstehen, in der sich Ost und West programmatisch trafen:
- Königliche Ideologie: Könige wie Antiochos I. Theos (69–36 v. Chr.) ließen monumentale Kultanlagen errichten, in denen griechische und iranische Gottheiten gleichgesetzt wurden (Zeus-Oromasdes, Apollon-Mithras, Artagnes-Herakles)
- Doppelte Genealogie: Das Königshaus berief sich gleichermaßen auf den persischen Großkönig Dareios I. und auf Alexander den Großen
- Kunst und Architektur: Verbindung griechischer Plastiktraditionen mit persischer Monumentalität
- Religion: Synthese aus griechischem Olymp, iranischem Mazdaismus und lokalen anatolischen Kulten
- Sprache: Griechisch als Amtssprache, daneben Aramäisch und lokale Idiome
Diese kulturelle Verflechtung zeigt sich an der Nekropole Perres: Grabfassaden vereinen griechische Architekturordnungen mit persisch geprägter Reliefmotivik, Inschriften erscheinen griechisch und aramäisch.
Die Nekropole
Die Nekropole von Perre ist die größte antike Begräbnisstätte der Region Adıyaman und gehört zu den umfangreichsten Nekropolen Südostanatoliens. Sie erstreckt sich über Hunderte Meter entlang der Felswände, wobei die Grabkammern in mehreren Ebenen vom Sockel bis zur Felskrone in den Stein gehauen wurden.
Ausdehnung und Nutzungsdauer
- Aktive Phase: 1. Jh. v. Chr. bis 7. Jh. n. Chr. (ca. 700 Jahre)
- Anzahl der Gräber: Hunderte — wahrscheinlich über 1.000, viele noch nicht ausgegraben oder teilweise eingestürzt
- Vertikale Ausdehnung: Gräber auf mehreren Ebenen, erschlossen durch in den Fels gehauene Treppen
- Horizontale Ausdehnung: Erstreckt sich über mehrere Klippenabschnitte und Hektar Fläche
Anordnung
Die Gräber sind zu Bezirken (Clustern) gruppiert, erschlossen durch gemeinsame Felstreppen. Jeder Bezirk diente offenbar über mehrere Generationen einer bestimmten Familie oder sozialen Gruppe. Die größten und reichst geschmückten Gräber besetzen die prominentesten Lagen — Sichtbarkeit als Statusmarker.
Grabtypen und Bestattungssitten
Die außerordentliche Typenvielfalt spiegelt die lange Nutzungsdauer und die multiethnische Bevölkerung wider:
Felsenkammergräber
Der häufigste und charakteristischste Typ. Rechteckige Kammern, in die Felswände geschlagen, mit folgenden Merkmalen:
- Gewölbte oder flache Decken
- Mehrere Bestattungsnischen (Loculi) in den Wänden
- An den Wänden ausgehauene Bänke (Klinai) für Liegende
- Reliefverzierte Fassaden mit Pilastern, Giebeln und Gesimsen
- Gelegentlich verputzte oder bemalte Innenräume
Manche Kammern sind beachtlich groß — geeignet für Familienversammlungen im Rahmen von Totengedenkriten.
Katakomben
Mehrkammrige unterirdische Bestattungskomplexe:
- Zentralkorridore mit beiderseitig abzweigenden Räumen
- Gewölbte Nischen, durch Pilaster unregelmäßig getrennt, für Einzelbestattungen
- Mehrere Ebenen, verbunden durch innere Treppen
- Kapazität für Dutzende Bestattungen pro Komplex
Katakomben sind insbesondere mit der spätrömischen und frühchristlichen Phase verknüpft.
Freistehende Sarkophage
Auf Terrassen oder in Felsnischen aufgestellte Steinsarkophage. Merkmale:
- Reliefdekor an den Langseiten
- Akrotere oder liegende Figuren auf dem Deckel
- Griechische oder aramäische Inschriften zum Verstorbenen
Khamosorion-Gräber
Eigentümlicher Typ, bei dem der Sarkophag direkt aus dem Anstehenden gehauen wurde und mit der Felswand verbunden bleibt — gleichsam ein erhöhter Felssarg.
Hypogäen
Vollständig unterirdische Grabkammern, erschlossen durch Steintreppen, gelegentlich mit aufwendiger Eingangsfassade.
Tumuli
Erdaufgeschüttete Grabhügel in der Umgebung, verbunden mit der Elite der kommagenischen Zeit.
Ziegelgräber und Urnen
Einfachere Bestattungsformen für weniger Wohlhabende:
- A-förmige Anordnung von Dachziegeln über dem Leichnam
- Brandurnen (verbreiteter in der früheren hellenistischen Phase)
Reliefs und Inschriften
Die Grabfassaden bewahren ein bedeutendes Korpus funeralen Reliefschmucks:
Reliefpaneele
- Bankettszenen mit dem Verstorbenen auf der Kline, umgeben von Dienern
- Adlerreliefs — der Adler war in der kommagenischen Religion heilig und Symbol der himmlischen Reise der Seele
- Kranz- und Girlandenmotive als Symbole des Sieges über den Tod
- Architektonische Rahmungen mit korinthischen oder ionischen Pilastern und Giebeln
Inschriften
Griechische und gelegentlich aramäische Inschriften nennen Namen, Genealogien und manchmal Berufe der Verstorbenen. Sie liefern wertvolle demografische Daten:
- Griechische Namen verweisen auf hellenisierte Familien
- Iranisch-kommagenische Namen (z. B. Mithridates, Arsames) deuten auf Elite- oder Königsverbindungen
- Aramäische Inschriften belegen eine semitischsprachige Minderheit
- Einige zweisprachige Inschriften unterstreichen den mehrsprachigen Charakter der Stadt
Die lebendige Stadt: Wasserversorgung und Infrastruktur
Perre war nicht nur Nekropole, sondern auch eine florierende urbane Siedlung. Belege:
Wassersysteme
Ausgedehnte felsgehauene Zisternen und Wasserkanäle belegen eine fortgeschrittene Wasserwirtschaft:
- Felsen-Zisternen mit verputzten Innenwänden zur Wasserspeicherung
- Kanäle, die Quellwasser in die Siedlung leiteten
- Verteilersysteme, die auf eine organisierte städtische Wasserversorgung schließen lassen
Reichliche Quellwasservorräte waren wahrscheinlich einer der Hauptgründe für die Siedlungsgründung an dieser Stelle.
Mosaikböden
Jüngere Grabungen brachten Mosaikböden aus römischer Zeit zutage:
- Geometrische Muster aus schwarzen, weißen und farbigen Tesserae
- In hochwertigeren Beispielen figürliche Szenen
- Hinweise auf wohlhabende Privathäuser oder öffentliche Gebäude
Bauwerksreste
Fundamente und Mauerabschnitte zeigen:
- Wohnbauten unterschiedlicher Größe
- Mögliche öffentliche Gebäude (Märkte, Verwaltungsbauten)
- Ein Straßensystem, das verschiedene Stadtquartiere verband
Frühchristliche Phase
Perre blieb auch in frühchristlicher Zeit (4.–7. Jh. n. Chr.) ein bedeutender Ort. Indizien:
- In Grabfassaden eingehauene Kreuzsymbole — Hinweis auf christliche Wiederverwendung paganer Gräber
- Neue Grabkammern mit explizit christlicher Ikonographie
- Ausweitung von Katakombenbestattungen, verbunden mit frühchristlichen Gemeinden
- Mögliche Kirchenfundamente (noch nicht vollständig freigelegt)
- Erwähnung eines Bischofssitzes in oder bei Perre in byzantinischen Bistumslisten
Der Übergang von paganem zu christlichem Glauben lässt sich in der Nekropole nachvollziehen: von früheren Gräbern mit Adlerreliefs und griechischen Bankettszenen zu späteren Gräbern mit Kreuzmotiven und schmuckloser Fassade.
Archäologische Grabungen
Frühe Forschung
- 1882: Der deutsche Gelehrte Otto Puchstein beschreibt die Nekropole erstmals
- 1938: Die deutschen Archäologen Friedrich Karl Dörner und Rudolf Naumann führen die erste systematische Untersuchung im Rahmen umfassender Kommagene-Expeditionen durch
- 1945: Der türkische Archäologe İsmail Kılıç Kökten unternimmt Grabungen
Moderne Grabungen
- 2001–2009: Das Museum Adıyaman führt umfassende Nekropolengrabungen durch; Dutzende Kammergräber, Katakomben und Sarkophage werden freigelegt und dokumentiert
- 2010er bis heute: Fortlaufende Grabungs- und Konservierungsarbeiten unter Leitung türkischer Universitätsteams
- Systematische Fotografie und 3D-Scans der Grabfassaden zur digitalen Bewahrung
Konservierungsprobleme
- Weicher Kalkstein anfällig für Erosion und Verwitterung
- Einige Grabfassaden verschlechtern sich durch Witterungseinflüsse
- Die städtische Expansion Adıyamans setzt das Gelände unter Druck
- Anhaltende Bemühungen um Einrichtung eines offiziellen Archäologieparks
Wichtige Funde und Museumsbestände
Die wichtigsten Funde sind im Museum Adıyaman ausgestellt:
- Reliefpaneele von Grabfassaden
- Stelen mit griechischen und aramäischen Inschriften
- Keramik, Glas und Metallobjekte aus dem Grabinventar
- Mosaikpaneele aus Wohnbereichen
- Münzen aus kommagenischer, römischer und byzantinischer Zeit
- Schmuck und persönliche Beigaben
Das Museum Adıyaman zeigt zugleich Funde aus Nemrut Dağı, Arsameia und weiteren Kommagene-Stätten und bietet damit einen kohärenten Kontext zum Verständnis des Königreichs.
Perre im Netz der Kommagene-Stätten
Perre lässt sich am besten im Verbund mit den anderen Kommagene-Stätten der Region Adıyaman verstehen:
- Nemrut Dağı (60 km nordöstlich) — königlicher Grabtumulus und Kultheiligtum des Antiochos I.
- Arsameia am Nymphaios (35 km nordöstlich) — Sommerresidenz und Heiligtum mit dem berühmten Handschlagrelief Antiochos' mit Herakles
- Karakuş-Tumulus (40 km nordöstlich) — königlicher Grabhügel der Frauen mit Adler- und Löwenstatuen auf Säulen
- Cendere-Brücke (40 km nordöstlich) — eine der besterhaltenen Römerbrücken der Welt, errichtet unter Septimius Severus
- Samosata (im Atatürk-Stausee versunken) — die alte Hauptstadt
Diese Stätten zeigen gemeinsam das gesamte Spektrum kommagenischer Zivilisation — vom königlichen Bergheiligtum (Nemrut) bis zum urbanen Alltag und Tod (Perre).
Besucherinformationen
Lage: Ortsteil Örenli, nördliches Adıyaman. Die Nekropole liegt am nordwestlichen Stadtrand, etwa 3 km vom Stadtzentrum entfernt.
Anreise: Vom Stadtzentrum Adıyamans in Richtung Perre/Pirin. Mit Auto oder Taxi erreichbar. Adıyaman ist über Buslinien aus großen Städten und über einen kleinen Flughafen mit Inlandflügen angebunden. Direktflüge aus dem deutschsprachigen Raum führen typischerweise nach Adana oder Gaziantep, von dort Weiterfahrt mit Mietwagen (ca. 3 Stunden).
Öffnungszeiten: Täglich während der Tageslichtstunden. In der Regel ist ein Geländewächter anwesend.
Eintritt: Geringe Eintrittsgebühr.
Verweildauer: 1–2 Stunden für die Nekropole. Zusätzliche Zeit für das Museum Adıyaman einplanen.
Kombinierbar mit:
- Museum Adıyaman — unverzichtbar zum Verständnis der Funde
- Nemrut Dağı — ikonisches Bergheiligtum der Kommagene (2 Stunden Fahrt + Aufstieg)
- Arsameia — Heiligtum mit Reliefpaneelen (auf dem Weg zum Nemrut)
- Karakuş-Tumulus — königlicher Grabhügel mit Säulenfiguren
- Cendere-Brücke — römische Brücke
Tipps:
- Die Felsgräber erfordern Anstieg über felsgehauene Treppen — festes Schuhwerk
- Wasser und Sonnenschutz mitbringen; wenig Schatten
- Morgens besuchen, wenn die südexponierten Klippen voll beleuchtet sind
- Eine morgendliche Perre-Tour lässt sich gut mit einer abendlichen Fahrt zum Nemrut Dağı verbinden
- Fotografisch ideal im warmen Nachmittagslicht
- Vorab beim Museum Adıyaman nach aktuell zugänglichen Grabungsbereichen erkundigen
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet der Name „Perre"? Die Etymologie ist unsicher. Die antike Form Perrhe könnte auf ein lokales anatolisches oder semitisches Etymon zurückgehen. Der heutige Ortsname Pirin (jetzt Örenli) ist eine türkisierte Verschleifung.
Steht Perre mit dem Nemrut Dağı in Verbindung? Ja — beide gehören zum Königreich Kommagene. Während Perre eine der vier Hauptstädte war, diente der Nemrut Dağı als Kult- und Grabheiligtum König Antiochos' I.
Wie viele Gräber gibt es? Hunderte sind dokumentiert, vermutlich über tausend. Viele sind nicht ausgegraben oder teilweise eingestürzt. Die Nekropole war rund 700 Jahre in Nutzung.
Ist das Betreten der Gräber sicher? Einige freigelegte Gräber sind zugänglich; Vorsicht ist geboten — der Kalkstein ist weich, Steinschlag möglich. Etwaige Sicherheitshinweise befolgen und gesperrte Bereiche nicht betreten.
Welche Zeiträume sind vertreten? Die Nekropole reicht vom 1. Jh. v. Chr. (Kommagene-Periode) bis zum 7. Jh. n. Chr. (frühbyzantinisch/christlich).
Wie verhält sich Perre zu den anderen Kommagene-Stätten? Nemrut Dağı ist bekannter und visuell spektakulärer, doch Perre eröffnet den Alltag und das Ende des Lebens der gewöhnlichen Kommagene-Bürger — eine komplementäre, ebenso wertvolle Perspektive.
Architektonische Maße und numerische Daten der Nekropole
Systematische Grabungen haben wichtige Zahlenwerte zur Nekropole freigelegt. Die folgenden Tabellen fassen die konkreten Befunde zusammen.
Gesamtstatistik der Nekropole
| Parameter | Wert | Anmerkung |
|---|---|---|
| Erfasste Galerien | 59 (34 Süd + 25 Nord) | Untersuchung und Grabung abgeschlossen |
| Kammern | 49 | Räumung abgeschlossen |
| Sarkophaggräber | 385 | Grabung abgeschlossen |
| Gesamtzahl der Gräber (Kammer + Sarkophag) | 434 | dokumentierte Mindestzahl |
| Aktive Nutzungsdauer | ~700 Jahre (1. Jh. v. Chr. – 7. Jh. n. Chr.) | Kommagene bis frühes Byzanz |
| Vertikale Ausdehnung | 30–50 m Felshöhe | mehrere Ebenen |
Verteilung nach Grabtypen
| Grabtyp | Zahl / Anteil | Periodenschwerpunkt |
|---|---|---|
| Felsenkammergrab | häufigster Typ (40 %+) | Kommagene – römisch |
| Katakombe (mehrkammrig) | erhebliche Zahl | spätrömisch – frühchristlich |
| Freistehender Sarkophag | ~385 ausgegraben | alle Epochen |
| Khamosorion (Felssarkophag) | wenige | Kommagene |
| Hypogäum | mittelviel | römisch |
| Tumulus | begrenzt (in der Umgebung) | kommagenische Elite |
| Ziegel/Urne | wenige | hellenistisch (frühe Phase) |
Münzbefunde und Handelsnetzwerke
Die Grabungen lieferten bedeutende numismatische Funde, die die langfristige wirtschaftliche Aktivität widerspiegeln.
| Epoche | Anzahl | Hauptherkunft |
|---|---|---|
| Hellenistisch | begrenzt | Seleukidische Prägungen |
| Römisch | größte Gruppe | provinziale und kaiserzeitliche Prägungen |
| Byzantinisch | beachtlich | Konstantinopel und regionale Münzstätten |
| Osmanisch | kleine Gruppe | Beleg späterer Nutzung |
| Gesamt | 88 Münzen | multitemporal |
Diese 88 Münzen bestätigen numismatisch, dass Perre an einer wichtigen Handelsroute zwischen Syrien und Kommagene lag. Die Konzentration römischer Münzen weist auf einen wirtschaftlichen Höhepunkt im 1.–3. Jh. n. Chr. hin.
Handelsrouten: Perre lag an der Hauptverbindung von Samosata (Hauptstadt am Euphrat) westwärts nach Melitene (Malatya) und ins anatolische Binnenland. Diese Position machte die Stadt zu einer natürlichen Etappenstation (mansio) und einem Handelszentrum.
Mosaikbefunde
Die in Perre freigelegten Mosaike zeigen, dass die Stadt nicht nur Nekropole, sondern eine entwickelte urbane Siedlung war.
| Mosaikfläche | Maß | Schmuck | Datierung |
|---|---|---|---|
| Großer Bodenmosaik | 125 m² (einteilig) | dreidimensionale Würfelmuster, Achtecke und Herzformen, Weinranken, Trauben | 2.–3. Jh. n. Chr. |
| Figürlicher Mosaik | ~ innerhalb 125 m² | Hirsch, Hahn, Huhn, Kranich | 2.–3. Jh. n. Chr. |
| Geometrischer Mosaik | mehrere Paneele | Schwarz-Weiß-Blau-Tesserae, Netzmuster | 2. Jh. n. Chr. |
Konservierung: Die Konservierung des 125 m² großen Mosaiks ist abgeschlossen; die Fläche ist für Besucher zugänglich. Es zählt zu den größten einteiligen römischen Bodenmosaiken Südostanatoliens.
Grabungschronologie
| Jahr | Forschende / Institution | Art der Arbeit |
|---|---|---|
| 1882 | Otto Puchstein | Erste wissenschaftliche Beschreibung der Nekropole |
| 1938 | Friedrich Karl Dörner, Rudolf Naumann | Erste systematische Untersuchung (im Rahmen der Kommagene-Expeditionen) |
| 1945 | İsmail Kılıç Kökten | Grabungen |
| 2001–2009 | Museum Adıyaman | Umfassende Nekropolengrabungen; Dutzende Kammergräber, Katakomben und Sarkophage |
| 2010er bis heute | Türkische Universitätsteams | Fortlaufende Grabung, Konservierung und 3D-Dokumentation |
Quellen und weiterführende Literatur
- Friedrich Karl Dörner und Rudolf Naumann, Forschungen in Kommagene (Berlin 1939)
- Mustafa Hamdi Sayar, „Perrhe: Antike Quellen über eine Stadt in Kommagene", CEDRUS (2018)
- M. Blömer u. a. (Hg.), Commagene — The Land of Gods between the Taurus and the Euphrates (Istanbul 2011)
- Wikipedia (DE), „Perrhe" und „Kommagene"
- Offizieller Museumsführer Adıyaman
- Deutsches Archäologisches Institut (DAI) — dainst.org
- Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus