Kurzfassung: Anavarza (antik Anazarbos, später Caesarea ad Anazarbum) ist eine der größten und eindrucksvollsten antiken Städte Südtürkeis. Sie erstreckt sich am östlichen Rand der Çukurova-Ebene zu Füßen eines gewaltigen, 200 Meter hohen Felsmassivs in der Nähe des Landkreises Kozan der Provinz Adana. In der römischen Kaiserzeit wetteiferte Anavarza mit Tarsos um den Status der Hauptstadt Kilikiens und erlangte zu Beginn des 3. Jahrhunderts unter Kaiser Septimius Severus die Titel Metropolis und Neokoros (Tempelhüterin). Die Stätte beherbergt den monumentalen dreitorigen Triumphbogen (Alakapı) — das einzige römische Triumphtor Kilikiens —, eine der breitesten Säulenstraßen der antiken Welt (34 Meter), ein riesiges Stadion, ein Theater, Thermen, Aquädukte, eine spektakuläre Bergfeste und außergewöhnliche byzantinische Mosaike. Anavarza ist die Heimatstadt des berühmten Arztes Dioskurides — des „Vaters der Pharmakologie" — und steht seit 2012 unter systematischer archäologischer Untersuchung. Die Stätte ist auf der Tentativliste des UNESCO-Welterbes der Türkei verzeichnet.
- Warum Anavarza bedeutsam ist
- Geographie und Lage
- Historische Chronologie
- Triumphbogen (Alakapı)
- Säulenstraße
- Stadion und Theater
- Bergfeste von Anavarza
- Thermen, Aquädukte und Infrastruktur
- Mosaike und Kirchen
- Dioskurides und das intellektuelle Leben
- Rivalität mit Tarsos
- Archäologische Grabungen
- Besucherinformationen
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen und weiterführende Literatur
Warum Anavarza bedeutsam ist
Anavarza ist aus vielerlei Gründen von Bedeutung:
Umfang und Erhaltung: Die Stätte erstreckt sich über ein gewaltiges Areal — die Unterstadt zieht sich entlang der Säulenstraße über mehr als einen Kilometer, während die obere Burg den gesamten Gipfel des Felsmassivs einnimmt. Bauten aus römischer, byzantinischer, armenischer und kreuzfahrerzeitlicher Epoche bilden eine außerordentlich vielschichtige archäologische Landschaft.
Triumphbogen: Die Alakapı (dreitoriger Triumphbogen) ist das einzige in Kilikien erhaltene römische Triumphtor und eines der schönsten Anatoliens. Mit einer Höhe von etwa 8 Metern und reicher Ornamentik macht sie ihn ihre monumentale Größe und sein üppiger Schmuck zu einer architektonischen Ikone.
Medizingeschichte: Anavarza ist der Geburtsort des Pedanios Dioskurides (ca. 40–90 n. Chr.), dessen fünfbändiges Werk De Materia Medica sowohl in der islamischen als auch in der europäischen Welt über 1.500 Jahre lang als pharmakologisches Standardwerk galt.
Städtische Rivalität: Der Wettstreit zwischen Anavarza und Tarsos um die kilikische Hauptstadtwürde liefert ein faszinierendes Beispiel antiker Bürgerrivalität — ein Kampf, der sich in Münzlegenden, Ehrentiteln und monumentaler Bautätigkeit ausdrückte.
Kontinuität: Die Besiedlung der Stätte reicht vom Chalkolithikum (ca. 5000 v. Chr.) bis zum Königreich Kleinarmenien (12.–14. Jh.) — über 7.000 Jahre menschlicher Präsenz.
Geographie und Lage
Anavarza liegt etwa 30 km südlich des Landkreises Kozan der Provinz Adana am östlichen Rand der Çukurova-Ebene, der weiten, fruchtbaren Ebene des antiken Kilikia Pedias (Ebenes Kilikien).
Das die Stätte definierende Element ist der Felsen von Anavarza — ein steiler Kalksteinfelsen, etwa 1,5 km lang und 800 m breit, der etwa 200 Meter über die umgebende Ebene aufragt. Diese natürliche Festung lieferte sowohl eine dramatische Kulisse als auch eine uneinnehmbare Verteidigungsposition.
Landschaftsmerkmale
- Felsmassiv: Die von der Burg gekrönte Felsformation beherrscht die Landschaft aus jeder Richtung über viele Kilometer.
- Çukurova-Ebene: Eine der fruchtbarsten Agrargebiete des Mittelmeerraums — in der Antike Getreideproduktion, heute Baumwolle und Zitrusfrüchte.
- Sumbas Çayı: Ein Nebenfluss des Ceyhan (antik Pyramus) fließt nahe der Stätte.
- Straßennetz: Anavarza lag am Kreuzungspunkt der Straßen, die Tarsos und Adana mit der Euphrat-Grenze und Nordmesopotamien verbanden — eine strategische Lage für Handel und militärische Logistik.
Historische Chronologie
Chalkolithikum und Bronzezeit (ca. 5000–1200 v. Chr.)
Archäologische Funde weisen auf menschliche Anwesenheit in Anavarza ab dem Chalkolithikum (ca. 5000 v. Chr.) hin. In der Bronzezeit war die Region als Kizzuwatna Teil des hethitischen Einflussbereichs.
Hellenistische Gründung (ca. 2. Jh. v. Chr.)
Die formelle Stadt Anazarbos wurde vermutlich in seleukidischer Zeit gegründet oder neu organisiert. Der Name könnte von einem lokalen anatolischen Ortsnamen abgeleitet sein.
Römische Kaiserzeit (1. Jh. v. Chr. – 4. Jh. n. Chr.)
Unter römischer Herrschaft erlebte Anavarza seine Blütezeit:
- 1. Jh. v. Chr.: Eingliederung in die römische Provinz Kilikien
- 19 n. Chr.: Umbenennung in Caesarea ad Anazarbum durch Kaiser Germanicus
- Flavische Zeit (69–96 n. Chr.): Bedeutende Bauaktivitäten
- 198 n. Chr.: Verleihung des Titels Neokoros (Tempelhüterin) durch Septimius Severus — das Recht, einen kaiserlichen Kulttempel zu beherbergen
- 204 n. Chr.: Erhebung zum Status Metropolis — Verwaltungshauptstadt der Cilicia Secunda; diese Ehre wurde Tarsos abgenommen
- 2.–3. Jh. n. Chr.: Höhepunkt der Blüte — Triumphbogen, Säulenstraße, Stadion und wichtige öffentliche Bauten stammen aus dieser Zeit
Byzantinische Epoche (4.–11. Jh.)
Anavarza wurde zu einer bedeutenden byzantinischen Grenzstadt:
- Sitz eines Erzbistums in der kirchlichen Hierarchie
- Errichtung zahlreicher mit reichen Mosaikböden geschmückter Kirchen und Basiliken
- Ab dem 7. Jh. zerstörten häufige arabische Einfälle die Stadt mehrfach
- 525 und 561: Zerstörerische Erdbeben legten weite Teile der Stadt in Trümmer; Wiederaufbau durch Kaiser Justinian I.
Königreich Kleinarmenien (11.–14. Jh.)
Mit der armenischen Bevölkerung, die nach den seldschukischen Eroberungen nach Kilikien kam:
- Anavarza wurde zu einer wichtigen Festung des Kilikisch-Armenischen Königreichs
- Die Burg wurde mit armenischen Befestigungsmauern umfassend wieder errichtet und erweitert
- Die Stadt diente zu Beginn des 12. Jh. kurzzeitig als armenische Hauptstadt
Mamlukische Eroberung und Aufgabe
Die mamlukische Invasion von 1375 beendete das Königreich Kleinarmenien. Anavarza wurde geplündert und weitgehend aufgegeben. Die Stätte wurde danach nicht wieder als größere Siedlung genutzt — was die antiken und mittelalterlichen Reste bewahrte.
Triumphbogen (Alakapı)
Die Alakapı („Verziertes Tor") ist das bekannteste Monument von Anavarza:
- Dreitoriges Triumphtor mit einem großen mittleren Bogen, flankiert von zwei kleineren Seitenbögen
- Das einzige in Kilikien erhaltene römische Triumphtor
- Geschätzte Höhe: etwa 8 Meter
- Errichtet aus fein geschnittenem Kalksteinquadermauerwerk
- Datiert in das 2.–3. Jh. n. Chr., vermutlich zur Erinnerung an die Erhebung Anavarzas in den Metropolis-Status
- Das Tor diente von Süden als monumentaler Zugang zur Säulenstraße
- Reich verziert mit korinthischen Pilastern, Gesimsprofilen und Reliefpaneelen
- Der lokale Name „Alakapı" spiegelt möglicherweise die ursprüngliche Polychromie wider — Farbspuren wurden nachgewiesen
Säulenstraße
Die Säulenhauptstraße (Cardo maximus) zählt zu den breitesten der antiken Welt:
- Gesamtbreite: etwa 34 Meter — breiter als die Säulenstraßen von Ephesos, Perge oder Apamea
- Länge: über einen Kilometer in Nord-Süd-Richtung durch die Unterstadt
- Beidseitig flankiert von korinthischen Säulen, die überdachte Portiken trugen
- Läden und Werkstätten öffneten sich zu den überdachten Wandelgängen
- Die Straße war mit großen Kalksteinplatten gepflastert
- Unter dem Pflaster verliefen Entwässerungskanäle
Stadion und Theater
Stadion
Das Stadion von Anavarza ist eines der größten Anatoliens:
- Maße: etwa 400 × 60 Meter
- Teilweise in den Fels am Fuß des Massivs gehauen
- Kapazitätsschätzung: 20.000–30.000 Zuschauer
- Genutzt für athletische Wettkämpfe, Wagenrennen und vermutlich Gladiatorenkämpfe
- Die Gladiatorentradition in Anavarza ist durch ein bei Grabungen gefundenes Relief des 2. Jh. dokumentiert, das Kampfszenen zeigt
Theater
- An die unteren Hänge des Felsmassivs gebaut
- Geschätzte Sitzkapazität: 8.000–10.000
- Sitzbereich teils in den Fels gehauen, teils gebaut
- Bau in römischer Zeit, mit späteren Veränderungen
Bergfeste von Anavarza
Die Burg nimmt den gesamten Gipfel des 200 Meter hohen Felsmassivs ein:
- Eines der größten Burgkomplexe Südtürkeis
- Mehrphasiger Bau: römische, byzantinische, armenische und vermutlich Kreuzfahrer-Phasen
- Am auffälligsten sind die armenischen Befestigungsmauern mit charakteristischer Schuttkernbauweise und halbkreisförmigen Türmen
- Eine in den Fels gehauene Treppe verbindet die Unterstadt mit dem Burggipfel
- Innerhalb der Burg: Reste eines Palastes, einer Kapelle, von Zisternen und Lagerräumen
- 360-Grad-Panorama von der Spitze über die Çukurova-Ebene
- Die steilen Felsen machten die Burg gegen einen Sturmangriff praktisch uneinnehmbar
Thermen, Aquädukte und Infrastruktur
Römische Thermen
Mehrere Thermenanlagen (Thermae) wurden identifiziert:
- Die große Therme nahe der Säulenstraße umfasst Bereiche für Frigidarium (Kaltraum), Tepidarium (Warmraum) und Caldarium (Heißraum)
- Die Hypokaust-Heizung mit Ziegelpfeilern (Pilae) ist noch sichtbar
Aquädukte
Ein mehrteiliges Aquädukt führte Wasser aus den Gebirgsquellen in die Stadt:
- Steinerne Bogenabschnitte sind entlang des Zugangs zur Stadt erhalten
- Wasserverteilung über Tonröhren und Steinkanäle
Nekropole
Ausgedehnte Gräberfelder umgeben die Stadt:
- In die Felswand gehauene Gräber
- Sarkophage aus verschiedenen Epochen
Mosaike und Kirchen
Die byzantinischen Kirchen von Anavarza beherbergen einige der schönsten Mosaikböden Kilikiens:
Kirchenmosaike
- Seit 2012 laufende Grabungen haben in mehreren Kirchenbauten ausgedehnte Mosaikböden freigelegt
- Motive: geometrische Muster, Weinranken, Vögel, Tiere und Inschriften
- Ein besonders schönes Mosaikpaneel aus dem 5.–6. Jh. stellt Jagdszenen mit detaillierten Tierfiguren dar
- Die Mosaike zeigen den Reichtum und die künstlerische Verfeinerung Anavarzas in byzantinischer Zeit
Kirchenarchitektur
- Mehrere Basiliken wurden in der Unterstadt identifiziert
- Eine große Basilika umfasst einen dreischiffigen Plan mit halbrunder Apsis
Dioskurides und das intellektuelle Leben
Der berühmteste Sohn Anavarzas ist Pedanios Dioskurides (ca. 40–90 n. Chr.):
- In Anazarbos geboren, diente er als Militärarzt in der römischen Armee
- Verfasste die fünfbändige pharmakologische Enzyklopädie De Materia Medica, in der er etwa 600 Pflanzen, 35 tierische Produkte und 90 Mineralien mit ihren medizinischen Anwendungen beschrieb
- Das Werk blieb sowohl in der islamischen Welt (übersetzt ins Arabische durch Hunain ibn Ishaq) als auch im mittelalterlichen Europa über 1.500 Jahre Standardreferenz
- Dioskurides' systematischer Ansatz, der für jeden Stoff Zubereitung, Dosierung und Wirkung dokumentierte, nimmt die moderne pharmakologische Methodik vorweg
- Auf den Münzen der Stadt finden sich gelegentlich medizinische Bilder (Äskulapstab mit Schlange)
Rivalität mit Tarsos
Einer der faszinierendsten Aspekte der Geschichte Anavarzas ist seine Bürgerrivalität mit Tarsos:
- Tarsos war die traditionelle Hauptstadt Kilikiens — Geburtsort des Apostels Paulus und ein bedeutendes Kulturzentrum
- Anavarza forderte diese Vorherrschaft mit aggressiver monumentaler Bautätigkeit heraus, indem es Rom um Ehrentitel ersuchte
- 198 n. Chr. erhielt es von Septimius Severus den begehrten Titel Neokoros
- 204 n. Chr. wurde es zur Metropolis der Cilicia Secunda erhoben — Kilikien wurde de facto geteilt
- Diese Rivalität ist in den Münzlegenden dokumentiert: Münzen aus Anavarza verkünden stolz die Titel ΜΗΤΡΟΠΟΛΙΣ und ΝΕΩΚΟΡΟΣ
- Der Wettkampf zwang beide Städte zu intensiven Investitionen in öffentliche Architektur
Archäologische Grabungen
Frühe Forschungen
- Europäische Reisende des 19. Jh. beschrieben die Ruinen
- Victor Langlois (1852) veröffentlichte frühe Beschreibungen
Moderne Grabungen (2012–heute)
Seit 2012 werden unter Leitung der Çukurova-Universität systematische Grabungen durchgeführt:
- Grabung der Säulenstraße und angrenzender Bauten
- Entdeckung von Gladiatorenreliefs, die im Stadion Gladiatorenkämpfe belegen
- Freilegung ausgedehnter byzantinischer Mosaikböden in Kirchenbauten
- Dokumentation des mehrphasigen Burgkomplexes
- Konservierungsarbeiten am Triumphbogen
- Die Grabungen haben gezeigt, dass die Besiedlung der Stätte bis ins Chalkolithikum (ca. 5000 v. Chr.) zurückreicht
UNESCO-Tentativliste
Anavarza wurde 2014 auf die Tentativliste des UNESCO-Welterbes der Türkei aufgenommen, in Anerkennung ihres herausragenden universellen Werts als mehrphasige archäologische Landschaft. Informationen unter: whc.unesco.org/de/ (Türkei-Tentativliste).
Besucherinformationen
Lage: Provinz Adana, etwa 30 km südlich von Kozan, in der Nähe des Dorfes Dilekkaya.
Anreise: Von Adana mit dem PKW etwa 1,5 Stunden (über die Straße Adana–Kozan ostwärts, dann nach Süden). Von Kozan Wegweiser in Richtung Dilekkaya/Anavarza. Keine reguläre öffentliche Verbindung zur Stätte. DACH-Direktflüge: Direkte Verbindungen ab Frankfurt, München, Wien nach Adana (ADA); alternativ über Istanbul/İzmir.
Öffnungszeiten: Täglich während der Tagesstunden geöffnet.
Eintritt: In aktiven Grabungssaisons kann eine symbolische Gebühr erhoben werden.
Dauer: Mindestens 2–4 Stunden. Die Stätte ist sehr ausgedehnt — für eine umfassende Erkundung einschließlich Burgaufstieg einen halben Tag einplanen.
Burgaufstieg: Der Aufstieg zum Burggipfel ist steil und anstrengend — pro Richtung 30–45 Minuten einplanen. Der Weg ist uneben und offen. Bei sommerlicher Hitze oder eingeschränkter Mobilität nicht empfohlen. Der Blick vom Gipfel ist außergewöhnlich.
Sehenswürdigkeiten in der Umgebung:
- Kozan — Festung von Kozan (armenische Epoche), Altstadt
- Kadirli — Nationalpark Karatepe-Aslantaş (späthethitische Festung mit zweisprachigen Inschriften)
- Adana — Taşköprü (römische Steinbrücke), Archäologisches Museum Adana
- Misis (Mopsuestia) — Römische Brücke und Arche-Noah-Mosaik
Tipps:
- Besonders bei warmem Wetter früh am Morgen beginnen
- Reichlich Wasser mitbringen — begrenzter Schatten an der Stätte
- Triumphbogen und Säulenstraße sind absolute Pflicht
- Der Burgaufstieg belohnt mit außergewöhnlichem Panorama
- Für den Burgaufstieg festes Schuhwerk tragen
- Die Stätte ist weiterhin aktives Grabungsgebiet — einige Bereiche können gesperrt sein
Häufig gestellte Fragen
Was ist Anavarza? Eine der größten antiken Städte Kilikiens zu Füßen eines 200-Meter-Felsmassivs. In römischer Zeit diente sie als Hauptstadt der Cilicia Secunda; sie beherbergt Triumphbogen, Stadion, Säulenstraße, Burg und byzantinische Mosaike.
Wer war Dioskurides? Pedanios Dioskurides (ca. 40–90 n. Chr.) wurde in Anavarza geboren und verfasste den einflussreichsten pharmakologischen Text der Geschichte, De Materia Medica, der über 1.500 Jahre lang verwendet wurde.
Ist es eine UNESCO-Stätte? Anavarza steht seit 2014 auf der Tentativliste des UNESCO-Welterbes der Türkei, ist aber noch nicht offiziell eingetragen.
Kann man die Burg besteigen? Ja, der Aufstieg ist steil und dauert 30–45 Minuten. Der Blick vom Gipfel zählt zu den besten Südtürkeis.
Architektonische Maße und numerische Daten
Anavarza ist eines der größten antiken Stadtgebiete der Türkei. Die folgende Tabelle zeigt die dimensionalen Eigenschaften und numerischen Daten der wichtigsten Bauten der Stadt:
| Bauwerk / Element | Maß / Wert | Epoche | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Triumphbogenbreite (Alakapı) | 22,5 m | 2.–3. Jh. n. Chr. | Dreitorig; einziges Beispiel Kilikiens |
| Triumphbogenhöhe | 10,5 m | 2.–3. Jh. n. Chr. | Beide Seitenbögen noch stehend |
| Triumphbogenstärke | 5,6 m | 2.–3. Jh. n. Chr. | Fein geschnittener Kalkstein |
| Säulenstraßenbreite | 34 m | 2.–3. Jh. n. Chr. | Eine der breitesten der antiken Welt |
| Säulenstraßenlänge | 2,5 km | 2.–3. Jh. n. Chr. | Nord-Süd-Richtung |
| Stadiongröße | 400 × 60 m | Römische Epoche | Teilweise in den Fels gehauen |
| Stadionkapazität | 20.000–30.000 | Römische Epoche | Athletische und Gladiatorenveranstaltungen |
| Theaterkapazität | 8.000–10.000 | Römische Epoche | Am Hang des Felsmassivs |
| Theaterarenagröße | 62 × 83 m | Römische Epoche | Oval geformt |
| Felsmassivhöhe | ~200 m | Natürlich | Steil aus der Ebene aufragend |
| Felsmassivlänge | ~1.500 m | Natürlich | Burg bedeckt den gesamten Gipfel |
| Felsmassivbreite | ~800 m | Natürlich | Natürliche Verteidigungsposition |
| Aquäduktgesamtlänge | 25 km | 92 n. Chr. (Domitian) | Eines der längsten Aquädukte der Welt |
Die 34 Meter Breite der Säulenstraße macht sie breiter als die Straßen berühmter Städte wie Ephesos, Perge und Apamea. Zusammen mit ihrer Länge von 2,5 Kilometern verdeutlicht dies das gewaltige Ausmaß des städtischen Maßstabs Anavarzas in römischer Zeit.
Münz- und numismatische Belege
Anavarza besitzt eine reiche und vielfältige Münzgeschichte. Diese Münzen sind wichtige Quellen, die unmittelbar den politischen Aufstieg, die Rivalität mit Tarsos und die kulturelle Identität der Stadt dokumentieren:
Zeit des Tarkondimotos (1. Jh. v. Chr.)
Der lokale kilikische König Tarkondimotos I. und seine Nachfolger prägten in Anavarza Münzen in eigenem Namen. Diese Emissionen positionierten die Stadt als mögliche Königsmünzstätte und spiegelten ihren halbautonomen Status unter römischer Oberaufsicht wider. Auf Münzen ab 30 v. Chr. ist die Schrift „Anazarbeon" lesbar.
Münzen der römischen Kaiserzeit
Die Münzen Anavarzas aus römischer Zeit verkünden stolz die erworbenen Titel der Stadt:
| Epoche | Darstellungen | Legende | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Germanicus (19 n. Chr.) | Germanicus-Porträt | KAICAPEΩN | Umbenennung der Stadt |
| Flavier (69–96 n. Chr.) | Kaiserporträts | ANAZAPBEΩN | Zeit der Bauaktivitäten |
| Septimius Severus (198 n. Chr.) | Kaiserporträt | NEΩKOPOΣ | Erster Neokoros-Titel |
| Septimius Severus (203 n. Chr.) | Kaiserporträt | B NEΩKOPOΣ | Zweiter Neokoros-Titel |
| 204 n. Chr. | Stadtgöttin (Tyche) | MHTPOΠOΛIΣ | Metropolis-Status |
| Späte Kaiserzeit | Verschiedene | Γ NEΩKOPOΣ | Dritter Neokoros-Titel |
Die Münzen Anavarzas, die zugleich drei Neokoros-Titel tragen, zeigen, welch prestigeträchtigen Rang die Stadt im Netzwerk des römischen Kaiserkults erreichte. Die Titelrivalität mit Tarsos ist numismatisch unmittelbar verfolgbar, da beide Städte die Begriffe ΜΗΤΡΟΠΟΛΙΣ (Metropolis) und ΝΕΩΚΟΡΟΣ (Neokoros) stolz auf ihre Münzen prägten.
Gladiatorentradition und Arenakultur
Die nach 2013 in Grabungen am Stadion gefundenen Gladiatorenreliefs des 2. Jh. n. Chr. dokumentieren das Bestehen einer entwickelten Arenakultur in Anavarza. Diese Reliefs zeigen Kampfszenen detailliert und liefern wichtige ikonographische Daten zu Waffentypen, Rüstungen und Kampfpositionen der Gladiatoren.
Die Maße des Stadions von 400 × 60 Metern und die Kapazität von 20.000–30.000 Personen machten Anavarza zu einem der größten Unterhaltungszentren der Ostprovinzen des Römischen Reiches. Die Arena wurde neben athletischen Wettkämpfen auch für Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe genutzt.
Aquäduktsystem und städtische Infrastruktur
Das von Kaiser Domitian im Jahr 92 n. Chr. errichtete Aquädukt von Anavarza ist mit einer Länge von 25 Kilometern eines der längsten und prachtvollsten Aquädukte der antiken Welt. Diese Ingenieursleistung versorgte die große Bevölkerung der Stadt und die öffentlichen Bauten (Thermen, Nymphäen, Brunnen) mit dem nötigen Wasser.
Das Wasserverteilungssystem umfasste:
- Eine 25 km lange Hauptleitung von den Gebirgsquellen in die Stadt
- Auf Bogenkonstruktionen errichtete Abschnitte (Teile noch erhalten)
- Städtisches Verteilungsnetz aus Tonröhren
- Entwässerungskanäle unter der Hauptstraße
- Wasserzuleitung zu mehreren öffentlichen Thermen
Erdbebengeschichte und Wiederaufbauten
Anavarza war im Laufe seiner Geschichte verheerenden Erdbeben ausgesetzt und wurde jedes Mal wieder aufgebaut:
| Jahr | Ereignis | Folge |
|---|---|---|
| 525 n. Chr. | Großes Erdbeben | Weite Teile der Stadt zerstört |
| 561 n. Chr. | Zweites großes Erdbeben | Erneute schwere Schäden |
| 525–561 n. Chr. | Kaiser Justinian I. | Umfassendes Wiederaufbauprogramm |
Justinians Wiederaufbauprogramm hat den byzantinischen Resten Anavarzas seinen Stempel aufgedrückt. Die Mosaikböden der Kirchen und Basilikabauten sind weitgehend Produkte dieser Wiederaufbauphase. Die Jagdszenen, Tierfiguren und geometrischen Muster der Mosaikpaneele des 5.–6. Jahrhunderts belegen, dass die Stadt in dieser Zeit ihre künstlerische und wirtschaftliche Vitalität bewahrte.
Quellen und weiterführende Literatur
- Dioskurides: De Materia Medica — das grundlegende pharmakologische Werk des berühmtesten Bürgers von Anavarza
- Michael Gough: Anazarbus — frühe archäologische Dokumentation
- Fatih Gözlük u. a.: „Die jüngsten Grabungen in Anavarza" (Çukurova-Universität, ab 2012)
- UNESCO-Welterbe-Tentativliste — Antike Stadt Anazarbos: whc.unesco.org/de/
- Strabon: Geographica XIV.5.18 — Beschreibung der kilikischen Städte
- Plinius der Ältere: Naturalis Historia V.22 — Verweis auf Anazarbos
- Wikipedia (DE) — Anazarbos
- Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus — Kulturelles Erbe Adana, kulturportali.gov.tr
- Deutsches Archäologisches Institut (DAI) — dainst.org — kilikische und armenische Forschung
- Österreichisches Archäologisches Institut (ÖAI) — oeai.at

