Kurzüberblick: Das von der lokalen Bevölkerung Yazılıkaya („Beschriftete Felsen") genannte Midas-Monument ist das größte und prächtigste sakrale Bauwerk, das die antike phrygische Zivilisation uns hinterlassen hat. Auf einem mehr als 1.300 m hoch gelegenen Plateau im Landkreis Han bei Eskişehir blickt diese gewaltige in den Fels gehauene Fassade nach Osten. Sie ist 17 m hoch und 16,5 m breit, datiert in die erste Hälfte des 7. Jh. v. Chr. und diente als zentrales Freiluftheiligtum der Muttergöttin Matar Kubileya (später als Kybele bekannt). Der populäre Name geht auf eine altphrygische Inschrift an der Fassade zurück, die das Wort „Midai" enthält — einst als Verweis auf den legendären König Midas gedeutet, heute aber als Epitheton der Göttin verstanden. Erstmals 1800 von William Martin Leake dokumentiert, ist das Monument das Zentrum eines weitläufigen archäologischen Komplexes namens Midas-Stadt, der Stufenaltäre, in den Fels gehauene Tunnel, Zisternen, weitere Fassaden, Kammergräber und eine befestigte Siedlung umfasst. Die Stätte gehört außerdem zu den Hauptzielen des 506 km langen Phrygischen Weitwanderwegs.
- Warum das Midas-Monument bedeutsam ist
- Geografie und Naturraum
- Historischer Werdegang
- Detaillierte Untersuchung des Monuments
- Midas-Stadt: Der weitere Komplex
- Phrygischer Weg
- Archäologische Forschung
- Besucherinformationen
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen und weiterführende Literatur
Warum das Midas-Monument bedeutsam ist
-
Die größte erhaltene phrygische Felsfassade. Mit 17 m Höhe und 16,5 m Breite überragt das Midas-Monument alle anderen bekannten phrygischen Kultfassaden. Es repräsentiert die höchste Leistung phrygischer Monumentalkunst und sakraler Architektur — gleichsam eine phrygische Kathedrale, in den lebenden Fels gehauen.
-
Das religiöse Herz des phrygischen Königreichs. Während Gordion als politische Hauptstadt fungierte, war die Midas-Stadt (Yazılıkaya) von den frühesten Tagen des Königreichs an das wichtigste religiöse Zentrum. Die Dichte von Kultmonumenten, Altären und sakraler Infrastruktur auf diesem Plateau ist in der phrygischen Welt einzigartig.
-
Schlüssel zum Verständnis der phrygischen Religion. Inschriften, Ikonografie und architektonische Form des Monuments sind primäre Quellen, um die Verehrung der Matar Kubileya (Kybele) zu rekonstruieren — einer Göttin, die später zu den meistverehrten Gottheiten der griechischen und römischen Welt zählte. Die Ausbreitung des Kybele-Kultes von Phrygien nach Rom ist eine der großen Geschichten antiker Religionsdiffusion.
-
Außergewöhnliche geometrische Kunst. Die Fassade ist mit komplexen geometrischen Motiven bedeckt, die die dekorativen Terrakotta-Kacheln zeitgenössischer phrygischer Holzarchitektur (durch die Gordion-Grabungen belegt) im Stein wiederholen. Diese „Übersetzung" vergänglichen Dekors in dauerhaften Stein bewahrt ein phrygisches Designvokabular, das sonst vollständig verloren wäre.
-
Ein aktives archäologisches Forschungsfeld. Von William Martin Leakes Erstdokumentation 1800 über Albert Gabriels Pioniergrabungen (1937–1939) und die Kampagnen des Französischen Archäologischen Instituts bis zu aktuellen türkischen Grabungen liefern das Monument und seine Umgebung weiterhin neue Erkenntnisse über die phrygische Zivilisation.
-
Tor zum Phrygischen Tal. Das Midas-Monument ist der zugänglichste und visuell eindrucksvollste Eingang zum weiten Phrygischen Tal, das mit Dutzenden Felsenmonumenten, Siedlungen und Gräbern aus der Zeit zwischen dem 8. Jh. v. Chr. und der byzantinischen Epoche durchsetzt ist.
Geografie und Naturraum
Das Midas-Monument und die Midas-Stadt liegen auf einem markanten Hochplateau im Dorf Yazılıkaya des Landkreises Han der Provinz Eskişehir (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen hethitischen Stätte nahe Hattusa). Das Plateau erhebt sich auf einer Höhe von über 1.300 m über dem Meer und ragt rund 70 m über das umgebende Land hinaus — eine natürliche Akropolis, die aus großer Entfernung sichtbar ist.
Der geologische Untergrund besteht aus vulkanischem Tuff — verfestigter Asche aus uralten Eruptionen, das gleiche Material, das die gesamte Landschaft des Phrygischen Tals und die berühmten kappadokischen Feenkamine prägt. Tuff ist weich, wenn er frisch freigelegt ist, und lässt sich mit Eisenwerkzeugen bearbeiten; in Kontakt mit Luft und Feuchtigkeit härtet er jedoch im Lauf der Zeit erheblich aus (Hautverhärtung). Diese Eigenschaft macht ihn ideal für monumentale Fassaden und komplexe unterirdische Räume — und erklärt, weshalb die Phryger ihre sakrale Architektur lieber direkt aus der Landschaft hauten, statt freistehende Tempel zu errichten.
Die Lage des Plateaus ist strategisch bedeutsam: Sie bietet eine weite Sichtachse in alle Richtungen über umliegende Täler und Zugangswege und schafft damit zugleich eine natürlich verteidigbare Position und eine visuell eindrucksvolle Kulisse für sakrale Architektur. Die Ostorientierung des Monuments war fast sicher bewusst gewählt: Das Morgenlicht stellte eine Verbindung zur Sonnensymbolik in der phrygischen Religion her.
Das Klima ist hochgelegene Kontinentalsteppe: warme Sommer (25–30 °C) mit auch im Juli kühlen Nächten; kalte Winter mit Schnee und Eis. Das Plateau ist ganzjährig dem Wind ausgesetzt. Später Frühling (Mai–Juni) und Frühherbst (September–Oktober) bieten die besten Bedingungen zur Erkundung und Fotografie.
Historischer Werdegang
Phrygisches Königreich: religiöse Hauptstadt (9.–7. Jh. v. Chr.)
Nach dem Zusammenbruch des hethitischen Reiches (um 1200 v. Chr.) wanderten die Phryger aus Thrakien ein und siedelten sich im Sangarios-(Sakarya-)Tal an, wo sie ihr Königreich in West-Zentralanatolien gründeten. Ihre politische Hauptstadt war Gordion (nahe dem heutigen Polatlı), berühmt durch die Sage von König Midas und dem Gordischen Knoten. Von Anfang an diente jedoch das Plateau bei Yazılıkaya als religiöses Hauptzentrum — gleichsam das Delphi der phrygischen Welt.
Die Phryger glaubten, dass ihre Hauptgöttin Matar Kubileya im lebenden Fels der Berge wohne. Statt freistehende Tempel zu bauen, wie es die Griechen taten, hauten sie monumentale Fassaden in Felswände, um symbolische Tempelfassaden — Türen — zu schaffen, durch die die Göttin erscheinen konnte, um die Verehrung ihrer Anhänger entgegenzunehmen. Diese Fassaden bildeten zusammen mit gestuften Felsenaltären für Opfer und Trankspenden den Kern der phrygischen Religionspraxis.
In die erste Hälfte des 7. Jh. v. Chr. datiert, war das Midas-Monument das eindrucksvollste dieser Kultreliefs. Sein Bau erforderte beträchtliche Mittel — fachkundige Steinmetze, Gerüste, Eisenwerkzeuge — was königliche Patronage und reichsweite religiöse Bedeutung andeutet.
Die „Midas"-Inschrift: Name und Streit
Der populäre Name geht auf eine altphrygische Inschrift im oberen linken Bereich der Fassade zurück, die das Wort „Midai" und eine Figur namens Ates (vermutlich Priester oder Stifter) enthält. Frühe Wissenschaftler interpretierten „Midai" als Verweis auf den legendären König Midas. Moderne Epigrafie zeigt jedoch:
- „Midai" ist kein Personenname, sondern ein Epitheton oder Beiname der Muttergöttin Matar — die vollständige Lesung lautet „Matar Midai" (Mutter Midai)
- Andere Inschriften am Monument enthalten ausdrücklich das Wort „Matar" (Mutter) und bestätigen die Widmung an die Göttin
- Das Monument ist eindeutig eine Kultfassade, kein Grab — die flache Nische konnte nicht als Bestattungskammer dienen
- Die Zuschreibung an König Midas, historisch suggestiv, ist ein bemerkenswert hartnäckiger wissenschaftlicher Irrtum in der Populärliteratur
Kimmerische Invasion und Nachwirkung (696–650 v. Chr.)
Die verheerende kimmerische Invasion der Jahre 696/695 v. Chr. vernichtete die politische Unabhängigkeit des phrygischen Königreichs. Nach antiken Quellen (Strabon, Eusebios) beging König Midas Selbstmord, anstatt sich gefangen nehmen zu lassen — der Überlieferung nach durch das Trinken von Stierblut. Doch die phrygische Kultur und Religion bestanden unter aufeinanderfolgender lydischer und persischer Herrschaft weiter. Die Kultmonumente in Yazılıkaya wurden nicht zerstört; sie behielten ihre Funktion als Heiligtümer auch durch die lydische Zeit (680–546 v. Chr.) und vermutlich die frühe persische Periode hindurch und zeigten so die Widerstandsfähigkeit der phrygischen Religionstradition selbst nach dem politischen Zusammenbruch.
Hellenismus und römische Zeit (334 v. Chr. – 4. Jh. n. Chr.)
Nach Alexanders Eroberung gingen die phrygischen Binnenregionen unter seleukidische, galatische und schließlich römische Kontrolle über. In diesen Epochen kam die aktive Produktion neuer Felsenkultfassaden zum Erliegen; die bestehenden Monumente wurden vermutlich weiterhin auf irgendeine Weise verehrt. Der Kult der Kybele (die hellenistisch und römisch geformte Version der Matar) breitete sich dramatisch im Mittelmeerraum aus und wurde schließlich einer der offiziellen Kulte des Römischen Reiches — eine bemerkenswerte Reise von zentralanatolischen Felsfassaden zu den Tempeln Roms.
Nachantike Zeit und Wiederentdeckung
Die religiöse Bedeutung des Midas-Monuments geriet im Mittelalter in Vergessenheit. Die örtliche Bevölkerung nutzte die Höhlen und Zisternen des Plateaus weiterhin zu Lager- und Unterschlupfzwecken; doch die phrygischen Inschriften waren nicht mehr lesbar. Die moderne Wiederentdeckung begann 1800, als der englische Reisende William Martin Leake als erster westlicher Wissenschaftler die Stätte dokumentierte. 1834 fertigte der französische Architekt Charles Texier detailliertere und genauere Stiche an und machte das Monument einem breiteren europäischen Publikum bekannt.
Detaillierte Untersuchung des Monuments
Form und Maße
Das Midas-Monument ist in die nach Osten weisende Felswand des inneren Burgfelsens des Yazılıkaya-Plateaus gehauen:
- Höhe: 17 m — etwa fünfgeschossig
- Breite: 16,5 m
- Ausrichtung: nach Osten, fängt das Morgenlicht ein — vermutlich eine bewusste Wahl, verknüpft mit der Sonnensymbolik der phrygischen Religion und entworfen, um die optische Wirkung der Fassade im Morgengrauen zu maximieren
Die Fassade nimmt die Form einer giebelbekrönten Tempelfront an — sie imitiert den Eingang eines Gebäudes mit Satteldach. Es handelt sich um eine rein symbolische Architekturform: Hinter der Fassade gibt es keinen tatsächlichen Innenraum, nur den massiven Felsen des Berges.
Zentrale Nische
In der Mitte der Fassade, auf Bodenniveau, befindet sich eine flache rechteckige Nische von etwa 1,65 m Höhe und etwa 30 cm Tiefe. Diese Nische war kein Eingang; sie diente vielmehr als „Idol-Nische" — eine sakrale Vertiefung, in die bei religiösen Zeremonien das Kultbild der Muttergöttin Matar gestellt wurde.
Der Nischeneingang ist eingerahmt, als handele es sich um eine doppelflügelige Holztür mit nachgebildeten Scharnieren, Paneelen und Beschlägen. Diese architektonische Trompe-l'œil verstärkte die symbolische Vorstellung, dass die Nische ein Tor zur göttlichen Wohnung der Göttin im Fels sei.
Geometrische Dekoration
Das auffälligste Merkmal des Midas-Monuments ist die dichte geometrische Oberflächendekoration, die fast die gesamte Fassade in einem gewebeartigen Muster überzieht:
- Mäander (griechische Schlüsselmuster) in zahlreichen Varianten und Maßstäben
- Rautenmuster und Diamantmuster in wiederholten Rastern
- Verflochtene geometrische Designs, die an gewebte Textilien oder bestickte Stoffe erinnern und ein komplexes Sehfeld erzeugen
- Lineare Rahmen, die die Fassade in Felder unterteilen, jedes mit eigenen geometrischen Motiven
Forscher gehen davon aus, dass diese Muster die dekorativen Terrakotta-Verkleidungen zeitgenössischer phrygischer Paläste wiedergeben, wie sie durch die Gordion-Grabungen belegt sind. Das Midas-Monument fungiert als steinerne Aufzeichnung — gleichsam ein phrygischer Design-Rosettastein — einer Dekorationstradition, die andernfalls auf vergängliche Materialien beschränkt blieb.
Giebel und Akrotere
Der dreieckige Giebel über der Fassade wird von gehauenen Akroteren (Spitzen- und Eckenfinials) gekrönt. Diese Elemente vervollständigen die Illusion einer Tempelfront und gehören zu den am besten erhaltenen Merkmalen des Monuments.
Inschriften
Mehrere altphrygische Inschriften sind in das Monument gemeißelt:
- Die berühmte „Midai"-Inschrift oben links erwähnt den Stifter Ates
- Verschiedene weitere Inschriften enthalten das Wort „Matar" (Mutter) und bestätigen die religiöse Widmung
- Zusätzliche kurze Texte, die noch von Epigraphikern des phrygischen Sprachraums untersucht werden
Die Inschriften sind im phrygischen Alphabet geschrieben, das vom phönizischen Alphabet abgeleitet ist (wie das griechische Alphabet) und von links nach rechts gelesen wird. Phrygisch gehört zur indogermanischen Sprachfamilie, bleibt aber eine nur teilweise entzifferte Sprache mit zahlreichen unklaren Wörtern und grammatikalischen Fragen.
Midas-Stadt: Der weitere Komplex
Das Midas-Monument ist das Zentrum eines größeren archäologischen Areals, das als Midas-Stadt bekannt ist und das gesamte Yazılıkaya-Plateau sowie umliegende Felsformationen umfasst.
Stufenaltäre
Zu den bedeutendsten Strukturen auf dem Plateau gehören monumentale Stufenaltäre in den Felsen. Diese mehrstufigen Plattformen dienten der Opfergabe und Ritualdurchführung zu Ehren der Muttergöttin. Die Felsenbauweise verlieh Dauerhaftigkeit — diese Altäre überlebten über 2.700 Jahre nahezu unverändert.
Zusätzliche Felsenfassaden
In unmittelbarer Umgebung des Midas-Monuments befinden sich zahlreiche weitere Felsenfassaden:
- Kleinere Kultfassaden mit schlichterer Dekoration
- Unfertige Fassaden, die die Schnitttechniken der phrygischen Steinmetze offenbaren — sie zeigen die Arbeitsabfolge von der groben Vorblockung bis zum fertigen Detail
- Fassaden verschiedener Stilepochen, die es erlauben, die Entwicklung der phrygischen Felsenarchitektur über mehrere Jahrhunderte zu verfolgen
In den Fels gehauene Tunnel
Das Plateau beherbergt zwei große Felsentunnel mit Gewölbedecke. Diese Tunnel ermöglichten Zugang zu verschiedenen Bereichen des Komplexes und könnten bei religiösen Prozessionen oder rituellen Bewegungen durch die heilige Landschaft eine Rolle gespielt haben.
Zisternen und Wassermanagement
Auf der unteren Terrasse im Südwesten wurden große Zisternen in den Fels gehauen, um Regenwasser zu sammeln und zu speichern. In der halbtrockenen Hochlandumgebung war Wasserwirtschaft entscheidend, sowohl zur Versorgung der ansässigen Bevölkerung als auch der Pilger.
Kammergräber
Die steilen vulkanischen Felsen rund um die Siedlung enthalten zahlreiche Kammergräber im Fels. Manche besitzen verzierte Fassaden, die die Kultfassaden in Miniatur widerspiegeln. Diese Bestattungskammern mit Datierungen von phrygisch bis römisch belegen die lange Siedlungskontinuität auf dem Plateau.
Befestigte Siedlung
Über ihre religiöse Funktion hinaus war die Midas-Stadt zugleich eine befestigte Siedlung. Die natürliche Verteidigungsfähigkeit des Plateaus wurde durch in den Fels gehauene Verteidigungsbauten verstärkt; Höhlen, Tunnel und Zisternen konnten in Belagerungszeiten eine Bevölkerung versorgen. Diese doppelte sakral-militärische Funktion ist charakteristisch für phrygische Hochlandzentren und spiegelt die instabile politische Lage des eisenzeitlichen anatolischen Hochlandes wider.
Phrygischer Weg
Der Phrygische Weg (Frig Yolu) ist ein 506 km langer Weitwanderweg, der phrygische archäologische Stätten in den Provinzen Afyonkarahisar, Eskişehir und Kütahya verbindet. Die Midas-Stadt/Yazılıkaya zählt zu den Hauptzielen und Höhepunkten der Route.
Der Weg führt durch eine eindrucksvolle Landschaft aus vulkanischen Tuffformationen, welliger Steppe, Kiefernwäldern und traditionellen anatolischen Dörfern und verbindet folgende Stätten:
- Midas-Stadt (Yazılıkaya) — das prächtigste phrygische Kultzentrum
- Aslankaya (Löwenfelsen) — ein Felsmonument mit Löwenreliefs nahe Döğer
- Ayazini — ausgedehnte Felsensiedlung und byzantinischer Kirchenkomplex
- Zahlreiche kleinere Felsenfassaden, Gräber und Siedlungen
Phrygische Religion und der Kult der Matar Kubileya
Glaube an Matar (die Muttergöttin)
Im Zentrum der phrygischen Religion stand Matar („Mutter"), mit vollem Namen Matar Kubileya („Mutter des Berges"). Diese Göttin wurde:
- als Herrin der Berge und der wilden Natur verehrt
- meist mit Löwen oder Falken zu beiden Seiten dargestellt
- als Kraft betrachtet, die Fruchtbarkeit, Schutz und den Fortbestand der natürlichen Ordnung sichert
- nicht in Tempeln, sondern im Freien vor Felsenfassaden verehrt
Kultpraxis
Elemente der Ritualpraxis vor dem Midas-Monument umfassten:
- Libationen (Flüssigkeitsopfer — Wein, Honig, Milch oder Wasser) auf den Stufenaltären
- Tieropfer kleiner Tiere — Schafe und Ziegen
- Musikalische Zeremonien — Trommeln (Tympanon) und Flöten (Aulos) waren in der phrygischen Religion zentrale Rituelle Instrumente
- Anrufung der Göttin in ihrer göttlichen Wohnstätte im Fels — die Nische wurde als „Tür" der Göttin gedeutet
- Nachtzeremonien — die phrygischen Ursprünge der nächtlichen Riten, die in den griechischen und römischen Versionen des Kybele-Kultes bewahrt wurden
Verwandlung in Kybele
Die Ausbreitung der Matar Kubileya in die griechische Welt:
- 7.–6. Jh. v. Chr.: Griechische Kolonisten und Händler nahmen Kontakt mit Phrygien auf und lernten die Göttin kennen
- 6. Jh. v. Chr.: In griechischen Städten entstanden erste Kybele-Tempel (Athen, Korinth)
- 5. Jh. v. Chr.: Auf der athenischen Agora wurde das Metroon (Tempel der Muttergöttin) errichtet — deutlicher Beleg für die Übernahme eines aus Phrygien stammenden Kultes
- 204 v. Chr.: Der römische Senat ließ den Kybele-Kultstein aus Pessinus (Phrygien) offiziell nach Rom überführen, um göttlichen Beistand im Krieg gegen Hannibal zu erlangen
- 1.–4. Jh. n. Chr.: Kybele (Magna Mater) wurde eine der am weitesten verehrten Gottheiten des Römischen Reiches
Das Midas-Monument markiert den Ausgangspunkt dieser tausendjährigen kulturellen Reise.
Vergleichsperspektive mit Gordion
Die phrygische Zivilisation muss in einer bipolaren Struktur verstanden werden: politische Hauptstadt Gordion und religiöse Hauptstadt Midas-Stadt (Yazılıkaya).
| Merkmal | Gordion | Midas-Stadt (Yazılıkaya) |
|---|---|---|
| Funktion | politische Hauptstadt, Palast | religiöses Zentrum, Heiligtum |
| Lage | Sangarios-Ufer, Ebene | Hochplateau, 1.300+ m |
| Architektur | Megaron-Bauten, Holz | Felsenfassaden, Tuff |
| Bestattung | Tumulus (Hügelgrab) | Felskammergräber |
| Kunst | Mosaike, Möbel, Metall | geometrisches Felsrelief |
| Ausgräber | Univ. of Pennsylvania (USA) | Gabriel, Französisches Institut, türkische Teams |
| Berühmtester Fund | Großer Tumulus (Midas-Grab?) | 17-m-Felsfassade |
Der Große Tumulus in Gordion (MM-Tumulus, 53 m hoch, 300 m Durchmesser) datiert in die Zeit um 740 v. Chr. und gehört vermutlich Midas' Vater König Gordios. Seine hölzerne Grabkammer zählt zu den ältesten Holzbauten der Welt und wurde dendrochronologisch auf 740 ± 10 v. Chr. datiert. Die geometrische Dekoration der Holzmöbel im Tumulus teilt die gleiche ästhetische Sprache wie die Felsreliefs am Midas-Monument — ein Beleg für die Einheit der phrygischen Kunst.
Phrygisches Alphabet und Inschriftendetails
Alphabetsystem
Das phrygische Alphabet wurde im 8. Jh. v. Chr. auf Grundlage der phönizischen Schrift entwickelt — etwa zur gleichen Zeit und aus derselben Quelle wie das griechische Alphabet. Mit 20–22 Buchstaben wurde von links nach rechts geschrieben.
Inhaltliche Analyse der Inschriften am Midas-Monument
Die Hauptinschrift (oben links) enthält folgende Elemente:
- „ATES" — vermutlich der Name des Stifters oder Priesters
- „ARKIAEVAIS" — umstrittener Begriff, möglicherweise „Hohepriester" oder „Baumeister"
- „MIDAI" — Epitheton der Göttin (früher fälschlich als König Midas gedeutet)
- „MATAR" — „Mutter" (für die Göttin)
- „AKENANOGAVOS" — Titel oder Verbform unklarer Bedeutung
Diese Inschriften sind Schlüsseldokumente für die Entzifferung des Phrygischen. Sprachwissenschaftler wie Claude Brixhe und Michel Lejeune rekonstruierten anhand dieser Inschriften phrygische Grammatik.
Paläografische Merkmale
- Buchstaben sind etwa 8–12 cm hoch
- Eingravurtiefe variiert zwischen 0,5 und 1,5 cm
- Der Inschriftenbereich wurde durch Polieren der Felsoberfläche vorbereitet
- Manche Buchstabenformen sind paläografische Kriterien, die die Inschrift in die erste Hälfte des 7. Jh. v. Chr. datieren
Archäologische Forschung
William Martin Leake (1800)
Der englische Reisende William Martin Leake war der erste westliche Wissenschaftler, der das Midas-Monument dokumentierte. 1800, während seiner Anatolienreise, erreichte er das Plateau und nahm die geschnittene Fassade und die Inschriften auf, wobei er elf Zeichnungen anfertigte.
Charles Texier (1834)
Der französische Architekt und Forscher Charles Texier besuchte die Stätte 1834 und fertigte detaillierte Stiche an, die weit genauer als Leakes erste Skizzen waren. Texiers Publikation machte das Monument einem breiten Publikum bekannt.
Albert Gabriel (1937–1939)
Der Kunsthistoriker Albert Gabriel führte 1937–1939 die ersten systematischen archäologischen Grabungen in Yazılıkaya durch und legte damit das wissenschaftliche Fundament für das Verständnis der Stätte. Gabriels Kampagnen dokumentierten das gesamte Spektrum der archäologischen Merkmale des Plateaus.
Kampagnen des Französischen Archäologischen Instituts
Das Französische Archäologische Institut führte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg Grabungskampagnen in der Midas-Stadt durch. Diese Kampagnen legten einen Großteil der Siedlungsarchäologie des Plateaus frei, einschließlich Tunneln, Zisternen und zusätzlichen Fassaden, und etablierten die grundlegende Typologie der phrygischen Felsenarchitektur, die bis heute verwendet wird.
Grabungen des Museums Eskişehir (1990er)
In den 1990er Jahren leitete das Eskişehir-Museum weitere archäologische Untersuchungen, konzentrierte sich auf bisher unerforschte Bereiche und ergänzte neue Daten zur Chronologie und Entwicklung der Siedlung.
Laufende Forschung
Das Midas-Monument und die Midas-Stadt bleiben aktive Forschungsfelder. Türkische und internationale Wissenschaftler untersuchen weiterhin Inschriften (besonders während sich die Entzifferung des Phrygischen fortentwickelt), architektonische Typologie und Siedlungsgeschichte. Angesichts der Empfindlichkeit des Tuffmaterials und steigender Besucherzahlen steht die Stätte zudem im Fokus von Diskussionen über Denkmalpflege und Erhaltung.
Weitere bedeutende Monumente im Phrygischen Tal
Die Midas-Stadt ist das größte unter Dutzenden Monumenten im weiten Phrygischen Tal. Weitere bedeutende Felsenmonumente:
Aslankaya (Löwenfelsen)
Diese Kultfassade nahe Döğer (Afyonkarahisar) zeigt ein Paar Löwen in Relief zu beiden Seiten der Nische. Die Löwen symbolisieren als heilige Tiere der Matar den Schutz der Göttin. Die Fassade ist rund 10 m hoch und gilt nach dem Midas-Monument als zweitgrößtes phrygisches Felsenrelief.
Arslantaş
Dieses Monument an der Provinzgrenze von Afyonkarahisar verdankt seinen Namen den Löwenreliefs darüber. Es ist kleiner, aber gut erhalten in seiner geometrischen Dekoration.
Maltaş
Diese Fassade nahe İhsaniye (Afyonkarahisar) ist ein wichtiges „Halbfertig"-Beispiel und zeigt unfertige Steinmetzarbeiten, die die Vorgehensweise der phrygischen Bauleute offenbaren.
Bahşayiş
Die kleine Fassade im Dorf Bahşayiş (Afyonkarahisar) ist mit schlichten geometrischen Motiven verziert, was auf eine bescheidenere Gemeinschaft als Auftraggeber hindeutet.
Kümbet-Monument
Diese halbrunde Felsenstruktur nahe dem Dorf Kümbet repräsentiert einen seltenen Plantypus phrygischer Felsenarchitektur.
Diese Monumente in ihrer Gesamtheit zeigen, wie verbreitet und systematisch die felsige Kultarchitektur in der phrygischen Welt war; das Midas-Monument bildet die Spitze dieser Tradition.
Besucherinformationen
Anreise
- Aus dem DACH-Raum: Direktflüge nach Istanbul, Ankara oder Izmir; weiter mit Inlandsflug nach Eskişehir oder Mietwagen
- Von Eskişehir mit eigenem Fahrzeug: Auf der Afyon-Straße Richtung Südwesten, Abzweigung Han. Von Han Schildern Yazılıkaya folgen (insgesamt rund 70 km von Eskişehir, 1–1,5 Std.). Die letzte Annäherung erfolgt über asphaltierte, ausreichend beschilderte Straßen.
- Von Afyonkarahisar: Nordwärts Richtung Eskişehir und an der Abfahrt Han/Yazılıkaya abbiegen (ca. 90 km, 1,5 Std.).
- Von Ankara: ca. 280 km, etwa 3,5 Std. über Polatlı und Eskişehir. Für ein umfassendes phrygisches Erlebnis Kombination mit Gordion (phrygische politische Hauptstadt nahe Polatlı) erwägen.
- Mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Von Eskişehir Minibusse nach Han; von Han weiter mit lokalem Transport oder Taxi nach Yazılıkaya. Verbindungen sind begrenzt; Fahrpläne vor Ort prüfen.
Beste Reisezeit
- Später Frühling (Mai–Juni) und Frühherbst (September–Oktober) bieten die besten Bedingungen: warme Tage, kühle Abende und klarer Himmel für Fotografie. Die Frühlingsblüte verleiht der Vulkanlandschaft im Mai Farbe.
- Sommer ist heiß, aber tragbar; die Höhenlage mildert die Temperaturen im Vergleich zu den Städten der Ebene.
- Winter kann Schnee und Eis bringen und die Wege auf dem Plateau rutschig und gefährlich machen. Das Monument vor dem Winterhimmel ist jedoch eindrucksvoll.
Empfohlene Aufenthaltsdauer
- Minimum: 1,5–2 Std. für das Midas-Monument selbst und einen schnellen Rundgang über das Plateau.
- Empfohlen: 3–4 Std., um die gesamte Midas-Stadt mit Stufenaltären, Tunneln, Zisternen, Kammergräbern und befestigter Siedlungsumgebung zu erkunden.
- Ganztägig: Kombination mit weiteren Stätten im Phrygischen Tal (Aslankaya, Ayazini, Döğer) für eine umfassende phrygische Tour.
Praktische Tipps
- Das Gelände verfügt über einen kleinen Parkplatz, einige Informationstafeln und saisonale Verkaufsstände mit grundlegenden Besuchereinrichtungen. Ein bescheidener Eintritt kann erhoben werden (vor Ort prüfen).
- Festes Schuhwerk ist unverzichtbar — auf dem Plateau gibt es unebene Felsoberflächen, in den Stein gehauene Stufen und steile Abfälle an Klippenrändern.
- Wasser, Sonnenschutz und Hut mitbringen — auf dem offenen Plateau gibt es wenig Schatten und der Tuffstein reflektiert die Hitze.
- Das Monument blickt nach Osten und fotografiert sich am besten im Morgenlicht, wenn das geometrische Dekor durch dramatische Schattenmuster der aufgehenden Sonne hervorgehoben wird.
- Die Eskişehir Midas-Yazılıkaya Ören Yeri ist vom Kulturministerium offiziell als Museumsgelände registriert.
- Nehmen Sie sich Zeit, auf dem Plateau zu sitzen und die Panoramaaussicht aufzunehmen — die wellige Steppe, die vulkanischen Felsformationen und der unermessliche Himmel sind ebenso wichtig wie die Monumente selbst.
- Eine Taschenlampe mitbringen, um die Felsentunnel zu erkunden; im Inneren ist es dunkel.
Häufig gestellte Fragen
Ist das das Grab von König Midas?
Nein. Trotz seines populären Namens ist das Midas-Monument definitiv kein Grab. Es handelt sich um eine Kultfassade — eine symbolische Tempelfront —, die zur Verehrung der Muttergöttin Matar (Kybele) in den Fels gehauen wurde. Die zentrale Nische ist zu flach für eine Bestattung (etwa 30 cm tief) und für ein Kultbild, nicht für einen Sarkophag bestimmt. Der „Midas"-Name auf der Inschrift bezieht sich nicht auf den legendären König, sondern auf ein Epitheton der Göttin. Das tatsächliche Grab von König Midas in Gordion wird durch den 1957 ausgegrabenen Großen Tumulus repräsentiert.
Was ist der Unterschied zu Hethiter-Yazılıkaya?
Der Name „Yazılıkaya" (Beschriftete Felsen) wird in der Türkei für zwei völlig verschiedene archäologische Stätten verwendet. Diese Stätte nahe Eskişehir ist ein phrygisches Monument aus dem 7. Jh. v. Chr. Das andere, bekanntere Yazılıkaya nahe Hattuša (Boğazköy/Çorum) ist ein hethitisches Freilufttempel aus dem 13. Jh. v. Chr. mit Prozessionsreliefs hethitischer Gottheiten. Zwischen beiden liegen rund 300 km und 600 Jahre, sie repräsentieren völlig unterschiedliche Zivilisationen und Religionstraditionen.
Wie wurde eine so große Fassade gehauen?
Phrygische Steinmetze arbeiteten von oben nach unten und verwendeten Gerüste (vermutlich Holzplattformen, die in noch erhaltenen Sockellöchern an der Felswand verankert waren). Der weiche vulkanische Tuff ließ sich frisch freigelegt mit eisernen Meißeln und Hammern bearbeiten. Unfertige Fassaden am Gelände offenbaren die Schnittabfolge: zuerst grobe Vorblockung der Gesamtform, dann von oben nach unten die geometrische Dekoration, schließlich die zentrale Nische und ihre Rahmung.
Wer ist Kybele/Matar?
Matar Kubileya (Mutter des Berges) war die Hauptgöttin der phrygischen Religion — eine mächtige Muttergöttin, verbunden mit Natur, Fruchtbarkeit, Bergen und wilden Tieren. Die Griechen übernahmen sie als Kybele, die Römer als Magna Mater (Große Mutter). Ihre Verehrung breitete sich von Phrygien über das Mittelmeer aus, und 204 v. Chr. wurde ein heiliger Meteorit ihres Kultes offiziell nach Rom überführt. Sie wurde eine der am weitesten verehrten Gottheiten des Römischen Reiches.
Sind die Höhlen und Tunnel begehbar?
Die beiden großen Felsentunnel auf dem Plateau sind in der Regel für Besucher zugänglich; es kann jedoch innen dunkel sein (Taschenlampe mitbringen). Auch manche Kammergräber und kleinere Höhlen sind offen. Vorsicht in unterirdischen Räumen — die Oberflächen sind uneben, Decken stellenweise niedrig, und es gibt weder Geländer noch künstliches Licht.
Ist die Midas-Stadt an den Phrygischen Weg angeschlossen?
Ja, die Midas-Stadt/Yazılıkaya ist eines der Hauptziele des 506 km langen Phrygischen Weitwanderwegs. Die Route verbindet phrygische Stätten in den Provinzen Afyonkarahisar, Eskişehir und Kütahya und lässt sich abschnittsweise erwandern.
Womit sollte man diesen Besuch kombinieren?
Für ein umfassendes phrygisches Erlebnis Midas-Stadt mit folgenden Stätten verbinden:
- Aslankaya (Löwenfelsen-Monument nahe Döğer, Afyonkarahisar)
- Ayazini (Felsensiedlung und byzantinische Kirchen, İhsaniye, Afyonkarahisar)
- Gordion (phrygische politische Hauptstadt nahe Polatlı, Ankara) — weiter entfernt, aber unverzichtbar für das vollständige Verständnis der phrygischen Zivilisation; umfasst den Großen Tumulus König Midas' und das Gordion-Museum
- Eskişehir-Stadt — lebendige Universitätsstadt mit ausgezeichneten Museen, der Porsuk-Promenade und dem historischen Viertel Odunpazarı
Ist die Stätte für Besucher mit eingeschränkter Mobilität zugänglich?
Das Plateaugelände ist uneben, felsig und erfordert das Erklimmen von in den Stein gehauenen Stufen. Das Midas-Monument selbst ist von einer relativ ebenen Fläche an seiner Basis aus sichtbar; doch die Erkundung des weiteren Midas-Stadt-Komplexes erfordert mittlere körperliche Fitness und Trittsicherheit. Die Stätte ist nicht rollstuhlgerecht.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia DE, „Yazılıkaya (Phrygien)"
- UNESCO-Vorschlagsliste (whc.unesco.org/de/) — Phrygische Vadi
- Kulturministerium der Republik Türkei (kulturvarliklari.gov.tr)
- Deutsches Archäologisches Institut (DAI): dainst.org
- Österreichisches Archäologisches Institut (ÖAI): oeai.at
- Yazılıkaya (Midas-Stadt) — Livius (livius.org)
- Yazılıkaya — Midas Monument — Turkish Archaeological News
- Midas-Stadt — Phrygian Monuments Project
- Eskişehir Midas Yazılıkaya Ören Yeri — Turkish Museums
- Mysteriöse Midas-Stadt — Ancient Origins
- Anatoliens versteckte Juwelen: Yazılıkaya — Daily Sabah
- Kulturenvanteri.com — Midas Şehri
- Brixhe, Claude / Lejeune, Michel — Corpus des inscriptions paléo-phrygiennes