Kurzfassung: Amorium (heute Hisarköy bei Emirdağ, Provinz Afyonkarahisar) zählt zu den strategisch wichtigsten Städten des byzantinischen Anatoliens. Als Hauptstadt des Thema Anatolikon, der größten und prestigeträchtigsten Militärprovinz des Reiches, lag Amorium an einer zentralen Wegekreuzung Mittelphrygiens. Zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert war die Stadt das wichtigste byzantinische Bollwerk gegen die wiederholten Vorstöße der arabisch-muslimischen Heere. Der dramatische Fall der Stadt im Jahr 838 n. Chr. durch Kalif al-Mu'tasim zählt zu den berühmtesten Belagerungen der byzantinischen Geschichte und wurde sowohl in byzantinischer als auch in arabischer Literatur verewigt. Mit Oberstadt (Akropolis) und einer von einer etwa 3 km langen Mauer umschlossenen Unterstadt von über 65 Hektar bewahrt Amorium Spuren von sieben Hochkulturen: hethitisch, phrygisch, griechisch, römisch, byzantinisch, seldschukisch und osmanisch. Die seit 1988 laufenden systematischen Grabungen (zunächst Universität Oxford, später Anadolu-Universität) haben Kirchen, Befestigungen, Werkstätten und einen bemerkenswerten byzantinischen Getreidespeicher mit Pithoi voller verkohltem Weizen aus dem 9. Jh. ans Licht gebracht.
- Bedeutung Amoriums
- Geographie und Lage
- Historische Zeittafel
- 838: Zerstörung und die 42 Märtyrer
- Stadtgefüge und Befestigung
- Byzantinischer Getreidespeicher
- Kirchen und religiöses Leben
- Thema Anatolikon
- Ausgrabungen
- Besucherinformationen
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen und weiterführende Literatur
Bedeutung Amoriums
Byzantinische Militärhauptstadt: Als Sitz des Themas Anatolikon war Amorium das Kommandozentrum der bedeutendsten Militärprovinz des Reiches und die erste Verteidigungslinie gegen arabische Invasionen.
Belagerung 838: Der Fall Amoriums durch das Heer des Kalifen al-Mu'tasim ist eines der bestdokumentierten Ereignisse der byzantinisch-arabischen Kriege. Belagerung, Verrat und Zerstörung markieren einen Wendepunkt.
Die 42 Märtyrer: Die 42 als Geiseln nach Samarra (Irak) verschleppten und dort 845 hingerichteten Offiziere zählen zu den berühmtesten Märtyrererzählungen der orthodoxen Tradition.
Mehrperiodige Besiedlung: Das Areal reicht von der frühen Bronzezeit (ca. 2000 v. Chr.) bis in die osmanische Zeit und bewahrt eine besonders reiche byzantinische Schicht.
Geographie und Lage
Amorium liegt rund 13 km östlich von Emirdağ, im Dorf Hisarköy der Provinz Afyonkarahisar, auf etwa 1.000 m Höhe im inneranatolischen Hochland.
Strategische Lage
Die Bedeutung Amoriums beruhte auf seiner Lage an der Kreuzung großer römisch-byzantinischer Heerstraßen:
- Konstantinopel → Dorylaeum (Eskişehir) → Ostgrenze
- Ancyra (Ankara) → ägäische Küste
- Süden nach Ikonion (Konya) und zu den Kilikischen Toren
Wer Amorium hielt, kontrollierte den Verkehr zwischen Hauptstadt und Osten.
Direktflüge aus dem DACH-Raum
Ankara wird aus Frankfurt, München, Wien und Zürich direkt angeflogen. Von Ankara erreicht man Afyonkarahisar in rund 3 Stunden Autofahrt, Amorium liegt eine weitere Stunde östlich.
Historische Zeittafel
Bronzezeit und Hethiterzeit (ca. 2000–1200 v. Chr.)
Der Siedlungshügel der Oberstadt war ab der frühen Bronzezeit besiedelt. In hethitischer Zeit gehörte das Gebiet zum westlichen Grenzraum des Reichs.
Phrygische Zeit (ca. 1200–700 v. Chr.)
Nach dem Zusammenbruch des Hethiterreichs Teil des phrygischen Königtums, kulturell zwischen Gordion und den westlichen Territorien gelegen.
Griechisch-römische Zeit (ca. 700 v. Chr. – 395 n. Chr.)
- Nach Alexanders Eroberungen hellenistisch geprägt
- Unter Roma bescheidene Provinzstadt in Phrygien
- Eigene Münzen in der Kaiserzeit
- Schon im 4. Jh. Bischofssitz
Frühbyzantinische Zeit (395 – 7. Jh.)
- Bau der Unterstadtmauern (Ende 5. Jh.), umschließen über 65 Hektar
- Errichtung mehrerer Kirchen im 5.–6. Jh.
- Sitz des Strategos des Themas Anatolikon
Arabisch-byzantinische Kriege (7.–9. Jh.)
- Wiederholte arabische Vorstöße aus Umayyaden- und Abbasiden-Kalifat
- Amorium 644, 646, 669, 716 und mehrfach danach angegriffen
- Mehrfach beschädigt und wiederaufgebaut
- Stand bis 838 dauerhaft
838: Zerstörung und die 42 Märtyrer
Die Belagerung und Eroberung Amoriums im August 838 zählt zu den dramatischsten Ereignissen byzantinischer Geschichte.
Hintergrund
Der abbasidische Kalif al-Mu'tasim startete eine groß angelegte, gezielt gegen Amorium gerichtete Feldzug. Die Motivation war teils strategisch, teils persönlich — Kaiser Theophilos hatte Sozopetra, den Geburtsort des Kalifen, geplündert; al-Mu'tasim schwor Rache.
Belagerung
- Beginn am 1. August 838, Dauer rund zwei Wochen
- Die massiven Mauern widerstanden zunächst dem Direktangriff
- Ein zum Islam konvertierter byzantinischer Offizier namens Boiditzes verriet die Schwachstelle
- Am 12. oder 15. August durchbrachen die Araber an der verratenen Stelle die Mauern
- Die Stadt wurde geplündert und weitgehend zerstört; die Bevölkerung getötet oder versklavt
Die 42 Märtyrer
- Unter den Gefangenen waren 42 hochrangige Offiziere, die nach Samarra verschleppt wurden
- Nach sieben Jahren Haft wurde ihnen die Freilassung gegen Übertritt zum Islam angeboten
- Alle 42 verweigerten und wurden am 6. März 845 hingerichtet
- Die orthodoxe Kirche feiert sie als die 42 Märtyrer von Amorium (Festtag: 6. März)
Stadtgefüge und Befestigung
Oberstadt (Akropolis)
- Auf einem prähistorischen Siedlungshügel (Höyük)
- Höchster Punkt mit weitem Überblick
- In byzantinischer Zeit mit Mauern und Türmen befestigt
- Verwaltungsbauten und vermutlich das Militärhauptquartier des Themas Anatolikon
Unterstadt
- Umschlossene Fläche über 65 Hektar
- 3 km lange Mauerlinie
- Errichtet frühestens Ende 5. Jh.
- Halbrunde und rechteckige Türme in Intervallen
- Mehrere Tore
- Wohnviertel, Werkstätten, Kirchen, öffentliche Bauten und der Getreidespeicher
Byzantinischer Getreidespeicher
Eine der bemerkenswertesten Entdeckungen:
- Großer Speicherbau des 9. Jh.
- Enthält noch 11 Pithoi voller verkohltem Weizen
- Pithoi in situ gefunden
- Verkohlung entstand durch den Stadtbrand der Belagerung 838
- Liefert unschätzbare Belege zu byzantinischen Anbau-, Lagerungs- und Versorgungspraktiken
- Größe deutet auf einen staatlichen oder militärischen Versorgungsspeicher hin
Kirchen und religiöses Leben
Mehrere Kirchenbauten wurden identifiziert.
Unterstadtkirche
- Große Basilika
- Mehrere Bauphasen
- Marmorne Architekturdekoration und mögliche Mosaikfragmente
Bezug zum Ikonoklasmus
Während des byzantinischen Bilderstreits (726–843) spielte Amorium eine bemerkenswerte Rolle:
- Die Amorianische Dynastie (820–867) — darunter Michael II. und Theophilos — stammte aus Amorium
- Michael II. (820–829) wurde dort geboren
- Die amorianischen Kaiser unterstützten meist den Ikonoklasmus
Thema Anatolikon
Das Verständnis Amoriums setzt das byzantinische Themensystem voraus:
- Nach den arabischen Eroberungen des 7. Jh. organisierte Byzanz seine verbliebenen Territorien als Themen — militärisch-zivile Provinzen
- Das Thema Anatolikon (gr. Anatolikón, "Östliches") umfasste das innere Anatolien — etwa die heutigen Provinzen Afyon, Konya und Eskişehir
- Es war das größte und prestigeträchtigste Thema des Reiches
- Sein Befehlshaber (Strategos) zählte zu den mächtigsten Reichsbeamten
- Amorium bot Hauptquartier, Truppen und militärische Infrastruktur
Ausgrabungen
Martin Harrison und Universität Oxford (1988–2009)
- Prof. Martin Harrison (Oxford) eröffnete nach einer Vorerkundung 1987 die systematischen Grabungen im Jahr 1988
- Nach Harrisons Tod 1992 übernahm Chris Lightfoot (Metropolitan Museum, New York)
- Die Grabungen etablierten Amorium als Referenzort byzantinischer Archäologie
Anadolu-Universität (2014 – heute)
- Nach 20 Jahren britischer Leitung übernahm 2014 die türkische Seite
- Zeliha Demirel Gökalp (Anadolu-Universität, Eskişehir)
- Bedeutende Funde: Getreidespeicher mit 11 Pithoi, türkisch-islamische Therme, weitere Mauerabschnitte
Besucherinformationen
Lage: Hisarköy, ca. 13 km östlich von Emirdağ, Provinz Afyonkarahisar.
Anreise: Etwa 1 Stunde Autofahrt von Afyonkarahisar ostwärts. Von Emirdağ den Hinweisschildern nach Hisarköy folgen. Kein regulärer ÖPNV.
Dauer: 1–2 Stunden für die sichtbaren Reste.
Kombinierbare Ziele:
- Afyonkarahisar — Burgberg, Ulu Cami, Thermalquellen
- Gordion — phrygische Hauptstadt (UNESCO-Welterbe seit 2023, 150 km nordöstlich)
- Eskişehir — Altstadtviertel Odunpazarı und Museen
Tipps:
- Der Höyük der Oberstadt bietet den besten Überblick
- Sommer sehr heiß, Winter kalt — Frühling und Herbst ideal
- Wasser und Sonnenschutz mitbringen
- Das Areal ist weitläufig — bequemes Schuhwerk
- Grabungssaison (Sommer) kann zu Einschränkungen führen
- Übernachtung in Emirdağ begrenzt — besser in Afyonkarahisar
- Beste Fotostunden früher Morgen oder Sonnenuntergang
- Mindestens 2 Stunden für eine umfassende Besichtigung
Häufig gestellte Fragen
Was war Amorium? Eine große byzantinische Stadt in Mittelanatolien, Hauptstadt des Themas Anatolikon — der wichtigsten Militärprovinz des Reiches. Bollwerk gegen arabische Vorstöße.
Was geschah 838? Das Heer des Kalifen al-Mu'tasim belagerte und plünderte Amorium, nachdem ein Verräter eine Schwachstelle der Mauern verraten hatte.
Wer waren die 42 Märtyrer? 42 Offiziere, die 838 verschleppt, sieben Jahre in Samarra gefangen gehalten und 845 hingerichtet wurden, weil sie den Übertritt zum Islam verweigerten. In der orthodoxen Kirche heilig.
Was wurde ausgegraben? Kirchen, Befestigungen, Werkstätten und ein Getreidespeicher des 9. Jh. mit 11 noch heute mit verkohltem Weizen gefüllten Pithoi.
Lohnt sich der Besuch? Für an byzantinischer Geschichte Interessierte unbedingt — strategische Bedeutung und dramatische Geschichte machen den Ort eindrucksvoll.
Münzen und städtische Identität
Amorium prägte über einen langen Zeitraum Münzen:
- Kaiserzeitliche Münzen (2.–3. Jh.) zeigen Zeus, Artemis und die Stadttyche
- Manche Münzen bilden Stadtmauern und Türme ab — Stolz auf die Verteidigungskraft
- Vielfalt deutet auf eine wohlhabende, selbstbewusste Bürgerschaft
- Hilfreich für die Datierung der Bauphasen
- Ende der Prägung im 3. Jh. spiegelt die Reichskrise
Amorium in der byzantinischen Literatur
Belagerung und 42 Märtyrer hinterließen tiefe Spuren in byzantinischer und arabischer Literatur.
Byzantinische Quellen
- Theophanes Continuatus bietet die ausführlichste Schilderung
- Genesios und Skylitzes ergänzen weitere Perspektiven
- Hagiographische Texte zu den 42 Märtyrern als Schlüsseltexte orthodoxer Literatur
- Glaubensfestigkeit gegen den Islam als Leitmotiv
Arabische Quellen
- al-Tabari und al-Mas'udi schildern die Eroberung als Höhepunkt abbasidischer Triumphe
- Qasiden und Prosa feiern den Sieg
- Beide Seiten heben die Rolle des Verräters Boiditzes hervor — mit gegensätzlicher Bewertung
Türkische Literatur
- Osmanische Quellen nennen das Gebiet "Hergan Kalesi"
- Moderne türkische Geschichtsschreibung sieht Amorium als Symbol vielschichtiger anatolischer Geschichte vor der türkisch-islamischen Eroberung
Amorium und die strategische Bedeutung Innenanatoliens
Wegenetz und Kontrolle
- Amorium lag von der Antike an am Kreuzpunkt der Ost-West- und Nord-Süd-Achsen
- Der römische cursus publicus machte den Knotenpunkt zentral
- In byzantinischer Zeit folgten arabische Vorstöße denselben Wegen
- Auch heute ist die Region ein wichtiger Übergang im Dreieck Afyon–Eskişehir–Konya
Agrarischer Reichtum
- Die Getreidekapazität Innenanatoliens war für die byzantinischen Armeen lebenswichtig
- Der Speicherfund belegt Amorium als logistischen Knotenpunkt
- Die fruchtbaren Böden machten die Stadt wertvoll und belagerungsfähig
Verwundbarkeit und Resilienz
- Paradoxon: Dieselbe strategische Lage machte die Stadt sowohl unverzichtbar als auch ständig bedroht
- Von 644 bis 838 — fast 200 Jahre — überlebte Amorium zahlreiche Angriffe
- Erst Verrat brach den Widerstand
Bauliche Maße und numerische Daten
| Maß | Wert |
|---|---|
| Gesamte Stadtfläche | über 65 ha |
| Länge der Unterstadtmauer | ca. 3 km |
| Mauerstärke | bis zu 6 m |
| Akropolisfläche | ca. 5 ha |
| Höhe | ca. 1.000 m ü. M. |
| Türme | über 20 (rund und polygonal) |
| Haupttore | mindestens 4 |
| Dreieckturm | mehrgeschossig, einzigartig im Design |
Besonders auffällig ist ein dreieckiger, mehrgeschossiger Turm, der in byzantinischen Befestigungen kaum Parallelen findet.
Münzen aus den Grabungen: chronologische Details
| Vorderseite | Rückseite | Epoche |
|---|---|---|
| Kaiserporträt | Zeus sitzend | 2. Jh. |
| Kaiserporträt | Artemis stehend | 2. Jh. |
| Kaiserporträt | Tyche | 2.–3. Jh. |
| Kaiserporträt | Stadtmauern und Türme | 3. Jh. |
In der Grabungssaison 2005–2006 wurden insgesamt 52 Bronze- und Kupferlegierungsmünzen geborgen, darunter sechs Folles und Halbfolles Justinians II. (685–695).
Weinindustrie und urbane Produktion
Eine der überraschendsten Entdeckungen ist eine Weinproduktion in der Nähe der Therme im 7.–8. Jh.:
- Mehrere unabhängige Traubenpressanlagen rund um öffentliche Thermen
- Industrieller Maßstab — kommerzielle Produktion
- Ungewöhnlich, denn Pressen lagen meist auf dem Land
- Beleg für die ländliche Umwidmung urbaner Wirtschaft in byzantinischer Zeit
Unterstadtkirche und Baptisterium
- Vollständig ausgegrabenes Baptisterium nördlich der Basilika
- Ursprünglicher Teil des frühbyzantinischen Komplexes (5.–6. Jh.)
- Zentrales kreuzförmiges Taufbecken
- In den Boden eingelassen — für Vollbadtaufe
- Marmorne Bauornamentik und mögliche Mosaikreste
Grabungschronologie
| Datum | Forscher / Institution | Beitrag |
|---|---|---|
| 1987 | Martin Harrison (Oxford) | Voruntersuchung |
| 1988 | Martin Harrison | Beginn systematischer Grabung |
| 1988–1992 | Harrison-Team | Unterstadtmauern, Kirche |
| 1992 | Tod Harrisons | Projektübergabe |
| 1993–2009 | Chris Lightfoot (Metropolitan Museum) | Therme, Weinpressen, Baptisterium |
| 2005–2006 | Lightfoot-Team | 52 Münzen, Dreieckturm |
| 2014 | Zeliha Demirel Gökalp (Anadolu-Univ.) | Beginn der türkischen Phase |
| 2014–heute | Demirel Gökalp | Getreidespeicher, türkisch-islamische Therme |
Quellen und weiterführende Literatur
- Wikipedia DE — Amorion
- Chris Lightfoot, "Amorium: A Byzantine City in Anatolia" (Metropolitan Museum)
- Martin Harrison, Mountain and Plain (1998)
- Zeliha Demirel Gökalp — Grabungsberichte Anadolu-Universität (2014–)
- T.C. Kültür ve Turizm Bakanlığı — Amorium Antik Kenti
- Theophanes Continuatus — Primärquelle zur Belagerung 838
- al-Tabari, Tarīkh ar-Rusul wa l-Mulūk
- Lightfoot, C. — The Amorium Excavations Project (BIAA)
- Deutsches Archäologisches Institut (DAI) — dainst.org
- Österreichisches Archäologisches Institut (ÖAI) — oeai.at